Der Fall Harry Smith
Ein amerikanischer Verleger, Besitzer von 38 Zeitungen, braucht für bevorstehende Wahlen ein Buch. Es soll die Amerikaner überzeugen, daß Sowjetrußland zum Kriege rüste. Er gibt seinem Korrespondenten Harry Smith den Auftrag, das Land wie schon einmal zu bereisen und ein entsprechendes Buch zu schreiben.
Smith, der schon ein wahrheitsgemäßes Buch über Rußland geschrieben hat, erhält für das neue siebeneinhalb tausend Dollar Vorschuß. Er sieht sich, 39 Jahre alt, derart in der Lage, die Chefsekretärin Jessy Howler zu heiraten. Er mietet im Vertrauen auf den großen Auftrag eine geräumige Wohnung und richtet sich, auf Abzahlung, komfortabel ein.
In Rußland bemerkt er, daß die These seines Verlegers grundfalsch ist und die Russen gar nicht an Krieg denken. Er kehrt heim und schreibt in aller Stille ein Buch darüber, daß und warum die Russen keinen Krieg wollen.
Der Verleger weigert sich, es in dieser Form herauszubringen. Er verlangt Umarbeitung oder das Einverständnis des Autors, es bearbeiten zu lassen. Smith will nicht. Der Verleger droht ihm, seine Laufbahn als Journalist zu vernichten. Ein anderer Verlag und eine linksliberale Zeitung wagen sich an das Manuskript nicht heran, eingeschüchtert durch den Pressemagnaten.
Smith aber beharrt auf seinem Standpunkt. Die Folge: die Möbel werden ihm aus seiner Wohnung fortgetragen, und seine Frau verläßt ihn. Er aber tritt vor die Rampe - es handelt sich nämlich um Konstantin Simonows Theaterstück »Die russische Frage« - und erklärt, er werde seinen Platz, in einem anderen Amerika finden, im Amerika Abraham Lincolns und Franklin D. Roosevelts.
»Die russische Frage« wurde in Max Reinhardts Deutschem Theater zu Berlin aufgeführt. Der Autor des Stückes, Konstantin Simonow, begann als Fabrikarbeiter. Während des Krieges schrieb er für die »Prawda« und den »Roten Stern«. Es entstand sein Stalingradroman »Tage und Nächte«. Seine Kriegsgedichte kamen mit 655 000 Exemplaren in fünf Auflagen heraus. 1942 erhielt er für das Stück »Einer aus unserer Stadt« den Stalinpreis.
Die »Neue Zeitung« meldete, der Leiter der Nachrichtenkontrolle der amerikanischen Militärregierung, General MacClure, habe gegen die Aufführung des Stückes auf einer deutschen Bühne Protest erhoben. Die Aufführung des Stückes würde »von schlechtem Geschmack zeugen«. Es vermittle »weder eine wahre Anschauung der amerikanischen Presse noch der amerikanischen öffentlichen Meinung«.
Wolfgang Langhoff, Intendant des Deutschen Theaters, sagte in einem Rundfunk-Interview, der deutsche Zuschauer würde erkennen, »daß es sich bei diesem Stück um ein Stück der Freundschaft zwischen Amerika und der Sowjetunion auf demokratischer Basis handelt, das nur von rückschrittlichen Kräften mißdeutet werden kann«. Als einige Schauspieler ihre Rollen zurückgaben, erklärte Langhoff, dies habe keine politischen Zusammenhänge.
Die »Tägliche Rundschau«, das Blatt der sowjetischen Militärregierung, zitierte aus der russischen Presse, der Fall Harry Smith sei typisch für die kapitalistischen Länder. »Der widerspenstige Untergebene wird auf die Straße geworfen, man nimmt ihm sein ganzes Vermögen, er wird arbeitslos.«
Die »Rundschau« verwies auf ein Ende 1944 erschienenes Buch des australischen Publizisten A. Mander: »Die Presse als Feind der Gesellschaft«. Es sei genau eine Stunde nach seinem Erscheinen, von den Herren der Presse aufgekauft, aus den Buchhandlungen verschwunden gewesen.
