AUTOREN Der Bauch-Historiker
Als Jörg Friedrich die Tür zu seiner Berliner Wohnung öffnet, ist es, als quölle ein Schuhkarton über, in dem lauter Briefe, Rechnungen, Erinnerungen gelagert sind. Die Wohnung des Bombenhistorikers, könnte man sagen, wirkt so, als wäre sie gerade von einer Bombe verwüstet worden.
»Ich finde immer etwas«, sagt Friedrich, als er an den Buchbergen vorbeibalanciert, die den Boden bedecken, an den CD-Stapeln und den unter Manuskripten, Zetteln, Kontoauszügen und Zeitungsausschnitten verdeckten Sesseln, »nur nicht das, was ich suche.«
Besser kann man das Prinzip seiner Arbeit nicht beschreiben und auch nicht den zwiespältigen Erfolg seiner Bücher. Als Friedrich, 59, vor einem Jahr sein Buch »Der Brand« veröffentlichte, war er umstritten. Seit er vor ein paar Wochen den ergänzenden Fotoband »Brandstätten« nachlegte, ist er noch ein bisschen umstrittener*.
Mehr als 200 000-mal hat sich »Der Brand« verkauft, ziemlich sensationell für
ein Buch von fast 600 Seiten, das damit
beginnt, dass »Brandleichen auf Puppen-
größe« schrumpfen und ein Neunjähriger davon erzählt, wie er eine Frau »mit vollständig schwarzer Haut« auf der Straße liegen sieht. Und das den größten Teil seiner Seiten darauf verwendet, Zahl um Zahl und Haus um Haus und Tote um Tote von den alliierten Bombenangriffen zu erzählen, von Swinemünde bis Freiburg, vom Rheinland bis Dresden.
Was so entsteht, ist eine Landkarte der Leiden, die die Konturen einer untergegangenen Kulturlandschaft nachzeichnet. Eine Landkarte deutscher Leiden. Da fängt für manche das Problem an.
Über die Bomben auf Deutschland haben nach dem Krieg die Schriftsteller Hans Erich Nossack ("Der Untergang") und Gert Ledig ("Vergeltung") schmale und schmerzvolle Bücher veröffentlicht; Ende 1997 löste der Schriftsteller W. G. Sebald eine Debatte über die Frage aus, ob der Luftkrieg in der Nachkriegsliteratur ein Tabuthema sei (SPIEGEL 3/1998); und spätestens zum 60. Jahrestag des Feuersturms von Hamburg fand die Erinnerung an den Bombenkrieg in einer breiteren Öffentlichkeit statt (SPIEGEL 2/2003). Was es nicht gab, sagt Friedrich, das habe er mit »Der Brand« vorgelegt: eine »Enzyklopädie des Schmerzes«.
Friedrich wohnt im Stadtteil Charlottenburg in einem nüchternen Hochhaus aus den fünfziger Jahren, verspiegelter Aufzug, Geländer aus Metall, türkisfarbene Türen. Er wirkt klein, wenn er sich so auf dem braungrünen Samtsofa zurücklehnt, hinter sich das Fenster, durch das ein Schwarm schwarzer Vögel zu sehen ist, vor sich ein Zimmer, das so voller Dinge steht, dass kaum etwas Einzelnes wahrzunehmen ist.
So blickt dieser Historiker auf die Geschichte: als Pragmatiker des Chaos, als Archivar der Widersprüche, als Sammler von Geschichten. Was er gesucht hat, war eine deutsche Leidensgeschichte; was er gefunden hat, ist das Leiden der Deutschen an der Geschichte.
Er legt seinen Fuß auf den Couchtisch, auf dem der Stapel mit den Aufnahmen des Dirigenten Otto Klemperer umzukippen droht, daneben türmen sich Verdi und Puccini, zwischen ein paar Post-Its, einem Löffel und dem Merkheft von Zweitausendeins liegt die Visitenkarte von Rüdiger Safranski. Das Buch »Kriegskinder« steht schief im Regal. Friedrich, der nie studiert hat, sagt von sich, er sei ein »Erzähler«. Und dann spricht er von dem Eimer, mit dem alles angefangen hat. Mit dem Foto eines Eimers, in dem eine Frau in Würzburg die paar Knochen zusammengeklaubt hatte, die von ihrem Mann übrig geblieben waren, und etwas Asche.
»Mitten in der Zivilisation«, sagt Friedrich am Ende dieser Geschichte, »klafft der Luftkrieg als eine Lücke der Barbarei.« Er redet ruhig, aber hinter seinen Worten ist eine Wut zu spüren. Zwei Dinge vor allem wurden ihm vorgeworfen, als er sein Buch »Der Brand« veröffentlichte - in den Feuilletons und von Geschichtsprofessoren, deren Bücher in Uni-Bibliotheken liegen und nicht stapelweise neben der Kasse: Er nehme die Bombenangriffe auf deutsche Städte aus dem historischen Zusammenhang; und er setze zu sehr auf Emotionen.
