Das abgetrotzte Glück - DER SPIEGEL
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AUTOREN Das abgetrotzte Glück

Der lange Zeit fast vergessene Literatur-Nobelpreisträger Iwan Bunin, als »russischer Proust« bewundert, ist mit seinen Liebeserzählungen neu zu entdecken. Von Ulla Hahn
• aus DER SPIEGEL 24/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war einmal, da begegneten sich Mann und Frau noch nicht, als besuchten sie einen Freizeitpark. Und wenn vor dem außerehelichen Geschlechtsverkehr, der noch »Vergehen« oder »Fehltritt« hieß, die Frau den Mann wie in der Erzählung »Der Sohn« (1916) fragte: »Hast du etwas bei dir?«, so meinte sie damit kein Kondom, sondern einen Revolver. Damals war ein One-Night- Stand eben noch eine Sache auf Leben und Tod.

Schleierhütchen, Knöpfstiefel, Muff und Gamaschen haben wir abgestreift, aber »Liebe und andere Unglücksfälle« erleben wir wie zu Zeiten Iwan Bunins, der vor mehr als 130 Jahren geboren wurde, in Woronesch, etwa 500 Kilometer südlich von Moskau, als Sohn eines Adligen, der das Vermögen durchgebracht hatte.

Bunin wuchs auf dem Land auf, begann früh zu schreiben, zunächst Lyrik, und avancierte mit den Prosawerken »Das Dorf« (1910) und »Suchodol« (1912; der Titel heißt so viel wie »Trockenes Tal") zum Lieblingsautor der liberalen Intelligenz der Vorrevolution. Seine Bücher wurden diskutiert wie vordem nur die des gut 50 Jahre älteren Turgenjew.

Doch während dieser den Muschik als Ausbund an Tugend zeichnet, moralisch weit höher stehend als alle, die ihn unterjochen, ist der russische Bauer bei Bunin durch die elenden Lebensumstände habsüchtig, gehässig, egoistisch geworden - Gutsherren wie Bauern sind gleichermaßen Opfer des Verfalls der Feudalherrschaft.

Marxisten verstanden daher die Erzählungen als Kritik am Kapitalismus. Gorki bewunderte Bunins Stil, bedauerte aber, dass der adlige Kollege keine Stellung bezog, und verglich ihn mit »einem Popen, der angestrengt und voller Trauer seiner eigenen Klasse die Totenmesse liest«.

Was Gorki bemängelt, macht gerade die Qualität schon der frühen Prosa Bunins aus: ein kühler, beobachtender, unparteiischer Blick. Beschreibung ohne Wertung. Nichts ist zufällig. Ein Hütchen, ein Handschuh, der Faltenwurf eines Rocks genügen, um dem Leser anzudeuten, ob die Dame eine mit oder ohne Anführungsstriche ist.

Ein Meister der Stimmungen ist Bunin. Doch keine Stimmung wird bloß mit einem Adjektiv benannt, sie entsteht durch genaue Beschreibungen von Charakteren und Konflikten. Alles spielt eine Rolle: die Kleidung, die Einrichtung, Häuser, Straßen, vor allem aber Landschaften zu allen Jahreszeiten. Die Atmosphäre einer Landschaft wird zum vollkommenen Spiegelbild des Innenlebens der Personen.

Es gibt Dichter, die schreiben sozusagen mit den Ohren. Bunin schreibt mit den Augen. Seine Augen machen den Menschen durchsichtig; wir sehen durch all die Draperien hindurch.

Bunins dicht gefügte, durchsichtige Sätze, ihre »aufwandlose Plastizität«, die Thomas Mann lobte, waren das Ergebnis besessener Arbeit. Endfassungen ging eine Vielzahl von Entwürfen voraus. Alles musste stimmen, vom Blusenknopf bis zur Gesamtkomposition. Nicht von ungefähr hat man seine geschliffene Prosa mit der Präzision und Eleganz mathematischer Formeln verglichen.

Dieser Knappheit und Anschaulichkeit kommen die hier vorliegenden Übersetzungen mit einem schlanken Stil entgegen; das bringt Tempo in die Sprache und beugt Sentimentalitäten vor, etwa wenn der Titel der Geschichte eines Ehebruchs mit »Sonnenstich« und nicht - wie in der älteren Fassung - mit »Sonnenstrahl« übersetzt wird.

