Das Knackmandel-Phantom - DER SPIEGEL
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BIOGRAFIEN Das Knackmandel-Phantom

Der Germanist Hans-Harald Müller hat gewagt, was ihm lange unmöglich schien: Die Rekonstruktion des Lebens von Leo Perutz, einem der rätselhaftesten Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts.
• aus DER SPIEGEL 47/2007
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Nach fast einem Vierteljahrhundert der Suche - nach Reisen, die ihn bis Wien, Prag, Amsterdam, Tel Aviv oder Kalifornien geführt haben, nach Tausenden von Seiten, die er auf Dachböden entdeckt und anschließend entschlüsselt hat - sagt Hans-Harald Müller, 64, Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Hamburg, er habe es nicht geschafft. Das Werk und das Leben des Leo Perutz waren nicht lückenlos miteinander in Verbindung zu bringen.

Trotzdem hat Müller die Ergebnisse seiner Suche jetzt zu Perutz' 125. Geburtstag veröffentlicht.

Er hat eine Biografie vorgelegt über einen Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts, der Rätsel aufgibt; einen, über den seine Leser, trotz seines beachtlichen Erfolgs kaum etwas wussten, lange noch nicht einmal, »wann er wo gelebt hat«, wie Müller sagt*.

Perutz hat sich ein Leben lang fast allen Auskünften über seine Person entzogen.

»Bitte, schreiben Sie nichts über mich und alles über meine Romane!«, beschied er den Schriftsteller Josef Kalmer, der einen Essay zu Perutz' 75. Geburtstag verfassen wollte. »Natürlich«, sagt Müller, »macht einen so etwas scharf.«

Also hat er sich 1983 auf die Suche gemacht und wusste dabei eine ziemlich prominente Riege von Perutz-Fans hinter sich, die inzwischen von Theodor W. Adorno über den James-Bond-Erfinder Ian Fleming und Jorge Luis Borges bis Daniel Kehlmann reicht.

Perutz wurde, so viel war klar, 1882 in Prag geboren, floh 1938 als Jude ins Exil nach Palästina und starb 1957 in Österreich. In den Zwischenkriegsjahren, auch das lässt sich noch sagen, war er einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren. Seine Romane, die »Die dritte Kugel« (1915), »Der Meister des Jüngsten Tages« (1923) oder »Wohin rollst du, Äpfelchen ...« (1928) hießen, waren von äußerster Spannung, raffiniert erzählt und vorangetrieben von einer klaren musikalischen Sprache. Sie beschäftigten sich oft mit historischen Ereignissen, glitten manchmal auf verstörende Weise ins Unheimliche ab und vertrauten immer wieder auf die moderne Methode eines Erzählers, von dem nicht eindeutig zu sagen war, ob seine Schilderungen glaubwürdig waren: Nicht nur im echten Leben, auch in seiner Literatur liebte Perutz die Verwirrspiele.

In einem seiner stärksten Romane, seinem Debüt »Die dritte Kugel«, wird beispielsweise nie klar, was eigentlich mit diesem dritten Geschoss, von dem immer wieder die Rede ist, tatsächlich passiert. Müller pflegte in seinen Seminaren sogar 100 Mark auszuloben für den Studenten, der eine wasserdichte Theorie über das Rätsel der dritten Kugel liefern konnte. Müller musste das Geld nie auszahlen.

Mit der Abschirmung seiner Privatsphäre hat Perutz in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts bereits etwas vorgemacht, was heute angesichts einer immer heftiger ins Private eindringenden Öffentlichkeit einige Künstler versuchen - der konsequenteste unter ihnen ist wohl der amerikanische Autor Thomas Pynchon, hinter dem manche sogar einen Menschen ganz anderen Namens vermuten; der schon mal mit einer Papiertüte über dem Kopf in

einer »Simpsons«-Episode auftaucht und so womöglich bekannter geworden ist als durch seine Literatur. Auch Perutz hätte 1927 fast einen Vertrag über 18 000 Mark für einen Vorabdruck in der »Berliner Illustrirten Zeitung« platzen lassen, weil er sich erst nicht abbilden lassen wollte.

Wenn Künstler heute ihr Privates abschirmen, ist dies eine möglicherweise nachvollziehbare Reaktion auf eine Öffentlichkeit, die immer vehementer Skandale, Scheidungen und Nacktheit fordert; wenn aber jemand dasselbe um 1920 versucht, muss mehr dahinterstecken, überlegte sich Müller, und außerdem: Jeder Mensch hinterlässt Spuren. Oder auch ehemalige Liebhaberinnen.

Müllers erste Reise führte ihn nach Wien, das war 1983. Der Zsolnay-Verlag, der Perutz verlegt, hatte Müller die Adresse einer betagten Dame gegeben, die Perutz in den zwanziger Jahren gekannt haben soll, Blumenstockgasse 5, erster Bezirk. Damals wohnte auch Perutz in Wien, wohin er, wie Müller später herausfinden sollte, mit seinen Eltern - sein Vater war jüdischer Textilfabrikant - 1901 aus Prag gezogen war.

