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Medizin DDD

Eine neuartige, rätselhafte Gehirnerkrankung beunruhigt die Ärzte an amerikanischen Nierenzentren.
• aus DER SPIEGEL 41/1974
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Sieben Jahre lang ging alles klar:

Eine Kunstniere besorgte, was das mißgebildete Organ des Nierenpatienten nicht mehr alleine schaffen konnte -- zweimal pro Woche begab sich der 36jährige Amerikaner in das Nierenzentrum einer Klinik in Denver (US-Staat Colorado) zu der lebensnotwendigen Blutwäsche ("Dialyse").

Doch dann begann der Patient nach jeder Dialyse zu stammeln und zu stottern, sein Erinnerungsvermögen ließ nach. Im Laufe von wenigen Wochen verschlimmerte sich sein Zustand noch. Er wurde während jeder Blutwäsche von krampfartigen Zuckungen erfaßt; nach der Dialyse war er für Stunden nicht ansprechbar, konnte nicht selbst essen oder sich anziehen. Neun Monate nach den ersten Krankheitszeichen starb er an einer Lungenentzündung.

Der Verlauf des Leidens bei dem Nierenkranken aus Denver war, wie der amerikanische Nierenspezialist Dr. Jack 5. Burks formulierte, typisch für eine »progressive und tödliche Gehirnerkrankung, die für die Ärzte ebenso rätselhaft wie entmutigend« sei.

Allein in Denver erlagen während der letzten zwei Jahre zwölf Dialyse-Patienten der neuen Rätselkrankheit. Bei einigen von ihnen hatten die Ärzte außerdem Halluzinationen. Delirien und Selbstmordabsichten registriert.

Außer einigen ungewöhnlichen Zacken im Hirnstrombild konnten die Mediziner bei den betroffenen Dialyse-Patienten keine hirnorganischen Veränderungen feststellen. »Die Entstehung des Leidens«, so vermerkte Burk, »ist obskur, die krankhaften Befunde sind gering, und -- was uns am meisten bedrückt -- alle Heilversuche scheiterten bisher.« Die meisten Patienten starben wenige Monate, nachdem die ersten neurologischen Symptome aufgetreten waren. an einer sonst eher harmlosen Infektionskrankheit.

Die Nachricht aus Denver -- die Amerikaner benannten das Leiden »Denver Dialysis Disease« (DDD) -- kommt zu einem Zeitpunkt. an dem die Blutwäsche, im Do-it-Yourself-Verfahren zu Hause oder in gut gerösteten Nierenzentren angewandt, fast zur medizinischen Routinebehandlung geworden ist. So gibt es beispielsweise, wie der Göttinger Nephrologe Dr. Joachim Girndt erläutert, »keine starre Altersgrenze« hei der Auswahl von Patienten für die Dauerdialyse mehr. Auch ein 81jähriger Patient wurde bereits ins Dialyse-Programm aufgenommen.

Über die Ursachen der Denver Dialysis Disease, die »in Deutschland bisher nicht bekannt geworden ist« (so Dr. Eduard Quellhorst, Leiter des Dialyse-Zentrums an der Hannoversch-Mündener Werra-Fulda-Klinik). vermögen die Mediziner vorerst nur zu spekulieren.

Analysen der Rückenmarksflüssigkeit von Denver-Patienten ergaben keinerlei Hinweise auf eventuelle Stoffwechselstörungen, und ein anfänglicher Virus-Verdacht ließ sich ebenfalls nicht bestätigen: Affen, denen Gewebeproben aus den Gehirnen verstorbener Denver-Patienten injiziert wurden, waren auch noch 20 Monate später gesund und munter.

Auch die Vermutung, eine Metallvergiftung sei womöglich für die Gehirnerkrankungen verantwortlich zu machen, ließ sich nicht erhärten. Zwar waren im zerebralen Gewebe der Toten in Denver Zinnspuren nachweisbar, dieselben aber fanden sieh auch bei solchen Dialyse-Patienten, die an anderen Leiden gestorben waren.

Auch alle Versuche der Kliniker in Denver. die Krankheit zu lindern oder gar zu stoppen, blieben bislang vergebens.

Medikamente, wie sie sonst gegen Epilepsie eingesetzt werden, vermochten die Körperzuckungen nicht zu kontrollieren. Das vor wenigen Jahren entdeckte L-Dopa, das bei Parkinsonscher Schüttellähmung Hilfe bringen kann, versagte ebenso wie der Versuch, durch häufigere Blutwäsche wenigstens die Symptome zu mildern. Ein Patient wurde durch eine Nierentransplantation von der regelmäßigen Blutwäsche unabhängig, aber auch bei ihm nahm die Krankheit weiter ihren unheilvollen Verlauf.

Nachdem das Leiden mittlerweile auch in anderen amerikanischen Dialyse-Zentren beobachtet worden ist, scheidet auch der Verdacht aus, daß lokale Einflüsse Ursache der Gehirnerkrankung sein könnten. Jetzt suchen Doktor Burks und seine Mitarbeiter nach dem gemeinsamen Faktor, der die Krankheit von Denver mit den in anderen Städten beobachteten Leiden verknüpft. Vielleicht, so hofft Burks, »finden wir dann einen Hinweis, die Krankheit zu verstehen -- und möglicherweise zu verhindern«.

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