Das Kino danach - DER SPIEGEL
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FESTIVALS Das Kino danach

In »11'09"01 - September 11« machen sich elf Regisseure Gedanken über den Terror: Der in Venedig vorgestellte Film ist ein packendes Dokument.
• aus DER SPIEGEL 37/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hektisch versuchen die Männer und Kinder des Dorfs im iranisch-afghanischen Grenzgebiet, aus Lehm und Mauersteinen noch ein paar primitive Bunker in die staubige Landschaft zu klotzen. Die Lehrerin sagt ihnen, gegen Amerikas Bomben böten ihre Unterstände ohnehin keinen Schutz. Dann sammelt sie die Kinder ein und fragt sie, ob sie gehört hätten von jenem wirklich schlimmen Ereignis, das über die Welt gekommen sei. Ja, meldet sich einer der Jungs, er wisse Bescheid: Zwei Männer des Dorfs seien in den Brunnen gefallen und dabei tödlich verunglückt.

So beginnt der Beitrag der iranischen Regisseurin Samira Makhmalbaf zum Sammelwerk »11'09"01 - September 11«, für das elf renommierte Kino-Regisseure aus aller Welt ohne weitere Absprachen einen Film ablieferten, der die Länge von genau elf Minuten, neun Sekunden und einer Einstellung haben durfte. »Die menschliche Dimension der Tragödie« von New York und Washington hätten sie darstellen wollen, gaben die Organisatoren des Projekts bei der Vorstellung des Films vergangene Woche beim Festival in Venedig zu Protokoll, aber auch die Resonanz des Ereignisses überall in der Welt.

Nun haben Reporter und Fernsehberichterstatter, die sich etwa den Angehörigen der im World Trade Center getöteten Menschen näherten, die menschliche Dimension der Tragödie durchaus bedrückend eingefangen; und doch gelingt den Kino-Leuten in »September 11« eine oft mitreißende Demonstration der Darstellungskraft ihrer eigenen Kunst. So mitreißend, dass der Betrachter sich angesichts der Belanglosigkeit vieler anderer in Venedig gezeigter Filme fragte, ob »September 11« nicht den Startimpuls für ein ernsthaftes, engagiertes Kino der nächsten Jahre markieren könnte - und sollte.

Klar, bietet das Zweieinviertelstundenwerk das durchaus erwartete Sammelsurium aus Stilen, Perspektiven und politischen Meinungen, klar, finden sich auch ein paar eher dürftige Arbeiten in diesem Konvolut: So redet der ägyptische Regisseur Youssef Chahine einfach mit dem Geist eines 1983 in Beirut getöteten US-Soldaten, und sowohl der Franzose Claude Lelouch als auch der Amerikaner Sean Penn lassen ihre Helden (eine junge taubstumme Frau bei Lelouch, ein alter Witwer bei Penn) in New Yorker Wohnungen bei eingeschaltetem Fernseher die Bilder von den brennenden Türmen ignorieren - ein etwas billiger dramaturgischer Kniff.

Wirklich erschütternde Zeichen des Mitgefühls für die Menschen, die bei der Zerstörung des World Trade Center umkamen, findet der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu, der vor allem durch den Film »Amores Perros« bekannt wurde: In seinen elf Minuten bleibt die Leinwand fast vollständig schwarz, nur hin und wieder sieht man für Augenblicke Bilder von jenen Todgeweihten, die sich aus den Gebäuden stürzten. Auf der Tonspur hört man ein paar der letzten Grüße und Liebesbotschaften, die die Eingeschlossenen auf den Anrufbeantwortern ihrer Nächsten hinterließen, dann schwellen die Stimmen von Nachrichtensprechern, schluchzenden Hinterbliebenen und betenden Kindern an zu einer Symphonie des Grauens. Sehr schlicht, sehr bewegend.

Trotzdem ist es die eigentliche Stärke von »September 11«, dass viele Regisseure nicht die Trauer zum Thema machen, sondern die Wirkung der Anschläge auf Menschen in aller Welt. Der bosnische Regisseur Danis Tanovic zeigt, wie die Witwen des Massakers von Srebrenica auf die Schocknachrichten aus den USA reagieren, der aus Burkina Faso stammende Filmemacher Idrissa Ouedraogo lässt ein paar afrikanische Straßenjungs davon träumen, den Terrorchef Osama Bin Laden zu fangen und mit dem Geld die Medikamente für ihre kranken Angehörigen zu bezahlen.

Mit bitterem Witz setzt der britische Regisseur Ken Loach einen chilenischen Exilanten an den Schreibtisch, wo der Mann einen Kondolenzbrief an die Angehörigen der Opfer des 11. September 2001 schreibt - und daran erinnert, dass an einem anderen 11. September im Jahr 1973 auf amerikanisches Betreiben die sozialistische Regierung Salvador Allendes gestürzt wurde. Mindestens 30 000 Tote hatte dieser Terrorakt zur Folge, und Loach zeigt schreckliche Bilder von Gefolterten und Getöteten. Mitten hinein aber schneidet der Regisseur den US-Präsidenten George W. Bush mit einem seiner Leitsätze vom vergangenen Herbst: »Es war ein Anschlag nicht bloß gegen unser Land, sondern ein Anschlag auf die Freiheit selbst, der hier verübt wurde.« Zorniger, treffender kann politische Polemik kaum sein.

Beiträge wie der von Loach oder der der Inderin Mira Nair (die von hysterischen Auswüchsen der Terroristenjagd innerhalb der USA erzählt) sind sicher nicht schuldlos daran, dass das Filmprojekt »11'09"01 - September 11« in den Vereinigten Staaten selbst auf wenig Gegenliebe stieß und dort nur wenig Chancen hat, in die Kinos zu kommen - wie es jetzt, pünktlich zum Jahrestag der Anschläge, etwa in Frankreich und Italien geschieht. Auch in Deutschland traute sich offenbar lange niemand an das Werk heran: Erst seit Ende August hat der Film überhaupt einen Verleih, frühestens Ende November soll er in den Kinos anlaufen. WOLFGANG HÖBEL

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