David im Slum - DER SPIEGEL
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LITERATUR / HENRY ROTH David im Slum

• aus DER SPIEGEL 51/1970
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»Ein vernachlässigtes Meisterwerk«, so nannte der amerikanische Literaturkritiker Lesile A. Fiedler den Roman »Call it Sleep«, als er 1960, ganze 26 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, in den USA neu aufgelegt wurde. Und Fiedlers Kollege Walter Allen befand, das Buch sei »in demselben Sinn von Grund auf jüdisch, wie man Joyces »Jugendbildnis' als von Grund auf katholisch bezeichnen kann, aber ebensowenig ein jüdischer Roman wie Joyces Werk ein katholischer Roman«.

Der Vergleich war nicht zu hoch gegriffen -- und auch deutsche Leser können sich nun davon überzeugen: Mit beträchtlicher Verspätung ist das so spät erkannte und erfolgreiche »Meisterwerk« des heute 64jährigen US-Autors Henry Roth in diesem Herbst auf den deutschen Büchermarkt gekommen; Titel: »Nenne es Schlaf«.

Henry Roths Roman scheint in seiner Erzähltechnik wahrhaftig ein direkter Abkömmling des 1922 erschienenen »Ulysses« von James Joyce zu sein; der Verfasser hatte jenes Hauptbuch moderner Literatur während der Niederschrift seines eigenen Werkes gelesen.

In seinem Buch erzählt Roth, galizischer Jude und noch vor dem Ersten Weltkrieg als Kind mit seinen Eltern in die USA eingewandert, die Geschichte eines Kindes ausschließlich aus dessen Sicht.

David Schearl, Sohn jüdischer Einwanderer, verbringt wie sein Erfinder seine Jugend in den vorwiegend von Einwanderern bewohnten Slums von New York. Das Milieu bürgt dafür, daß

* Henry Roth: »Nenne es Schlaf«. Übersetzt von Curt Meyer-Clason. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 480 Seiten; 28 Mark.

die drei hier geschilderten Jahre eine harte Zeit sind. Ein brutaler, jähzorniger Vater und die rüde Rücksichtslosigkeit der besser angepaßten Nachbarskinder machen dem sensiblen David das Leben zum Alptraum. Nur bei seiner Mutter findet er das Verständnis, das dem Kind über die Schrecknisse des Alltags hinweghilft, ohne es doch vor ihnen bewahren zu können.

In Davids Beziehung zu seiner Mutter hat Roth offensichtlich Freudsche Gedanken aufgenommen; kindliche Sexualität gehört zu den Grunderfahrungen dieser Kindheit. Für David ist das Sexuelle allerdings gleichbedeutend mit dem Unheimlichen und Bedrohlichen, und daraus erwächst auch, nachdem ihm aus aufgeschnappten Gesprächsfetzen der Erwachsenen Zweifel an seiner ehelichen Geburt gekommen sind, die Katastrophe,

Während der Vater wegen des gleichen Verdachts der Mutter eine Szene macht, nimmt David Reißaus. Im Unterricht hatte er von dem Propheten Jesaja gelesen, dem ein Engel die Lippen mit einer glühenden Kohle berührte, um sie zu »reinigen«. Dieses Bild setzt sich in der Phantasie des Jungen als Gegenbild zu all dem fest, wovon seine Umwelt geprägt ist. Und die Gestalt des Propheten gewinnt für ihn eben die Züge, die er an dem gefürchtet-gehaßten Vater vermißt.

So nimmt er zu ihm seine Zuflucht, wenn er fortläuft und an den nahe gelegenen Straßenbahnschienen einen Kurzschluß verursacht und damit den Lichtbogen erzeugt, dessen vernichtende Helligkeit er mit jener biblischen »Reinigung« identifiziert.

Roth hat die psychischen und religiösen Vorgänge in seinem Roman als reale, aber unbewältigte Erfahrungen eines Kindes dargestellt -- mit Hilfe des auch von Joyce im »Ulysses« entwickelten inneren Monologs, der die komplizierten, sprachlicher Logik sich entziehenden Bewußtseinsvorgänge unmittelbar sprachlich wiederzugeben vermag.

»Nenne es Schlaf« wurde von Roth in den Jahren 1929 bis 1933 geschrieben und erschien 1934 In einem Verlag, der im Sog der US-Wirtschaftskrise alsbald Pleite machte, so daß der Roman nur wenig Verbreitung fand und gleich wieder in Vergessenheit geriet. Der Autor veröffentlichte danach nur noch zwei Erzählungen in Zeitschriften; einen zweiten Roman vernichtete er vor der Fertigstellung. Vom Literaturbetrieb hielt er sich fern; seinen Lebensunterhalt verdiente er mit Gelegenheitsarbeiten, als Schleifer in einer Fabrik, als Geflügelzüchter und Mathematiklehrer.

Nach der Wiederentdeckung um 1960 wurde der 26 Jahre alte Erstlingsroman ein US-Bestseller mit Millionenauflage. Der Erfolg scheint den Verfasser, der seit einigen Jahren als Farmer in Maine lebt, noch einmal inspiriert zu haben: Inzwischen arbeitet Henry Roth an einem neuen Roman.

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