Das Herz eines Boxers kennt keine Liebe
Dies ist ein Schwarzweiß-Film, und sein Held ist ein Box-Champion. Im grellen Gegenlicht der Scheinwerfer über dem Ring spritzen Schweiß und Blut, wenn das Trommelfeuer von Schlägen auf einen zuckenden Schädel herunterprasselt. Die wochenschauhafte Roheit der Bilder, das hämmernde Staccato der Montagen und das furiose Fan-Gekreische, das sie begleitet, beschwören ein Ritual der nackten Aggression.
Der Mann, der da kämpft, wirkt kaum wie ein Sportler, ein Profi, ein Faustkampf-Artist: Er läßt sich in die Fresse hauen, bis der Schmerz eine tiefe Hemmschwelle in ihm bricht, dann fällt er mit explodierendem Haß, mit besessenem Vernichtungswillen über den Gegner her.
Da kämpft ein Mann, dem seine Welt und sein Nächster im Boxring so wirklich wie nirgends sonst erscheinen, ein Mann, der in der Sprache der krachenden Faustschläge (die seine einzige ist) eine verzweifelte letzte Wahrheit über sich erfährt und aus sich heraustrommelt.
Einmal, etwa in der Mitte, wird der Film plötzlich bunt. Da werden -- in unruhigem Wechsel mit schwarzweißen Schnappschüssen, die Stationen einer aufsteigenden Boxerkarriere markieren -- idyllische Szenen aus dem Familienalbum vorgeführt: Die gefürchtete Kampfmaschine stellt sich als leutseliger Familienpatriarch zur Schau, mit Verwandten, mit Party-Freunden, und immer wieder mit dem platinblonden Juwel von Frau, das ihm der Ruhm eingebracht hat, samt den entzückenden Kinderchen -- und all das in den bald grellbunten, bald ausgelaugten Tönen eines alten 8-mm-Amateurfilms.
Die bewegend dilettantischen Heimkino-Streifen wie das grobkörnig harte Wochenschau-Material für die Kampf-Sequenzen haben Martin Scorsese und sein Kameramann Michael Chapman mit all dem artistischen Raffinement hergestellt, das am Ende »Authentizität« vortäuscht. Mit der Wahl dieser Stilmittel, ihrer eleganten Meisterung und den Spannungs-Reizen, die er dem Gegensatz abgewinnt, führt Scorsese sich als Virtuosen des Erzählkinos vor, als Spieler mit höchstem Risiko und als beunruhigenden Alleskönner.
Doch alle Virtuosität bliebe nur schön und eitel, hätte der Film nicht einen Ernst, eine Intimität, eine emotionale Kraft, die überwältigt. Scorseses literarische Vorlage -- die rotzigsentimentale Autobiographie von Jake La Motta, genannt der »Bulle von der Bronx«, der 1949 gegen Marcel Cerdan Mittelgewichts-Weltmeister wurde und den Titel 1951 gegen »Sugar« Ray Robinson verlor -- hat nichts von der inneren Notwendigkeit, die eine so hybride Ring-Karriere exemplarisch machen könnte.
Daß der Film (an dem La Motta als Berater und Trainer des Stars seltsam beharrlich Anteil nahm) diese Evidenz gewinnt, ist Scorseses Kunst, die seiner Autoren Paul Schrader und Mardik Martin und die seines Stars Robert de Niro. Die wahrhaft bedrohliche Intensität von de Niros Darstellung macht in dem blindwütigen Berserker die Qual eines Menschen fühlbar, der sich nur äußern kann, indem er um sich schlägt. Er paßt in kein Zimmer; für ihn können Türen nur zum Zuknallen dasein und Möbel zum Rumschmeißen.
Natürlich erzählt der Film, was zu einer Show-Karrieregeschichte gehört: Wie dem kleinen Italoamerikaner, der im Jugendknast boxen gelernt hat, der Weltmeistertitel zum fanatisch verfolgten Lebensziel wird, zum fast metaphysischen Lohn für alle Prügel, die er von klein auf einstecken mußte; wie er sich langsam hochkämpft; wie er sich (weil er an die reine Vernichtungskraft seiner Fäuste glaubt) hartnäckig weigert, mit der im Box-Business allmächtigen Mafia zu kungeln; S.192 wie er endlich doch kapitulieren und als Einstandspreis einen abgekarteten Kampf schmachvoll verlieren muß; wie er endlich ...
Und dennoch: Zuerst und zuletzt ist dieser Film kein Boxring-Spektakel, sondern eine fast intime, sich zart und kompliziert entfaltende Geschichte zwischen drei Menschen, die ohne einander nicht sein können und aneinander kaputtgehen.