Gelernt hat Bunin bei Flaubert, den er seit den ersten Leseerlebnissen bewunderte, eine Faszination, die er mit Tschechow teilte. Den verehrte er ebenfalls, allerdings nur dessen Erzählungen, nicht die Stücke, deren »Empfindelei« ihn störte.

Die größte Bewunderung hegte Bunin jedoch für Tolstoi. Bunins Erzählung »Der Herr aus San Francisco« (1915), die ihn sofort in ganz Europa bekannt machte, ist zweifellos durch Tolstois »Der Tod des Iwan Iljitsch« - aber auch von Thomas Manns »Der Tod in Venedig« - angeregt worden.

Gegenüber Dostojewski war sein Urteil verhalten: »Wie verabscheue ich alle diese verschrobenen Burschen, die die Romane von Dostojewski bevölkern, diese anspruchsvollen Schwätzer mit ihren verrückten Ideen ... Doch seine Schilderungen menschlichen Elends sind ergreifend. In seiner Kunst, das Hässliche als Drum und Dran des Lebens aufzuzeigen, bleibt Dostojewski unübertroffen.«

1917 bedeutete für Bunin den Einsturz einer Welt, den Umsturz aller Werte. Er floh nach Odessa, wo sich die gegenrevolutionären Weißen, unterstützt von englischen Truppen, bis 1920 halten konnten. Danach lebte er, bis zu seinem Tod, in Frankreich. Die deutsche Besatzung erlebte er in seinem Sommerhaus bei Grasse. Dort hatte ihn auch die Nachricht vom Nobelpreis erreicht, den er 1933 als erster russischer Autor erhielt.

Nur 4 der 30 in dem neuen Sammelband mit dem Titel »Liebe und andere Unglücksfälle« versammelten Geschichten hat Bunin vor 1920 geschrieben. Die meisten entstammen dem Erzählband »Dunkle Alleen« (1943), den der Autor selbst für seinen besten hielt.

Horst Bienek hat Bunin einen »russischen Proust« genannt. Doch Bunins Werk ist etwas anderes als eine »Suche nach der verlorenen Zeit«, auch wenn Ikonenbilder auf der Altarwand schimmern, Hufeisen auf dem Pflaster klappern, Wodka, Wein und Cognac in Strömen fließen und weiße Handwurzeln geküsst werden. So eindringlich das versunkene Russland mit den Farben der Sehnsucht gemalt wird, es ist doch nur eine Kulisse, der Hintergrund, vor der die alten Geschichten immer wieder neu inszeniert werden.

Bunins Forschungsfeld ist das menschliche Herz, sind die unerschöpflichen Spielarten der Beziehungen zwischen Mann und Frau. »Ich sehe Menschen lieben, ich sehe Menschen sterben, und dies alles, um der Welt nur etwas Glück abzutrotzen«, sagte er in einem Interview. Bunins Menschen sind süchtig nach Wärme und Zuneigung, heißhungrig nach Leben. Sie wollen heraus aus ihrem Trott und ziehen den rauschhaften Augenblick, koste es, was es wolle, dem täglichen Einerlei vor. Häufig trifft man sie auf Reisen - Bunin selbst reiste gern und viel -, auf Besuchen in fremden Häusern, kurz, in ungewohnten Umgebungen, losgelöst aus alltäglichen Bindungen, reizbar für alles Neue.

Da ist die arme, verblühende Frau, die auf einem Schiff mit einem jungen erfolgreichen Schriftsteller schläft ("Visitenkarten"); die Ehefrau, die mit einem Leutnant von Bord und in ein Hotel geht ("Sonnenstich"). Immer werden Grenzen überschritten, und die Überschreitungen müssen gebüßt werden. Liebe bei Bunin braucht das Hindernis. Klasse, Ehe oder schlicht das, was man früher »Charakter« nannte.

