Der Clown in Ketten - DER SPIEGEL
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SPEKTAKEL Der Clown in Ketten

Für die Rolle des Lucky in Samuel Becketts »Warten auf Godot« kehrte der Fernseh-Entertainer Harald Schmidt ans Theater zurück: Das Bochumer Schauspielhaus vermarktete seinen Auftritt zum Medienereignis der Saison.
• aus DER SPIEGEL 2/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Glückliches Bochum. Wer hier einen Mantel trägt statt eines Anoraks, geht schon als Kulturereignis durch. Aber die Leute, die Leute: Die sind so freundlich und entspannt, als wäre Bochum das Paradies auf Erden; sie reden gern in einem leise singenden Ton; sie sind durch Fremde nicht zu erschüttern.

Denn das Ruhrgebiet - dieses flache und zeichenarme Land, zersiedelt zwischen Baggerseen und Autobahnen, alten Stahlwerken, stillen Zechen und Pommesbuden -, es ist Völkerwanderung gewöhnt.

Erst kamen die Polen, dann kamen die Türken, und jetzt kommen die Journalisten: Harald Schmidt ist in der Stadt.

Harald Schmidt, aufgewachsen im schwäbischen Nürtingen, später Schauspieler in Augsburg, jetzt Deutschlands bester Entertainer und derzeit selbst auf dem Titelbild des Bahn-Magazins zu sehen, spielt den Lucky in Samuel Becketts »Warten auf Godot«.

Das Stück ist nicht gerade neu, das Bochumer Schauspielhaus ist, trotz seines ausgezeichneten Rufs, nicht der Nabel der deutschen Theaterwelt - doch Harald Schmidt sorgt dafür, dass die Medienrepublik in Erwartung der Premiere am vergangenen Sonntag zitterte wie ein frisch gefangener Aal: Wie wird er es machen? Oder, im Theaterjargon gefragt, vom 6. zum 7. Zwerg vor der »Schneewittchen«-Premiere in Butzbach: »Wie legst du die Rolle an?«

Lucky ist ein armes Schwein, das Schwein geheißen wird - und wohl die rätselhafteste Figur in diesem Stück, das an Rätseln nicht arm ist. Er hat eine Hundeleine um den Hals, trägt einen schweren Koffer, einen Klappstuhl, einen Picknickkorb und einen Mantel über dem Arm, schleppt sich nur mühsam vorwärts, wird mit einer Peitsche gezüchtigt, bespuckt, geschlagen und getreten, bricht irgendwann zusammen und liegt da wie tot; er sabbert und stottert und weint, und am Schluss hat er seine Stimme verloren und kann nicht einmal mehr stöhnen.

Er ist nicht nur ein Knecht, er ist Leibeigener; ein Sklave ohne Menschenrecht, der verkauft werden kann. Er spricht nur auf Befehl, und dieser Befehl heißt: »Denke!«

Dann zieht er - je nach Inszenierung - die Stirn mehr oder minder deutlich in Falten, richtet sich auf oder krümmt sich noch mehr zusammen und spricht seinen Monolog: ein glasklares Gestammel, eine stotternde Kakophonie, einen mit unzähligen Phrasen und Fertigsätzen versetzten Text, in dem Gelehrsamkeit und Wissenschaft, Banalität und Anschauung und heller Wahn nicht einmal mehr grammatisch ganze Sätze bilden.

»Auf Grund der«, hebt er an, »sich aus den letzten öffentlichen Arbeiten von Poinçon und Wattmann ergebenden Existenz eines persönlichen Gottes kwakwakwakwa mit weißem Bart kwakwa außerhalb von Zeit und Raum der aus der Höhe seiner göttlichen Apathie göttlichen Athambie göttlichen Aphasie uns lieb hat bis auf einige Ausnahmen man weiß nicht warum aber das kommt noch«... und so weiter.

Hat er diesen Text gesprochen, gegen Ende des ersten Akts, wird er wieder zum schweigenden, dann stummen Schweinehund. Und doch legt das Stück die Frage nahe, ob diese machtlose, armselige Kreatur nicht auch eine Wahl getroffen hat und die Dialektik von Herr und Knecht (ohne Hegel-Lektüre, meinte Adorno, sei das Stück schlechthin nicht zu verstehen) hier noch einmal - von allen historischen Bedingtheiten entkleidet, als eine Parabel - Bühnenspiel geworden ist. »Er will mich kleinkriegen«, sagt Pozzo, sein Herr, »aber er kriegt mich nicht.«

Die gerne und gut erzählte Legende lautet, der Bochumer Dramaturg Thomas Oberender habe gefunden, der Lucky unserer Tage sei eigentlich Harald Schmidt: unser aller freiwilliger Clown, Sklave der Unterhaltungsindustrie, am Gängelband der Werbegelder und der Gunst des Publikums, aber doch von rätselhafter, bösartiger Souveränität ...

Und Harald Schmidt habe tatsächlich, anlässlich eines geselligen Beisammenseins mit dem Bochumer Intendanten und »Godot«-Regisseur Matthias Hartmann, den lebenslangen Wunsch geäußert, einmal Lucky, den Glücklichen, zu spielen.

Bei einer solchen Legende ist jegliche abweichende Wahrheit natürlich uninteressant. Die Sache nahm ihren glücklichen Verlauf: In einem hervorragenden Ensemble probt Harald Schmidt die Rolle seiner Träume, wird als kollegial, bescheiden und diszipliniert gerühmt - und sorgt mit all- dem erst recht dafür, dass die Eskapade ins klassische Fach zunächst einmal verstanden werden muss als eine weitere Facette seiner genialischen Selbsterfindung.

