Der gekappte Kanon - DER SPIEGEL
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LITERATURGESCHICHTE Der gekappte Kanon

Ein Stuttgarter Germanist streicht im Klassiker-Arsenal seines Faches fast ein Jahrtausend: Für Heinz Schlaffer existiert »deutsche Literatur« nur 200 Jahre - und die sind schon vorbei.
• aus DER SPIEGEL 9/2002
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Damit jetzt kein Missverständnis aufkommt: Heinz Schlaffer ist alles andere als ein Berserker. So stilvoll, wie die Wohnung des Stuttgarter Literatur-Professors aussieht, so ruhig und konzentriert, mit nachdenklich niederbayerischem Tonfall setzt er Worte, formt Sätze, fängt Gedanken ein.

Aber die haben es in sich. »Die Deutschen verstehen es, immer auf die falschen Dichter zu setzen«, kann er plötzlich sagen. Oder: »Momentan ist Goethe nach dem Bestseller über seine Frau Christiane nur noch deren biografischer Wurmfortsatz.« Bonmots machen ihm Spaß, und wenn er mag, schreibt er sie auf - respektlos und präzise, wie er spricht: ein Satz, ein Hieb.

Seinen neuesten Streich werden Kollegen wohl nur mühsam verkraften, wenn überhaupt. In einem Buch-Essay von gerade mal 160 Seiten verficht Schlaffer, 62, eine These, die unter gesitteten Fachleuten wie reiner Vandalismus wirken muss: Deutsche Dichtung und Schriftstellerei, behauptet er, habe es im engeren Sinne erst etwa seit dem Jahr 1750 gegeben. Darum nennt er sein konzises Werk, das in dieser Woche erscheint, hinter- und doppelsinnig »Die kurze Geschichte der deutschen Literatur"*.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Natürlich weiß der Gelehrte sehr gut, welch große Dichtung es im Barock, in der Luther-Zeit und erst recht im Mittelalter gegeben hat. Die erschütternden Schilderungen der Kriegsgräuel in Grimmelshausens »Simplicissimus« (1668) behalten für ihn genauso ihren Wert wie die radikal-poetischen Liebesverse im »Tristan« des Gottfried von Straßburg (um 1210). Nur: Deutsche Literatur, sagt Schlaffer, war das alles nicht - es wurde erst dazu gemacht.

Verantwortlich dafür, dass angehende Germanisten sich noch heute mit dem Geraune althochdeutscher Zaubersprüche oder mit den Wortgebirgen barocker Staatsromane abrackern dürfen, seien

die patriotischen Literatur-Ausgräber der Goethe-Zeit.

Ein ganzer Trupp romantischer Kulturforscher (allen voran die Brüder Grimm) durchstöberte in den Jahrzehnten um 1800 jedes erreichbare alte Pergament nach deutscher Dichtung. Mit Entdeckerstolz bauten die Herren dann aus ihren Funden zusammen, was heute als Geschichte der deutschen Literatur gilt, vom altfränkischen Evangelienbuch über Recken- und Hoffräulein-Geschichten bis heute.

Gegen Archäologie hat Schlaffer nichts. Für Professoren seien ferne, verzwickte Werke sogar genau das Richtige. Nur gewöhnliche Leser hätten eben nichts davon. Wenn jemand einen langwierigen »Lancelot«-Roman des 15. Jahrhunderts herausgebe, sei das doch pure »Umbettung« von einem Grab ins andere: »Von den Bibliotheken, in denen die Handschriften und halbverschollene Drucke schlummerten, gelangen sie über Edition, Kommentar und Interpretation wieder zurück in die ewige Ruhe der Bibliotheken.«

Schon deshalb sei die angeblich lange, großartige Literaturtradition der Deutschen im Grunde von ihrer Erfindung an ein zähnationalistisches Schulpensum geblieben. Trotz aller Mühe der Experten, den literarischen Kanon nach rückwärts zu verlängern, trotz aller Verbeugungen vor Rittermären oder Schäferlyrik: Weder das Nibelungenlied noch die innigen Barockverse Paul Flemings hätten sich im »Gedächtnis der Gebildeten« festgesetzt. Keines dieser Werke erfüllt, was Schlaffer von einem echten Klassiker fordert: »gleichzeitig vergangen, erinnert und gegenwärtig« zu sein.

»In Italien wurde das Dreigestirn Dante, Petrarca und Boccaccio schon von Zeitgenossen im 14. Jahrhundert als klassisch gefeiert«, erläutert er. »Hätte man dagegen einen Deutschen um 1650 gefragt: ,Was ist das beste deutsche Heldenepos des Mittelalters?'' Dann hätte er erwidert: ''Was ist das? Wo soll das liegen?'' Niemand hätte davon gewusst.« Erst Goethe, Schiller und Co. sei es geglückt - mit Hilfe einer Clique junger Kritiker aus Jena -, schon bei Lebzeiten für klassisch erklärt und seither dafür gehalten zu werden.

