REGISSEURE »Das Theater braucht mich«
Ihr Lieben! Früher, als Kind, bin ich oft aus dem Familienleben ausgestiegen. Dann habe ich einen Apfel, eine Hansa-Keks-Packung und mein rotes Holzfeuerwehrauto gepackt und bin losmarschiert. Irgendjemand hatte mir erzählt, die Welt sei rund, und man müsse nur geradeaus gehen, dann käme man wieder am Ausgangspunkt an. Ob das stimmt, weiß ich nicht, denn meistens wurde es mir nach zwanzig Minuten geradeaus fad. Bald stand ich wieder vor der Haustür, durch die ich kurz vorher mit großer Geste geschritten war. Ich versuchte, mich unauffällig ins Familienleben einzugliedern - was mir gut gelang, weil meine Abwesenheit von meiner Familie gar nicht bemerkt worden war. Diese kleine Geschichte soll Ihnen helfen, leichter zu verstehen, was ich befreiten Herzens mitteilen möchte: Ermutigt durch die positiven Reaktionen des deutschen Feuilletons auf meine jüngste Molière-Inszenierung ("Der eingebildete Kranke") in Hamburg, habe ich meine dreiwöchige Theaterabstinenz aufgegeben. In den euphorischen Kritiken vor allem der großen Blätter fühlte ich doch eine Art Trennungsschmerz durchblitzen. Ich bin zur Überzeugung gelangt: Das Theater braucht mich! Als ich der Zeitung »Die Welt« mein inzwischen historisches Rücktritts-Interview gegeben habe, war mir eine Laus über die Leber gelaufen. Meine Rückkehr ist mit guten Vorsätzen verbunden: Ich will künftig von negativen Kritiken lernen. Bisher wurde ich zum Beispiel für einen Lacher skrupellos, dafür habe ich meine Großmutter verkauft. Die ich heute sehr vermisse. Nun haben mich meine Eltern bei der Verkaufe-niemals-für-einen-Lacher-deine-Großmutter-Therapiegruppe angemeldet. Auch mit der Denkfaulheit der Regisseure, die Herr Kaiser (nicht der von der Hamburg-Mannheimer) aus München in einem SPIEGEL-Gespräch beklagt hat, soll zumindest in meinem Fall Schluss sein. Ich werde ein Buch schreiben, Arbeitstitel: »Regie leicht gemacht. Jeder hat Talent«. Ihr Leander Haußmann