Aber diese zweite Ebene gibt es nun mal, sagt Friedrich, der Bauch-Historiker; diese Gefühlsebene, gerade bei einem solchen Gesellschaftstrauma wie dem Bombenkrieg. Sein Buch erzähle die Geschichte von dem Moment an, an dem alle anderen aufhören: 30 Sekunden, nachdem die Bombe das Flugzeug verlassen hat.
Als Leser kann man meinen, Friedrich selbst werfe in seinen Büchern einzelne Worte ab und warte, bis sie detonieren.
»Krematorium« nennt er die Keller, in denen die Menschen zu Staub verglühten; »Gefallene« die Zivilopfer in diesem totalen Krieg. Das machte es jenen leicht, die in dem Buch den Versuch sahen, deutsches Leid gegen deutsche Verbrechen aufzurechnen, den Versuch, einen deutschen Opferkult zu schaffen. Friedrich lächelt und sagt: »Wenn der deutsche Studienrat das Wort Vernichtungskrieg hört in Verbindung mit den englischen Bomben, da kreuzt er mir das rot an: Ausdruck verfehlt. Denn er hat in Reemtsmas Ausstellung gelernt, dass das eine Spezialität der Wehrmacht war.«
Friedrich ist jemand, der mit einem unsichtbaren Gegner ringt. In dem »Brand«-Buch hatte er noch auf Bilder verzichtet und war dafür gelobt worden; in »Brandstätten« nun beschwört er mit den Fotos von eingeschmolzenen Familien und gestapelten Leichenbergen den Widerspruch geradezu herauf. Sein unsichtbarer Gegner ist eine Gegenwart, die die Erinnerung verschüttet. Sein Mittel dagegen ist die Provokation.
Bei seinen Auftritten kommt es nicht selten zu Protesten, in Dresden etwa oder zuletzt in Erfurt. Friedrich nimmt das achselzuckend hin. Bevor er sich entschloss, »Brandstätten« zu veröffentlichen, besprach er sich mit verschiedenen Leuten; einer davon war Helmut Kohl, der den »Brand« gelesen hatte. »Machen Sie das«, sagte Kohl. »Aber gehen Sie auch in die Archive der Alliierten.«
Die Bilder, die Friedrich fand, komponierte er zu einer Symphonie des Grauens, fast aufreizend ästhetisiert und mit Texten versehen, die das Unbehagen noch bestärken. In dem Kapitel »Früher« etwa, das vom unzerstörten Deutschland handelt, ist ein Bild des Düsseldorfer Planetariums, dazu ein Text von Walter Flex, einem kindlich-idealistischen Sänger des Ersten Weltkriegs. »Die Fackel, die seinem Grabe entloht«, heißt es in »Der Wanderer zwischen beiden Welten« (1917), »soll Jugend um Jugend hüten.« Das Planetarium war 1933 Ort der Bücherverbrennung.
Es sind diese Widersprüche, die Friedrich sucht; Widersprüche, die manchmal hässlich sind und manchmal produktiv, aber fast immer ein »Geschmäckle« haben, wie er das nicht ohne Zufriedenheit nennt. Mit seinen Bildern zeichnet er einen exemplarischen Angriff nach, von »Angriff« und »Abwehr«, wie die einzelnen Kapitel heißen, über »Zuflucht«, »Trümmer« und »Partei« bis »Heute«.
»Bergung« ist das Kapitel mit jenen Bildern von Leichen überschrieben, die manche »würdelos« fanden. Der Verlag hat sich in einem Nachsatz von diesen Seiten distanziert. Manchmal ist Friedrich eben ganz allein auf seinem Weg.
Vor ein paar Wochen war er in Würzburg, wo die DGB-Jugend Flugblätter verteilte, auf denen ihm mal wieder Revisionismus vorgeworfen wurde. Mit einem Griff holt er das Flugblatt aus einer Lücke in dem braunen Bücherregal. »Das hätte ich vor 30 Jahren auch so gesagt.«
Jörg Friedrich trägt einen dunkelgrauen Anzug und ein dunkelgraues Hemd, er hat einen dünnen, hellgrauen Vollbart, der nach oben hin braun wird. Er schaut auf das Blatt in seiner Hand, auf das rote Gewerkschaftszeichen und auf den roten Menschen, der er einmal war.
