»Der eigentliche Skandal«
Es ist so gut wie unmöglich, Anmerkungen zur Psychopathologie deutscher politischer Befangenheiten zu machen, ohne selbst in sie verstrickt zu werden. Hier ist niemand Arzt, sondern alle sind Leidende, Befallene. Hier gibt es keine freie Rede und Gegenrede, sondern in erster Linie Probleme krankhafter Reizbarkeit - offenbar der letzte Lebensnerv eines im übrigen eiskalten und indifferenten Öffentlichkeitsbetriebs.
Wer den Autor jenes Beitrags »Anschwellender Bocksgesang«, den Autor etlicher Theaterstücke und Prosabücher auch nur in entfernte Verbindung zu Antisemitismus und neonazistischen Schandtaten bringt, ist jemand, der keine Differenz mehr erträgt. Folglich ist er entweder ein Idiot oder ein Barbar oder ein politischer Denunziant. Oder eben jemand, der beinahe willenlos öffentliches Gerede durch den eigenen Mund rauschen läßt, ganz so wie es in jenem inkriminierten Artikel als eine der gespenstischen Entwicklungen einer aufgeklärten Gesellschaft benannt wurde.
Überhaupt besteht der eigentliche Skandal dieses Beitrags darin, daß ihm das Zutreffende zum nicht geringen Teil erst nachträglich, in nicht enden wollenden Reaktionen angeliefert wurde. Vielleicht hat hier auch die Form, der sprachliche und gedankliche Manierismus, dafür gesorgt, daß die Sache nicht so glatt durch den Tag rutschte. Die kurze, schlanke Gescheitheit ist nur scheinbar sehr zeitgemäß, in Wahrheit erfaßt sie nichts vom Labyrinth der jetzt erlittenen Welt.
Jenes »Rechte«, um das der Streit noch geht (und für mich ist es zuerst das Rechte des gegenrevolutionären Typus von Novalis bis Rudolf Borchardt), ist inzwischen ein intellektuelles Suchtproblem geworden. In erster Linie wohl deshalb, weil es in besonders spannungsreichem Verhältnis zu der Rechten steht, der revolutionären und totalitären, die Staat und Volk ins Verderben führte. Hier ist die kategorische Unterscheidung noch längst nicht so geläufig wie auf Seiten der Linken, wo niemand gegen einen Literaten, der für den demokratischen Sozialismus eintritt, den Vorwurf erhöbe, er mache Stimmung für die Wiederkehr stalinistischer Blutbäder. Aber bekanntlich gilt vielen schon dieser Symmetrie-Gedanke als Frevel.
Und tatsächlich wird er in Zukunft an Bedeutung verlieren: Es droht von der Linken keinerlei geistige Anregung mehr; sie wird sich allenfalls beteiligen an der Organisation des gesellschaftlichen Zerfalls in Form der politischen Korrektheit.