KUNST Das Dresdner Bilderwunder
Es war ein Akt der Selbstbehauptung. Eine symbolische Handlung, die den katastrophengebeutelten Einwohnern der Stadt, den Katastrophentouristen und den von überall angereisten Katastrophenjournalisten eines klar machen sollte: Dresden ertrinkt, aber die Kunst, die hält sich über Wasser. Die Bilder trotzen den Fluten.
Am Dienstag vergangener Woche, nur 48 Stunden nachdem die Elbe angefangen hatte, langsam in ihr angestammtes Bett zurückzukehren, öffnete das Albertinum seine Pforten. In der Antikenhalle des traditionsreichen Museums können die Besucher jetzt ein wirres Sammelsurium besichtigen - eben erst ins Trockene gebrachte Kunstwerke und an ihrem Stammplatz gebliebene, wild durcheinander gewürfelt. Der Anblick dokumentiert jene dramatischen Tage und Nächte, in denen Hunderte von Helfern retteten, was zu retten war: barocke Statuen und antike Kleinplastiken, historische Gipsabgüsse und Gemälde, 11 000 Werke allein aus der Skulpturensammlung, über verwinkelte Treppen hastig aus dem Depot nach oben geschafft, wo das Wasser nicht hinkam.
Es ist wie ein Wunder: Kein einziges Werk der Staatlichen Kunstsammlungen fiel den Fluten zum Opfer. Doch die Schäden sind beträchtlich, vor allem in der weltberühmten Gemäldegalerie Alte Meister im Zwinger, nahe dem Albertinum.
Auch hier wurden innerhalb von sieben Stunden 4000 Gemälde aus den unterirdischen Depots gerettet. Ohne funktionierenden Lastenaufzug und bei Notbeleuchtung, der Strom war ausgefallen. Eine Rolle mit 19 aufgewickelten Großformaten, darunter historische Stadtansichten von Dresden, war zu sperrig. Sie kam mit dem Wasser in Berührung, die Schäden müssen noch begutachtet werden.
Bei sechs alten Meistern mussten die Retter improvisieren. Sie befestigten sie unter der Decke. Und dort sollen sie noch bis Dienstag hängen, denn so lange kann es dauern, bis der Lastenaufzug wieder in Betrieb gesetzt ist. Erst danach können die Restauratoren prüfen, ob »Der Besuch Heinrichs III. von Frankreich in Venedig« von Palma dem Jüngeren oder Paolo Veroneses »Raub der Europa« unbeschadet davongekommen sind. Das Wasser stieg zwar nicht bis an die Decke, aber die extreme Feuchtigkeit setzte den alten Leinwänden dennoch zu.
Weitaus größere - und in der Folge teurere - Spuren hat das Hochwasser an den historischen Gebäuden hinterlassen. Auch hier hat es den Zwinger am schlimmsten erwischt. Der gesamte Bau war bis 1992 aufwendig restauriert und mit modernster Technik ausgestattet worden. »Die Lebensadern in diesem Gebäude sind gekappt«, sagt Martin Roth, 47, der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen. »Hier sind alle Nervenbahnen durchgeschlagen.« Allein die Instandsetzung der Gemäldegalerie könnte 20 Millionen Euro kosten. Wiedereröffnung: nicht vor dem nächsten Frühjahr.
Über mangelnde Hilfsbereitschaft kann Roth sich nicht beklagen. Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin hat drei Millionen Euro für die Rettung von Kulturgütern zugesagt. Spendenkonten wurden eingerichtet, und die staatlichen Museen von Berlin und München haben Klimatruhen geschickt, um Temperatur und Luftfeuchtigkeit für die geretteten Kunstwerke stabil zu halten.
Dennoch erheben Roth und sein Technischer Leiter Michael John, 41, schwere Vorwürfe. Denn allmählich taucht aus den stinkenden Fluten der Elbe die Frage auf, ob in jener Nacht von Donnerstag auf Freitag, als das Wasser im Zwinger immer höher stieg, alles mit rechten Dingen zuging. Er war an dem Abend zu Hause, berichtet John. Die erste Ruhepause nach drei durchwachten Nächten. Gegen 22.45 Uhr erreichte ihn ein Anruf von seinen Mitarbeitern: Das Technische Hilfswerk habe das Stromaggregat abgeschaltet, die Feuerwehr ziehe gerade die Pumpen ab. Offensichtlich sei der Zwinger aufgegeben worden. Museumsdirektor Roth erhielt zur selben Zeit Anrufe von befreundeten Journalisten, die diese Vermutung bestätigten. Von Seiten der Einsatzleitung kam keine offizielle Information - so Roths Vorwurf.
John setzte das hauseigene Notstromaggregat wieder in Betrieb, damit die Evakuierung der Gemälde nicht bei Kerzenschein vonstatten gehen musste. Dann klemmte er sich das Handy ans Ohr. Er erreichte eine Firma im Erzgebirge, die um halb eins zusätzliche Pumpen und Generatoren anlieferte. Eine weitere Pumpe besorgte er aus dem benachbarten Kempinski Hotel Taschenbergpalais.
Das ist ein weiterer Vorwurf: Im Kempinski und im Kulturpalast sei die ganze Nacht weitergepumpt worden - warum nicht auch im Zwinger? Schlimmer noch: »Die haben das Kempinski ausgepumpt und das Wasser bei uns reingepumpt«, sagt Roth. Um sechs Uhr früh habe ihm die Feuerwehr sogar die aus dem Kempinski herbeigeschaffte Pumpe wieder abgenommen - und sich über sein eigenmächtiges Eingreifen beschwert.
Die Stadtverwaltung bestreitet Roths Vorwürfe. »Wir mussten das Material abziehen, um Menschenleben zu retten. Wir durften keine Einsatzkräfte vergeuden«, sagt Kai Schulz, Sprecher des Oberbürgermeisters. Aber warum wurde dann am Kempinski weitergepumpt? Wurden hier nicht erst recht Einsatzkräfte vergeudet?
»Wir haben überhaupt nicht gepumpt«, sagt Thomas Rübel, Sprecher des Kempinski. »Wir haben sogar Leute vom Technischen Hilfswerk zum Zwinger geschickt, um dort zu helfen.« Und ein Einsatzleiter des Technischen Hilfswerks bestätigt: »An den Vorwürfen ist nichts dran. Hätten wir gepumpt, wäre das Wasser sofort zurückgelaufen.«
Es wird wohl noch viel Wasser die Elbe hinunterfließen, bis geklärt ist, wer in jener Nacht welche Fehler gemacht hat. Fest steht, dass ohne die private Initiative der Museumsleitung der Schaden wohl um ein Vielfaches höher ausgefallen wäre.
So kann Direktor Roth schon eine feierliche Einweihung planen: Am 6. Oktober soll die erweiterte Porzellansammlung eröffnen - wie ursprünglich vorgesehen. Sammler aus der ganzen Welt haben sich angesagt, und das sind »Fanatiker, von denen hätte keiner Verständnis, wenn wir den Termin wegen des Hochwassers verschieben«, sagt Roth.
Und was die übrigen Sammlungen anbelangt, so hat die Flut den Museumsdirektor auf neue Ideen gebracht. Denn das wilde Sammelsurium im Antikensaal des Albertinums bringt ihn ins Schwärmen. »Diese zufälligen Arrangements sind unglaublich beeindruckend.« Er habe das noch keinem gesagt - aber vielleicht sei das sogar ein neues Ausstellungskonzept. Das wäre doch wunderbar. JULIA FRIEDRICH