»Man muss sich selbst einmal total radikalisiert haben«, sagt er, »um sich in Wahngebäuden auszukennen.« Er, der Lehrersohn aus Essen, arbeitete nach dem Abitur erst einmal beim Theater als Schauspieler und Regieassistent von Helmut Käutner, bevor er sich als Trotzkist in Berlin in den Strudel von 68 warf. »Wir waren die Strafrichter über das deutsche Verhängnis«, sagt er, »wir waren die Bevollmächtigten der Geschichte.«
Der Weg fort von 68 war ein langsamer; sein Damaskus-Erlebnis war, so sagt er, 1979 der Majdanek-Prozess in Düsseldorf. Damals arbeitete er als Rundfunkjournalist, angeklagt war KZ-Personal, »Frauen in Strickwesten, Männer an Krückstöcken«, sagt Friedrich, »sie trugen Fassonschnitt und Dauerwelle, wir saßen in derselben Kantine und tranken den gleichen Kaffee«.
Eines Morgens vor der Verhandlung ist er dann einer der Angeklagten, der »blutigen Brygida«, am Düsseldorfer Bahnhof begegnet, um sie herum Hunderte Menschen, die achtlos vorübergingen an der Mörderin in ihrer Mitte. Da ergriff ihn, wie er sagt, ein Schwindel. Er habe damals »die Plastizität des Menschen« verstanden und auch die Widersprüchlichkeit der Wirklichkeit. Seitdem wolle er mit seiner Arbeit »beschreiben, nicht verurteilen«.
Oft wirkt es, als wollte Friedrich mit den vielen Worten, die er verwendet, Mauern bauen gegen die deutschen Gespenster. Er tat es in seinen Büchern über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und den Russland-Feldzug Hitlers; er tut es, wenn er erzählt, die Stunden in der Wohnung, im Zug, im Taxi, vor seinen Zuhörern. Friedrich ist ein Ein-Mann-Oberseminar. Der Sog, den er mit seinen Geschichten antreibt, erfasst ihn selbst.
»War Auschwitz singulär?«, fragt Friedrich. »Das räume ich in einer Sekunde ein, zumal wenn anerkannt wird, dass auch der Bombenkrieg gegen Deutsche und Japaner einzigartig war.«
Friedrich sitzt im Zug nach Eisenach. Draußen wird es dunkel, und im Zugfenster spiegelt sich sein Gesicht. Es wirkt, als ob das Spiegelbild spräche.
Friedrich ist Historiker und deutscher Privatgelehrter, und es begleitet ihn ein fahler Doppelgänger; der eine tritt als Aufklärer auf, der andere ordnet die Tage nach dem Widerspruch, den er erntet.
Aber hatte Churchill nicht Recht und allen Grund, deutsche Städte zu bombardieren? Kurze Pause. »Hat ein Massen-
schlächter Recht?« Jörg Friedrich verschwindet vor dem braunen Holzfurnier im Waggon der ersten Klasse. Das einzige Licht ist die Leselampe, die ihn von der Seite anleuchtet.
An diesem Abend in Eisenach spricht er in der Buchhandlung »Die Eule«. Ganz in der Nähe hat Luther angeblich einmal ein Tintenfass nach dem Teufel geworfen. Deutscher Wahn eben.
Hinter Friedrich an der Wand etwas klassizistischer Stuck, vor ihm etwa 60 meist ältere Leute, so viele Frauen wie Männer. Er redet frei, er ballt die Hände, fast zelebriert er den Untergang. Er umkreist die Manege der Zerstörung, er erzählt von BDM-Mädels, Flüchtlingen in Pferdetrecks und Sklavenarbeitern und von einem »See aus Blut«. Er erklärt die »Logik der Bombe« und die »Vernichtungsenergie in der Seele der Völker«. Fast zwei Stunden lang.
Danach ist historische Freakshow. Nicht Fußball, sondern Geschichte ist heute der liebste Stammtischsport der Deutschen. Ein dicker Mann mit einem Kinn so groß wie ein umgedrehter Amboss und ein ehemaliger NVA-Offizier mit langen, schwarzen Haaren und schweren Silberringen an den Fingern sitzen neben ihm beim Bier und reden von linken Tabus und wie mutig es sei, was Friedrich da tue.
Das ist der Grat, auf dem er spaziert: Auf der einen Seite steht jemand wie Martin Walser und ruft ihm ein freundliches Hallo zu; auf der anderen Seite lassen sich einzelne Sätze ins Hohmann-Terrain hinüberzerren.
Am nächsten Tag geht es weiter, nach Oberhausen, mit dem Zug quer durch Deutschland. »Die Bombe ist im Wesentlichen ein Erzieher«, sagt Jörg Friedrich. Er ist unterwegs, um missverstanden zu werden. GEORG DIEZ
* Jörg Friedrich: »Brandstätten. Der Anblick des Bombenkriegs«.Propyläen Verlag, Berlin; 240 Seiten; 25 Euro.* Anfang September in Dresden.