In Wien zwischen 1918 und 1928 schrieb Perutz sich zum Star hoch, seine sechs Romane aus dieser Zeit wurden, was man heute Bestseller nennen würde. Von manchen verkaufte er die Filmrechte, Adorno hat den »Meister des Jüngsten Tages« einen »bedeutenden« und »genialen Spannungsroman« genannt, und der Autor Richard A. Bermann, auch bekannt als Arnold Höllriegel, schrieb: »Es ist alles echt, und so, als hätte er sichs aus dem Finger gesogen.«

Bloß Tucholsky hatte schon nach der Lektüre von »Die dritte Kugel« ein etwas vergiftetes Lob aus Berlin herübergeschickt: »Das ist ein hübsches Buch. So eins, das man, wenns draußen furchtbar regnet, mit einem Teller Knackmandeln neben sich, tot für die Umwelt, verschlingt, mit der einen Hand blättert man um, mit der zweiten stopft man sich langsam eine Knackmandel nach der andern in den Mund ...«

Mit seinen Knackmandeln trifft Tucholsky den Kern einer bis heute anhaltenden Debatte um das Werk von Perutz: Was so vergnüglich zu lesen ist wie Perutz' Bücher, so lautet der Verdacht, ist wohl eher Kolportage als Literatur. »Bis heute«, sagt Müller, »gibt es Literaturwissenschaftler, die finden, dass Perutz im Kanon nichts verloren hat.« Er aber gehe jede Wette ein, dass dieses Urteil bald überwunden sein wird - wie auch bei E. T. A. Hoffmann, »dessen Erzählungen bis in das späte 19. Jahrhundert unterschätzt« worden seien.

Denn Perutz wandte etwas an, das die postmoderne Literaturtheorie heute die Mehrfachkodierung eines Textes nennt: Man kann ihn auf unterschiedlichen Ebenen lesen. Wer unterhalten werden will, kann wie Tucholsky Perutz' Romane als Abenteuerlektüre zusammen mit Knackmandeln konsumieren. Wer sich aber tiefer in den Text hineinwagen möchte, findet in unzuverlässigen Ich-Erzählern, konkurrierenden Darstellungen von Wirklichkeit und auf den zweiten Blick unstimmigen Figuren allerlei Hinweise zu komplexeren Deutungen. Und doch spielte Perutz nach dem Krieg keine Rolle mehr. Exilliteraten hatten es ohnehin schwer - nicht nur Perutz, auch Alfred Döblin etwa, kämpfte nach dem Krieg um Anerkennung und Broterwerb.

Als Müller also in der Blumenstockgasse in Wien ankommt, erklärt die Dame dem Professor, sie habe seit 1926, obwohl verheiratet, ein Verhältnis mit Perutz gehabt, ein ziemlicher Frauenheld sei er gewesen. Auf Müllers Einwand, dass Perutz doch zumindest auf den wenigen Fotografien, die existierten, ein doch gar nicht so ansehnlicher Mann sei, erwiderte sie: »Aber wenn Perutz in einen Raum kam, veränderte er die Atmosphäre.« Dann gab sie dem Professor eine Adresse in Tel Aviv. Dort lebten die Kinder von Perutz, und da fände sich vielleicht sogar ein Nachlass.

Und tatsächlich wähnte sich Müller, nun in den späten achtziger Jahren, fast am Ziel, als er auf dem Dachboden bei Perutz' Tochter in Tel Aviv Tausende sogenannter Flottenkalender fand, kleine Notizbücher, in die Perutz für fast jeden Tag Eintragungen vorgenommen hatte. Müller hatte es doch gewusst: Jeder Mensch hinterlässt Spuren. Nun würden sich endlich Entstehungsgeschichten, Reflexionen und Querverweise zu Perutz' Romanen rekonstruieren lassen: Aus der Phantomexistenz würde nun ein volles Künstlerleben.

Doch Müller, sosehr er auch in den kleinen Büchern blätterte, konnte kein Wort entziffern, nichts als Hieroglyphen! Perutz hatte die Gabelsberger-Kurzschrift benutzt, die heute kaum noch jemand kennt. Und als sich schließlich eine Sekretärin Müllers opferte und in den Ferien begann, diese Schrift zu lernen, kam der zweite, noch viel größere Schreck: Perutz erwähnt über all die Jahre hinweg - die Eintragungen erstrecken sich von 1909 bis 1957 - mit kaum einem Wort seine literarische Produktion.

Stattdessen geht es um Liebschaften, Reisen, Gesundheit, Einkünfte und Ausgaben. Immerhin ließ sich Perutz' äußeres Leben jetzt rekonstruieren - aber reicht das für eine Biografie? Dass er als Versicherungsmathematiker in Wien angestellt war, dass er viele Liebschaften hatte, dass er sich im Wiener Café Herrenhof manchmal prügelte, unter welchen Umständen er 1938 nach Palästina floh, wie er dort zunächst unglücklich war?

Müller rief Michael Krüger an, den Chef des Hanser-Verlags, zu dem auch der Perutz-Verlag Zsolnay gehört. »Es ist abgesagt«, ließ er Krüger wissen, »meine Ergebnisse eine Biografie zu nennen wäre Etikettenschwindel.« Krüger aber, so erinnert sich Müller heute, erwiderte: »Das gibt es nicht, dass man über einen Autor keine Biografie schreiben kann.« Also schrieb Müller. Krüger muss man dafür danken. PHILIPP OEHMKE

* Hans-Harald Müller: »Leo Perutz. Biografie«. Zsolnay Verlag,Wien; 408 Seiten; 24,90 Euro.

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