Bunins Menschen halten nicht mit sich Haus. Sie machen mit ihren Gefühlen keine Kosten-Nutzen-Rechnung auf. Liebe ist Heimsuchung, ist Hörigkeit. Fast immer gibt es Täter und Opfer, die Geschlechter mal auf dieser, mal auf jener Seite. Auch Männer kurieren Liebeskummer nicht mit Aspirin, sondern mit dem Revolver an der Schläfe ("Der Kaukasus"). Und Männerträume wie in »Musa« verwandeln sich mit einem Satz in einen Alptraum. Frauen ergreifen die Initiative, sie verlassen schon mal einen rosa Dampfer wie Nora ihr Puppenheim, nutzen eine Dienstreise des Gatten für ein Gspusi mit dem Hausfreund ("Die Gevatterin") oder verführen einen Maler, dem sie einfach von der Straße ins Atelier folgen.

So gibt es also keine glückliche Liebe? Doch. Aber nicht auf Dauer. Und wo wäre das Verhängnis der Vergänglichkeit besser aufzuzeigen als beim Thema Liebe? Wo Lebens- und Liebeslust in ihrer schmerzhaften Schönheit erst überwältigend werden im Bewusstsein ihrer Vergänglichkeit.

In den späten Erzählungen lässt Bunin das 19. Jahrhundert thematisch und stilistisch hinter sich, auch wenn es Rückblenden ins alte Russland gibt und der Autor sich mit Rollenprosa als Gymnasiast, Student oder Leutnant die verlorene Jugend zurückschreiben möchte.

Der Autor ist nicht mehr klüger als seine Personen, spart jede Begründung für ihr Handeln und Verhalten aus, schert sich nicht mehr um Motivationen, Psychologismen und Erklärungen. Konflikte werden notiert, aber keine Lösungen. Scheinbar nur mit Oberflächenreizen, mit Äußerlichkeiten versorgt, bleibt es dem Leser überlassen, das Innenleben der Personen zu begreifen. Bunin hat mit diesen Erzählungen, oft auf weniger als zehn Seiten, eine eigentümliche Form zwischen Novelle und Short Story geschaffen.

Heute unverständlich ist die damalige Reaktion auf diese Erzählungen. Abgesehen von den Tagebuchaufzeichnungen »Verfluchte Tage«, Prosa aus den Wochen der Revolution, hatte Bunin sich nie viel um soziale und politische Fragen gekümmert. Für ihn stand stets die Anziehungskraft zweier Menschen im Mittelpunkt - auch in ihrer Körperlichkeit, deren Beschreibung in ihrer Kühnheit mitunter an D. H. Lawrence erinnert.

»Greisenhafte Frivolität« warf man dem 73-Jährigen vor und dass er in einem Augenblick, wo ihm Zeitprobleme hätten auf den Nägeln brennen sollen, nichts anderes als solche Dinge im Kopf hatte. Bunin reagierte empört: »Da beschäftige ich mich, ein alter Mann, mit dem Rätselhaftesten, das es in der Welt gibt, versuche, zum Ursprung des Lebens vorzudringen und die Quelle allen Seins zu ergründen, und man wirft mir geistige Leichtfertigkeit vor. Das ist einfach unbegreiflich!«

In der Tat. Liebe, ob als Glücks- oder Unglücksfall, ist nun einmal »der Ursprung des Lebens«. Und schlimmer selbst als unglückliche Liebe ist nur eines: dass sogar sie vergeht. Wie eben das Leben auch. Und alle »anderen Unglücksfälle«. Und so wäre denn das einzige wahre Unglück unsere Vergänglichkeit.

Das hat Bunin gewusst, wenn er den Menschen das »schreibende Tier« nennt. »Ungeschriebene Dinge und Taten versinken ins Dunkel und fallen dem Vergessen anheim, geschriebene aber werden beseelt ...« Und so schrieb Bunin nicht nur, um das Vergangene zu vergegenwärtigen, er schrieb gegen die Vergänglichkeit schlechthin an.

Was wären wir Menschen schließlich ohne das Bewusstsein, dass jede »Sach ein End hat« (Hugo von Hofmannsthal) - und ohne unseren Kampf dagegen?

Glückliche Affen. Im Freizeitpark.

Ulla Hahn
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