Denn Harald Schmidt tritt ja nicht als Schauspieler auf in seiner Fernsehshow, sondern als Conférencier. Er ist der Moderator als Hauptfigur, und damit wiederholt seine Rolle, was auch die Qualität seiner Texte ausmacht: die Gleichzeitigkeit von Innen und Außen.

Wenn er Polenwitze erzählt, dann tut er das eben als einer, der den Witz ironisiert - was es ermöglicht, bei ihm über dieselbe Pointe zu lachen, die man seinem vielleicht reaktionären, fremdenfeindlichen Nachbarn übel nähme.

Seine Überschreitungen haben den Charme des Als-ob, und so kann er abwechselnd an unser Bedürfnis an Unterhaltung, Klatsch und Häme appellieren und an den Bildungsbürger in uns.

Er geht vom Inneren der Gesellschaft an ihren Rand, ist kommentierender Beobachter und engagiert zugleich, und seine Ironie hat die Anmut eines Menschen, der jederzeit wieder ernst werden kann.

Diese gläserne Undurchsichtigkeit allerdings legt ihn stärker fest auf sich selbst, als Götz George an seine Rolle als Schimanski gekettet ist, denn George ist Schauspieler, und Wandlungsfähigkeit ist sei-ne Profession: Kann aber Harald Schmidt den Lucky so spielen, dass das Publikum den Moderator vergisst, den er immer spielt?

Schmidt hat in Bochum, der Stadt der Maloche, die körperlich anstrengendste Variante für seine Darstellung gewählt. Größer als seine Kollegen im Ensemble, Michael Maertens und Ernst Stötzner - die ihn niederringen müssen -, und, vor allem, seinen Herrn Pozzo (Fritz Schediwy) deutlich überragend, entschied er sich dafür, nicht nur über die Bühne zu schlurfen und den Kopf zu senken - was vergleichsweise kommod sein müsste.

Stattdessen geht er mit eingezogenen Schultern und angewinkelten Armen, steht da mit leicht gegrätschten und geknickten Beinen und erlaubt sich kein Zusammensacken, kein Nachlassen der Spannung. Ein Häufchen Elend ist er nicht. So löst er weniger Erbarmen aus, als seine Rolle ermöglicht - bis auf den Moment, da er, durch Peitschenknall aus seinem Dämmer geweckt, den Kopf hebt und das weiße Gesicht schief seinen Peinigern entgegenhält: spähend, in Erwartung einer weiteren Tortur und wehrlos wartend.

Der Schauspieler Harald Schmidt hat es gut in diesem Ensemble. Maertens und Stötzner sorgen für einen virtuosen Wechsel aus Intimität und Parodie, aus einem zuweilen rührenden Innehalten und einer burlesken Dramatik.

Als Pozzo und sein Schweinehund abgehen, winken sie den beiden nach und entwickeln aus ihrer Handbewegung ein kleines Fingerspiel, eine hochkomische Pantomime: in der eng am Text orientierten Inszenierung eine gelungene Improvisation - die zudem für sie beide und das Publikum den schwierigen Moment im besten Sinne überspielt, in dem das Zurückbleiben und der Zwang, einen neuen Rhythmus zu finden, oft eine kleine Lähmung, eine Verlegenheit zur Folge hat.

Schediwy gibt den Pozzo in rüder Kürze, hochfahrend und schneidend - und damit in einem gelungenen Gegensatz zu Stötzners rustikalem, fast gemütlichem Temperament und Maertens verschliffenem, mal beflissen unterwürfigem und mal perfid-hysterischem Tonfall.

Und alle Schauspieler haben es gut auf der von Claus Peymanns einstigem Leibausstatter Karl-Ernst Herrmann eingerichteten Bühne: Ausgekleidet in samtigem, tiefem Schwarz und beinahe leer, ist sie geteilt durch eine weiße Zwischenplattform, auf der die Handlung spielt und die - eine diskret umgesetzte und höchst wirkungsvolle Idee - sich immer mal wieder zu einer schiefen Ebene neigt.

Die entschiedene Schlichtheit des Raums und eine subtile Lichtregie, verstärkt durch die strengen Kostüme (dunkle Anzüge und graue Hüte, nur in der Nuancierung die Differenz von den Clochards zum Herrenmenschen und zum Schweinehund markierend), lassen vor allem die Schauspieler wirken - und verraten ein Vertrauen in den Text, das umso wohltuender ist, als es beinahe eine Ausnahme darstellt.

Hartmann hat einen Klassiker klassisch inszeniert - im letzten Probenstadium vielleicht noch ohne die letzten Härten und Abgründigkeiten, die sein Ensemble sich leisten kann.

Hinreißend die Idee, diese Ikone der modernen Dramatik durch einen goldfarbigen Rahmen einzufassen, der den Bühnenraum umschließt - so ist das Bewusstsein, dass »Warten auf Godot« rasant und unaufhebbar in Westeuropa zum Zitat geworden ist, im Hegelschen Sinne aufgehoben: aufbewahrt, in Abrede gestellt und transformiert. Und so wird diese Inszenierung auch zu dem, was sie ist: ein Abend mit Goldrand. ELKE SCHMITTER

* Mit Michael Maertens, Ernst Stötzner.* Horst Bollmann, Stefan Wigger, Klaus Herm, Carl Raddatz inder Regie von Samuel Beckett im Berliner Schiller Theater.

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