Zum Tod von Wolfgang Böhmer Der Granitschädel
Arzt und Politiker Wolfgang Böhmer
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Er war einer jener unkonventionellen Politiker, wie sie nur die friedliche Revolution in der DDR hervorbringen konnte. Bis 1990 war er »aus Überzeugung parteilos« und ging seiner Profession als Chefarzt für Gynäkologie in Wittenberg nach. CDU-Mitglieder überredeten Wolfgang Böhmer, 1990 für den Landtag von Sachsen-Anhalt zu kandidieren. Schon 1991 holte ihn Ministerpräsident Werner Münch (CDU) ins Kabinett. Böhmer wurde Finanzminister, zwei Jahre später Minister für Arbeit und Soziales. Dem rasanten Aufstieg folgte ein schneller Absturz: Die CDU konnte ab 1994 in Sachsen-Anhalt nicht weiterregieren. Bei der Landtagswahl 2002 kandidierte Böhmer und wurde trotz gegenteiliger Prognosen mit 66 Jahren Ministerpräsident. Einmal im Amt, wirkte er wie entfesselt. Bei seiner Amtsführung orientierte sich Böhmer an seinen 17 Jahren als Chefarzt: »Erst kommt die Diagnose, dann die Therapie. Und wenn man sich daran hält, hat man auch in der Politik Erfolg.« 2005 hatte Sachsen-Anhalt ein vergleichsweise hohes Wirtschaftswachstum, 2006 kam die Wiederwahl. Böhmer, der »Oberlausitzer Granitschädel«, kritisierte immer wieder auch schmerzfrei die eigene Partei, empfahl seinen Parteifreunden gar »die intensive Basisarbeit der Linkspartei«. Seinen Wechsel von der Geburtsklinik in die Politik hat er offensichtlich nie bereut. Dem Deutschlandfunk sagte er 2018: »Wenn Sie Ihr ganzes Leben lang nur in fremden Bäuchen zu tun haben, geht Ihnen auch vieles verloren. Für mich hat das eine totale Erweiterung meines Blickfeldes bedeutet.« Wolfgang Böhmer starb am 29. Juni in Wittenberg.