Deutschlands Verspätung um etliche Jahrhunderte, auch im Vergleich mit Frankreich oder England, erklärt Schlaffer durch den Umstand, dass »das Mittelalter nicht enden wollte": In vielen Kleinst-Staaten mit ewigen Religionsstreitereien beschäftigt, hätten die Deutschen einfach keine Zeit gehabt, um sich auch noch für Sprachkunst zu begeistern. Erst als im Zeitalter der Aufklärung die frommen Zänkereien abflauten, bekamen Literaten ihre Chance: Im gefühligen Stil neuerer Erweckungsprediger erzählten sie nun Schicksale wie »Die Leiden des jungen Werther« - und hatten großen Erfolg.

Zugegeben, nicht erst der Stuttgarter Professor hat entdeckt, dass die literarische Wende in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts weitgehend von pietistischer Sprachkraft lebte. Aber er zeigt ungeahnt drastisch, welche Folgen das hatte: Kaum nämlich waren die Klassiker anerkannt, da erklärte das neue Bürgertum den Seelen- und Offenbarungston auch schon zum einzig wahren Rezept der Poesie. Autoren, die nicht ins Schema passten, galten rasch als läppische Eintagsfliegen oder Versager.

Zwar machte der Geniekult, der sich im Schatten »überlebensgroßer Denkmalsfiguren« entwickelte, später manche Wiederentdeckung möglich: Georg Büchners revolutionäre Prosa zum Beispiel oder die genial-wüsten Stücke von Christian Dietrich Grabbe.

Aber irgendwann, so Schlaffer, musste es mit der »Übertreibung und Überschätzung des Zuständigkeitsbereichs der Literatur« böse enden. Schon die vielen Untergangserzählungen am Beginn des 20. Jahrhunderts sind für ihn ein Signal. Wenige Jahrzehnte darauf war es endgültig so weit: In den Trümmern des Hitler-Reichs löste sich auch das deutsche Bildungsbürgertum auf. »Feierlichkeit und Ergriffenheit beim Kunstgenuss« aber konnten nicht einfach mitsterben. Deswegen, meint Schlaffer, übernahmen Schriftsteller im Nachkriegsdeutschland reihenweise die »Rolle des Bußpredigers": Ob Böll oder Grass, Max Frisch, Erich Fried oder Christa Wolf, keiner von ihnen kann den mahnenden Zeigefinger verbergen.

Jüngeren, die ohne Schulmeisterei auskommen wollten, blieb notgedrungen die pure Bedeutungshuberei übrig. Das Erstaunlichste an Peter Handke, Botho Strauß und vielen Preisgekrönten ihresgleichen sei die »erbitterte Bereitschaft zu langweilen«, lästert Schlaffer. Unterm Strich sei im vergangenen halben Jahrhundert literarisch so wenig Wichtiges mehr passiert, dass er die deutsche Literaturgeschichte als Fachgebiet einfach mit den fünfziger Jahren für beendet erklärt.

Starker Tobak für alle Leser, aber erst recht für Forscher-Kollegen. Die, so weiß Schlaffer aus Erfahrung, »merken oft ihre Unscheinbarkeit gar nicht mehr«. Längst sei die Literaturwissenschaft in viele »kleine Expertenzirkel mit Fachsprache« zersplittert. »Wer von den Professoren noch ein größeres Publikum erreichen will, muss es in Untermiete bei größeren Zeitungen tun.« Auch er selbst fabriziert regelmäßig kleine, freche Glossen für die »Frankfurter Rundschau«.

Denn so elegant er in seiner Polemik den Einmann-Abbruchunternehmer spielt, so nüchtern er klarstellt, dass mit dem Verdämmern der Klassiker auch das Ende echter Belesenheit gekommen sein dürfte: Im Grunde hängt er viel zu sehr an der großen Literatur, als dass er auf sie verzichten könnte. Sein brillantes Büchlein, als coolnostalgische »Flaschenpost« in den Strom der Zeit geworfen, zeigt es auf jeder Seite - zwischen den Zeilen: Eigentlich, ganz eigentlich hätte Heinz Schlaffer wohl am liebsten Unrecht. JOHANNES SALTZWEDEL

* Heinz Schlaffer: »Die kurze Geschichte der deutschenLiteratur«. Carl Hanser Verlag, München; 160 Seiten; 12,90 Euro.

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