VOLKSWAGEN Das Kuckucksei
Das Urteil stand zwischen einem Bericht über Bekömmlichkeit und Nährwert von Tomatensuppen und einer Begutachtung von Vorrichtungen, mit denen sich das Überkochen von Milch vermeiden lassen soll. Es lautete: »Der Volkswagen war der teuerste Wagen, den wir getestet haben. Er war auch der beste.«
Monatelang hatten Testfahrer und Techniker der britischen Verbraucher -Organisation (Consumers' Association Ltd.) acht populäre Automobile geprüft, ehe sie ihren Spruch - in der Januar-Nummer der Verbraucher-Zeitschrift »Which?« - veröffentlichten. Sechs der getesteten Automobile waren britischer Machart: Austin A 40, Morris Minor, Triumph Herald S, das Mini-Car der British Motor Corporation sowie die beiden Ford-Modelle Anglia und Popular. Zwei Wagen waren Importe: die Renault Dauphine aus Frankreich, der Käfer-VW aus Wolfsburg.
Der Wolfsburger Volkswagen schnitt bei dem Test so gut ab, daß Londons »Daily Mirror« klagte: »Dieser Test ist unfair gegenüber britischen Wagen.« Nicht minder verärgert zeigte sich die britische Auto-Industrie, deren Export 1961 um rund die Hälfte (im Vergleich zu 1960) geschrumpft ist.
Der Zorn von Leitartiklern und Industriellen wurde vor allem dadurch entfacht, daß die Tester der Verbraucher-Organisation den Volkswagen ursprünglich sogar als »günstigsten Kauf« (Best Buy) der geprüften Wagen hatten deklarieren wollen. Nur der beträchtliche Preis des Käfer-Autos hielt die Verbraucher-Berater von der Verleihung dieses Prädikats ab: Zoll- und Steueraufschläge verteuern den VW in England erheblich. Er kostet rund 8500 Mark.
In jedem der acht Autos legten die Testfahrer der Verbraucher-Organisation 16 000 Kilometer zurück; sie prüften die Wagen auf Flugplatzpisten und im Gebirge, untersuchten jedes technische Detail von der Batterie bis zum Strömungsweg der Heizluft. Sämtliche Automobile wurden auf Sicherheit, Wirtschaftlichkeit, Bequemlichkeit und Zuverlässigkeit getestet. Pauschal-Urteil: »Alle Wagen zeigten schwerwiegende Nachteile.«
Beim Volkswagen rügten die Tester grundsätzlich
- Seitenwindempfindlichkeit,
- hohen Benzinverbrauch,
- unbequemen Ein- und Ausstieg,
- mangelnden Gepäckraum.
Als geradezu »gefährlich« stuften die Tester der Consumers' Association das Heizungssystem des Volkswagens ein: Bei undichten Auspuffzuleitungen könne giftiges Kohlenoxyd mit der Heizluft in den Innenraum gelangen. (Kommentierte das VW-Werk letzte Woche: »Die Konstruktion der Heizung ist so angelegt, daß in das Fahrzeuginnere keine Abgase eintreten können. Das gilt für fabrikneue Fahrzeuge ebenso Wie für Wagen mit längerer Laufzeit, wenn für sie ein Mindestmaß an Pflege und Wartung aufgebracht wurde.")
Doch die Dauphine und die britischen Wagen schnitten weit schlechter ab. Der für den Test erworbene Kleinwagen (Mini-Car) der British Motor Corporation beispielsweise offenbarte »so viele grobe mechanische Fehler«, daß die Techniker der Consumers' Association ein zweites Exemplar kauften, um den Test fachgerecht ausführen zu können. Die Bremsen des Wagens erwiesen sich als die »ungeeignetsten der ganzen Testgruppe«. Auch die Bremsen des Ford Popular und der Renault Dauphine wurden gerügt.
Dem Morris Minor wurde oberflächliche Verarbeitung nachgesagt. In der Karosserie des Triumph Herald S verfing sich, wie die Tester feststellten, mitunter Wasser, so daß sich leicht Rost bilden konnte. Beim Ford Popular entpuppte sich das Kühlsystem »als nicht sonderlich wirksam«. Defekte verschiedener Art traten auch bei den anderen Testwagen auf.
Gegenüber diesen Konkurrenzmodellen jedenfalls war der VW im Vorteil. Er erwies sich als ein Automobil mit »sehr guten Fährleistungen«, das nach dem Test noch immer in »ausgezeichneter Verfassung war«. »Der Volkswagen«, hieß es im Testbericht der Consumers' Association, »ermöglicht am ehesten störungsfreies Fahren.«
Die Verbraucher-Aufklärer gestanden damit ein, was »Die Welt« so formulierte: »Der VW ist zum Kuckucksei für die Briten geworden.« Denn britische Offiziere waren es, die aus eigener Initiative im Jahre 1945 die Produktion im zerschlagenen Volkswagen-Werk wieder in Gang gebracht hatten.
Damals schickten die Besatzer sogar eine VW-Limousine nach England mit der Empfehlung, es wäre eine gute Idee, sich das ohnehin herrenlose Werk anzueignen. Aber die britische Prüfungskommission teilte diese Ansicht nicht. Der deutsche Wagen, meinte sie, sei häßlich und zu laut, der Heckmotor sei - ein höchst zweifelhaftes Novum, wie überhaupt die ganze Konstruktion nur als eine Spielerei bezeichnet werden könne.
Daß aus dieser Spielerei für die britische Automobilindustrie auf den Export-Märkten eine tödliche Bedrohung wurde, focht die Fachleute der Consumers' Association bei ihrem jüngsten Test nicht an. Sie stellten den VW als Vorbild hin und schrieben beispielsweise über das britische Modell Morris Minor: »Der Minor hat im Grunde genommen gute Qualitäten. Er hätte das beste Automobil der getesteten Wagen sein können, wenn er so verfeinert worden wäre wie der Volkswagen.«
Austin A 40
Morris Minor
Ford Anglia
Ford Popular
BMC Mini-Car
Triumph Herold S
Renault Dauphine
Volkswagen