Da ist der große Bruder Joey (Joe Pesci), der ewige große Bruder, der den kleinen beschützt, betreut, begönnert, befürsorgt, auch als der ihm längst über den Kopf gewachsen ist: lebenslang unerträglich und unentbehrlich für den Schläger Jake als Verkörperung seines guten schlechten Gewissens wie als Punching-Ball, an dem er, wenn kein anderer Feind zur Hand ist, seine Wut auslassen kann.
Und da ist Vickie (Cathy Moriarty), die unnahbare Traumfrau, die Fünfzehnjährige, die marmorhaft makellose Platinblonde mit dem herausfordernd vulgären Mündchen, die Jake zu seinem Idol macht. Auch zu ihr muß ihm der treue Joey verhelfen, weil Jake den Mund nicht aufkriegt und mit den Händen nichts anfangen kann.
Was aber kann ein Joey, was kann eine Vickie -- dieses Kind mit seidigen Wimpern und glänzenden Fingernägeln, das noch als Mutter seiner Kinder immer ein Kind bleibt -- für diesen Gefangenen seines Hasses sein? Seine Wirklichkeit, sein Ort der Freiheit ist der Boxring, und die tiefste menschliche Beziehung verbindet Jake mit seinem Angst- und Traum-Feind in sechs Kämpfen, mit »Sugar« Ray Robinson.
Den lang ersehnten, erquälten Weltmeisterschafts-Sieg des Rammbocks von der Bronx, dessen ewiges Markenzeichen ein vulgär getigerter Bademantel ist, glorifiziert Scorsese musikalisch mit dem abgefeimten Opernpomp der »Cavalleria Rusticana« -- und was darauf folgt, noch mal Schlag auf Schlag, ist ein grausig rapider Niedergang. Das Feuer des Hasses, das ihn auf den Gipfel getrieben hat, ist erloschen, der wütende Siegeswille dahin.
Im wirklichen Endkampf wendet Jake sich gegen sich selbst: Frühe Impotenz-Ängste flackern auf, Schuldgefühle und der vergiftende Zweifel daran, daß er, der schwitzige, stinkende Bronx-Bulle, den Ring-Sieg und die Liebe der makellosen Schönen, die sein Bett ziert, je wirklich verdient habe.
In seinem letzten Amoklauf drischt Jake -- nicht wie ein Stier, nein wie eine Wildsau über die geheiligte italienische Familienmahlzeit hereinbrechend -- die nieder, die ihm am treuesten waren: seine platinblonde Desdemona und den ewig vorwurfsvollen, ewig unterwürfigen großen Bruder Joey.
Ein paar Jahre später hängt Jake, früh gealtert, aufgeschwemmt und aus dem Leim gegangen, als sein bester Kunde an der Bar des Nachtklubs in Miami Beach, der ihm gehört; verjubelnd, was noch zu verjubeln ist, als wäre Selbstvernichtung das letzte Ziel; und weil sein glasiger Blick schon nicht mehr recht wahrnimmt, daß die eine oder andere Nutte neben ihm minderjährig ist, sitzt er bald im Knast und rennt mit dem Schädel gegen die Tür -- endlich wieder Nichts.
Der Rest Leben, in den Jake La Motta sich rettet, ist eine Ehe mit einer aufgequollenen Stripperin und eine Existenz als Witzereißer und Rezitator in drittklassigen New Yorker Nachtclubs, wo er -- der juwelenbesetzte Weltmeistergürtel, der der Inbegriff seines Selbstgefühls war, ist längst verscherbelt -- mit seinem zerschlissenen Ruhm hausiert. Othello endet als Bajazzo -- eine moralische Geschichte.
Martin Scorsese, der nach dem manierierten Musical-Flop »New York, New York« drei Jahre keinen Film gedreht hat, überwältigt in »Raging Bull« sein Publikum selbst mit der Energie eines wilden Stiers. Noch einmal seine mythisierte Kindheitswelt der Italo-New Yorker; noch einmal die zerstörerische Bruder-Bruder-Liebe, die das Thema von »Mean Streets« war; noch einmal die Einsamkeit des räudigen Wolfs, der schon als »Taxi Driver« durch den Großstadt-Dschungel schnürte -- all das nun zusammengeballt zu einem Stück Kino-Wirklichkeit von grausamer Wucht. Was heißt »Meisterwerk«? »Raging Bull« ist ein Hammer.
Urs Jenny