Verwies auch auf ein 1946 in Boston erschienenes Buch von Michael Syers und Albert E. Kahn: »Die große Verschwörung: Geheimkrieg gegen Sowjetrußland«, das »unter Anführung zahlreicher Tatsachen zeige, wie die Hearst-Presse seit drei Jahrzehnten falsche und verleumderische Informationen über Rußland« verbreite.
Ueber die Berliner Aufführung schrieb dann der Theaterkritiker der »Täglichen Rundschau«, Wolfgang Harich: »Nicht Gegensätze zwischen den Alliierten stehen hier zur Debatte, sondern Korruptions-, Erpressungs- und Diskriminierungsmethoden finsterster Kriegshetzer«.
»Die russische Frage«, fährt Harich fort, »ist ein Stück für den Tag und die Stunde, geboren aus einer blitzschnellen und sicheren Diagnose und deshalb mit leichter, skizzierender Hand geschrieben«.
Im amerikanisch lizenzierten »Tagesspiegel« hat Walther Karsch im Feuilleton über die Aufführung geschrieben. Er schließt: »Langhoff hat ... erklärt, das Stück diene der Freundschaft zwischen Amerika und Rußland auf demokratischer Basis. Was davon zu halten ist, steht, weil es dorthin gehört, auf Seite zwei des Hauptblattes«.
Hier, im politischen Teil, gibt W. K. unter dem Titel »Die Taktfrage« nach einer spaltenlangen Darstellung der »russischen Frage« am Ende zu bedenken: Was wäre, »wenn in Amerika ein Schauspiel erschiene, das den russischen Journalismus so dumm und so korrupt (nur eben nicht dollar-korrupt, sondern parteilinienkorrupt) darstellte wie... Simonow den amerikanischen, und wenn dieses Stück meinetwegen am Hebbel-Theater gespielt würde?«
»Eine rein theoretische Frage«, sagt W. K. »Da niemand so fanatisch-dumm ist (auch die heftigsten Gegner Rußlands in Amerika nicht), daß das Experiment überhaupt gemacht werden könnte, und kein Theaterleiter im amerikanischen Sektor so von allen guten Geistern des Taktes verlassen, daß er, gäbe es das Stück, es aufführte.«
Die in Hamburg erscheinende überparteiliche »Welt« schrieb in ihrem Bericht, daß die Mängel der Simonowschen Arbeit glücklicherweise verhinderten, daß es zu einem Theaterskandal kam. »Das Publikum schätzte das Stück richtig ein und ließ sich auch von einer schlecht dirigierten und zu früh einsetzenden Claque nicht verleiten, unnötigen Lärm zu machen.«
Nach der Uraufführung der »Russischen Frage« im Moskauer Lenin Komsomol Theater hatte sich auch die amerikanische Zeitschrift »Time« mit dem Stück befaßt, unter der Ueberschrift »Die Wahrheit über Amerika«. Sie schrieb, schon Monate vor der Premiere habe die Sowjetpresse erklärt, daß dies der große Erfolg würde.
»Es soll in mehr als 500 Theatern aufgeführt werden, es soll verfilmt werden, und den Millionen Russen, die es sehen werden, wird es vom sowjetischen Rundfunk als definitive Antwort auf solche Fragen angekündigt wie: Was will Amerika? Was für, ein Mensch ist der Durchschnittsamerikaner?«
Simonow habe, schreibt »Time« weiter, seine Quellenstudien im vergangenen Jahre gemacht. Damals habe er Amerika unter der Obhut der American Society of Newspaper Editors (Gesellschaft amerikanischer Journalisten) besucht.
»Er brachte ein seltsames Bild mit nach Hause«, stellt »Time« fest. »Nach dem Stück zu schließen, trinkt der durchschnittliche amerikanische Journalist alle zwei Minuten ein Glas Whisky, benimmt sich wie ein Schwein und spricht kaum von etwas anderem als von Geld, befallen von dem, was die »Prawda« kürzlich in scherzhafter Stimmung »Dollarium tremens« genannt hat.«
»Time« zitiert auch einen US-Journalisten, der das Stück sah:. »Es gibt nur zwei überzeugende Charaktere darin - ein Paar Möbelträger«.
Debatte um die »russische Frage": H. Leibelt (Verleger) und Hg. Laubenthal (Smith)