MARXISTEN / PROFESSOREN Dem Senator graut
Iring Fetscher, 48, schlug Alarm. Der Frankfurter Professor für politische Wissenschaft und eifrige Marxismus-Interpret ("Marxismusstudien") warnte, »in einigen Fachbereichen« der Berliner und Marburger Universität sei es »militanten, straff organisierten und dogmatischen Parteimarxisten sowjetischer Orientierung gelungen, ausschlaggebenden Einfluß auf die Personalpolitik zu erlangen.
Die Infiltrations-Theorie, am vorletzten Samstag von der liberalen »Süddeutschen Zeitung« veröffentlicht, wollte Fetscher durch drei Beobachtungen gestützt sehen:
* An beiden Orten verlange man nach einem »stets an der Ost-Berliner Orthodoxie orientierten Parteimarxisten wie Hans Heinz Holz«;
* der Marburger Politologe Wolfgang Abendroth habe sich »inzwischen ganz den Forderungen und Plänen der Parteimarxisten gefügt«;
* der Marburger Lehrplan scheine »im Fachbereich Politikwissenschaft/Soziologie ganz unter das Zeichen der DDR-Linientreue zu treten«.
Dem SPIEGEL warf der Ideologie-Forscher überdies vor, die Unterschiede übersehen zu haben, »die zwischen marxistischen Wissenschaftlern und kommunistischen Parteiideologen bestehen« (SPIEGEL 8/1971).
Das simple Schema, wonach In Marburg und Berlin einem unbedenklichen, weil kritischen Marxismus (für den Fetscher als Beispiel die aus der »Frankfurter Schule« hervorgegangenen Philosophen Oskar Negt und Alfred Schmidt anführte) ein verfassungswidriger, weil die Freiheit der Wissenschaft bedrohender Partei-Marxismus entgegenstehen soll, verblüffte die Angegriffenen. Denn tatsächlich hat bislang kein Gericht professorale Marxisten verfassungsfeindlicher Umtriebe bezichtigt. Und weder in der FU noch in den westdeutschen Universitäten ist derzeit ein Ordinarius bekannt, der Mitglied einer kommunistischen Partei wäre.
Selbst im FU-Fachbereichsrat 11, dem einzigen von insgesamt 24, In dem sich eine Mehrheit linker Studenten, Assistenten und Hochschullehrer gebildet hat, sind die Mitglieder der vom Berliner Senat aus Opportunität einstweilen nicht verbotenen Roten Zellen oder der KPD-Aufbauorganisation mit ihrer ohnehin zuweilen gegensätzlichen Kaderpolitik in der Minderheit.
Fetschers Furcht vor der akademischen Wühlarbeit DDR-höriger Kommunisten wurde denn auch energisch zurückgewiesen. Der Vorsitzende des Institutsrats des Marburger Instituts für wissenschaftliche Politik, Dr. Peter Römer, stellte fest, schon aus dem Lehrplan gehe hervor, daß »die Behauptung einer einseitigen Ausrichtung des Unterrichts unsinnig ist« und daß, von drei SPD-Mitgliedern abgesehen, kein Mitarbeiter sonst parteipolitisch gebunden sei. Instituts-Chef Abendroth, dereinst DDR-Flüchtling und 1961 aus der SPD ausgeschlossen: »Ein großer Teil der Mitarbeiter des Instituts denkt marxistisch, und zwar nicht in dem Rahmen der sogenannten »Frankfurter Schule', sondern in Fortführung der Methoden, die Karl Marx und Friedrich Engels entwickelt haben«
Ingeborg Weber-Kellermann, Professorin und Dekan der Philosophischen Fakultät, bedauerte, daß Fetscher »unter Vernachlässigung der von einem Wissenschaftler zu erwartenden Sorgfaltspflicht sich zu einer diffamierenden Polemik bereit fand«. Holz selbst schließlich gab zu bedenken, daß es doch »noch mehr Möglichkeiten marxistischer Forschung« gebe als in Fetschers Schema einer »'Marxologie', die sich als Nutznießerin des Kalten Krieges etabliert hat«, und nahm für
* Holz (mit Mikrophon), im Vordergrund (3. v. l.) Hafer, rechts hinter ihm Theunissen.
sich in Anspruch, von der DDR-Philosophie »stets als nicht streng marxistisch kritisiert worden« zu sein.
Hans Heinz Holz, 43, war im Dezember mit dem Versuch gescheitert, sich in Bern zu habilitieren. In einer jetzt vom Vorstand der Studentenschaft der Philosophisch-historischen Fakultät Bern herausgegebenen 222-Seiten-Dokumentation wird belegt, daß die Ablehnung vorwiegend politische Gründe hatte; sogar Holz-Gegner Fetscher nennt dieses Verfahren »skandalös«. Neben dem Altphilologen Olof Gigon wurde Holz vor allem von dem Historiker und rechtsgerichteten Nationalrat Walther Hofer ("Der Nationalsozialismus«, 1957) attackiert, der ihm in einem Hearing die »Verherrlichung Stalins« vorgeworfen und sich damit den Vorwurf »krimineller Text-Manipulation« zugezogen hatte.
Seither tauchte der militante Antikommunist Hof er stets auf, wenn akademische oder politische Gremien über Holz .berieten -- so auch letzte Woche in Berlin, wo Wissenschaftssenator Stein seit Monaten zögert, über die Berufung von Holz zu entscheiden. Inzwischen haben Senat und Philosophische Fakultät der Marburger Universität (Zusammensetzung: je 60 Prozent Hochschullehrer, 20 Prozent akademische Mitarbeiter und 20 Prozent Studenten) Holz für einen Philosophie-Lehrstuhl vorgeschlagen.
Für Berlin liegen positive Gutachten bedeutender Gelehrter vor, unter denen allenfalls Ernst Bloch und Jürgen Habermas als »Marxisten« gelten können: Helmuth Plessner, Gershom Scholem, Dieter Henrich und Michael Theunissen. Mehrere von ihnen attestieren ausdrücklich, Holz vertrete eine »höchst undogmatische Version des Marxismus« (Bloch), er stehe diesem »freier gegenüber als seine sturen Dogmatiker« (Plessner). Dabei verschweigen sie nicht ihre Kritik am Detail.
Aber gerade daß Holz kein neuer Lukács oder Bloch ist, macht seinen Fall zum Modellfall: Es geht um die politische Entscheidung, ob ein erklärter Marxist, der es ablehnt, sich an der DDR-Orthodoxie zu orientieren, auf einen Lehrstuhl berufen werden kann. Diese Entscheidung liegt bei zwei Sozialdemokraten: dem hessischen Kultusminister Ludwig von Friedeburg und seinem Berliner Kollegen Werner Stein.
Jacob Taubes, Kommissarischer Vorsitzender des FU-Fachbereichs 11, deutet den Fetscher-Artikel denn auch als Versuch, Friedeburg zur Ablehnung zu bewegen. Stein, der nun noch beim früheren Lehrer des Regierenden Bürgermeisters Schütz, dem Darmstädter Politologen Arcadius Gurland, ein neues Holz-Gutachten eingeholt hat (Gurland zum SPIEGEL: »Restlos negativ!"), prüft indessen noch immer. Am letzten Freitag warnte ihn Taubes In einem »letzten« Brief vor einem »Berliner Skandal« und resümierte: »Marxismus, wenn er ernst gemeint ist, wird als »orthodox« verfemt und bleibt ein Gespenst, vor dem es der bürgerlichen Wissenschaft und ihren Administratoren graut!«