Das Wintermädchen
Die Inszenierung trägt rote Haare, sehr bleiche Haut und pikst sich mit den Spitzen einer Riesenschere in den Bauch. Ilse Ritter spielt nicht nur die Titelrolle in Federico García Lorcas »Doña Rosita oder Die Sprache der Blumen« im Bochumer Schauspielhaus, sie ist die alleinige, einzig selig machende Sensation des Theaterabends.
Sie singt, sie verzagt, sie tanzt, sie taumelt und sie lacht, und einmal, als das Unglück ihrer Figur sie endlich niederwalzen müsste wie ein tonnenschwerer Fels, da streckt sie ihre langen, zarten Glieder genüsslich aus und fummelt mit der Blumenschere herum, als wollte sie sich in den Leib stechen: »Ich will nicht sehen, wie die Zeit vergeht«, sagt sie, und: »Es gibt nichts Lebendigeres als die Erinnerung. Sie macht uns das Leben zur Qual.«
Die Schauspielerin Ilse Ritter schleppt eine Menge funkelnder, süßer und naturgemäß auch bitterer Erinnerungen mit sich herum. Sie sieht aber nicht so aus, als ob ihr das eine Qual wäre. Der Dichter Thomas Bernhard hat sie im Titel des Stücks »Ritter, Dene, Voss« verewigt; sie hat mit vielen großen Regisseuren gearbeitet, mit Klaus Michael Grüber und Luc Bondy, mit Christoph Marthaler, mit Peter Zadek und Claus Peymann. Unter den zwei letzten spielte sie in Bochum, in Zadeks »Hamlet« und Peymanns »Wintermärchen«, legendäre Auftritte und »wundervolle Erlebnisse«, wie die Ritter sagt. Klar: Beide, Zadek wie Peymann, hatten in Bochum ihre beste Zeit.
Nun spielt Ilse Ritter in Bochum eine Verschmähte. Lorcas »Doña Rosita« handelt von einem Mädchen, das keinen Mann abkriegt, weil es auf einen Hallodri hereinfällt. Zu Beginn des Stücks, als der Kerl abreist, ist sie eine leicht überreife junge Frau; in der Mitte des Dramas, als der Bräutigam nach 15 Jahren weiter vertröstende Briefe schreibt, ist sie eine alte Jungfer; am Ende, als der Heiratsschwindel nach 26 Jahren endgültig auffliegt, ist sie ein Wrack.
Die Rosita der Ilse Ritter aber fällt auf nichts und niemanden herein, sie weiß von Beginn an alles. Gut, am Anfang federt sie mit lustigen Bocksprüngen um den viel zu jungen Herzensbubi herum, sie lässt die Wimpern niedersausen und neigt adrett das rote Köpfchen; aber wenn sie ihn küssen soll, dann ist das ein komisches Fiasko aus flatternden Händen und linkisch verknoteten Gliedern und hektisch aneinander vorbeischrubbenden Lippen.
»Man braucht nicht bloß schauspielerisches Können, sondern Wissen und Erfahrung für diese Rolle«, sagt Ilse Ritter, als sie im Bochumer Café »Zentral« Auskunft gibt über ihre Rolle und ihr derzeitiges Leben. Sie hat einen bleichen Mann mit lustiger Lockentolle auf dem Schädel mitgebracht, den Regisseur Armin Holz. Die Anwesenheit dieses Beschützers kann verschiedene Gründe haben: Ritter ist berühmt dafür, dass sie sich überall verirrt, auf Flughäfen, mit dem Auto, wohl selbst zu Fuß im übersichtlichen Bochum. Und Ritter hat in Holz endlich wieder einen Regisseur gefunden, der ihr herzlich verfallen ist.
Denn auch in der Wirklichkeit des aktuellen deutschen Theaters ist Ilse Ritter eine Verschmähte. Weil es keine tollen Rollen mehr für sie gab, ist sie von Hamburg, wo sie 20 Jahre lang auftrat, vor zwei Jahren nach Berlin gezogen, wo sie an Claus Peymanns Berliner Ensemble noch keine echte neue Heimat gefunden hat. Kein Wunder, trüb und trostlos, wie's dort zugeht.
Auf dem Theater, findet Ilse Ritter, »vergeht alles wie im Leben selbst, es zerrinnt. Theater ist wie eine Sanduhr«.
Mit dem Regisseur Holz hat sie nun die Uhr einfach auf den Kopf gestellt. Dass ihr die »spirituelle Seite des Theaters« heute zu kurz komme, sagt Ritter, und Holz, der weichäugige, skurrile Mystiker, zerreißt sich nun dafür, ihr Verbündeter sein zu dürfen.
Es wird in der Bochumer »Doña Rosita« also spitzengeklöppelt auf der Bühne, es wird gedehnt deklamiert, es werden neckisch Ohren gezupft und Pirouetten gedreht. Vor allem aber wird in grandiosen Kostüm-Erfindungen geschwelgt. Als spätes Mädchen trägt die Ritter ein grell fantafarbenes Zauberkleid; anderthalb Jahrzehnte später eines in Lindrosa; als ruinierte alte Frau einen fast weißen Seidenfetzen zu Morgenmantel und rosa Schal: Die Kostümbildnerin Barbara Baum, die einst Fassbinder-Filme ausstattete, reizt orgiastisch aus, was ihre Kunst hergibt.
Das alles ist prächtig, verschwenderisch, ein wenig verrückt. Und ziemlich überflüssig. Denn Ilse Ritter könnte ihre sensationelle Doña Rosita natürlich genauso gut nackt spielen. Ihre flirrenden Lider, ihr Vergeblichkeitslächeln, ihre matt herabsinkenden Unterarme, der traurige Schmelz ihrer Stimme: Sie erzählen das ganze Glück und das ganze Elend dieses Seelendramas. Im Stück heißt es, man habe ihr einen Pfeil ins Herz gebohrt. In Ilse Ritters Blick kann man das Blut sehen.
Sie war ein Glücks- und Wunderkind, seit sie als 15-Jährige von ihren kunstsinnigen Eltern nach Hannover auf die Schauspielschule geschickt wurde (sie durfte, mit 15, allein wohnen in der Stadt - damals, Ende der Fünfziger, einfach ungeheuer); und bis heute besitzt Ilse Ritter, die vor ein paar Tagen ihren 62. Geburtstag feierte, die »Kindlichkeit, Verdrehtheit, Inbrunst, Listigkeit«, die Tankred Dorst einmal pries.
»Wie schön, wie eigenartig, wie wunderbar wird sie erst sein, wenn sie alt ist«, schrieb der Dichter. Aber da irrte er: Ilse Ritter altert nicht. »Ich weiß, dass ich immer junge Augen haben werde«, sagt Doña Rosita. Und: »Am Abend gehe ich mit meinen verlorenen Illusionen zu Bett.«
Die Schauspielerin Ilse Ritter aber sagt auf ihre schüchterne, genaue Art über den Zustand der Welt: »Wir leben in der größten Gottverlassenheit, die es je gegeben hat.« WOLFGANG HÖBEL