WILDER WESTEN Der große Bluff
Roy Bean, der berühmteste Richter von Texas, hat den Verbrecher in seinem eigenen Haus gestellt: Wes Hardin, den »Terror von Texas«. Als Kopfprämie winken dem Richter 5000 Dollar.
Doch Bean will nur dem Recht dienen. »Von der Belohnung«, so verspricht er dem Gangster, »besorge ich Ihnen den besten Anwalt, den es gibt.«
Gerührt antwortet Hardin, der schon zwölf Menschen erschossen hatte, ehe ihm der erste Bart sproß: »Richter, Sie sind der beste Mensch, der mir je begegnet ist ...«
Einmal im Monat - so wieder am Freitag letzter Woche - flimmert das Bild dieses gütigen Texas-Richters
über die Mattscheiben in der Bundesrepublik: Roy Bean - laut ständig wiederkehrendem Kommentar ein »einfacher Mann, der beschloß, der um sich greifenden Gesetzlosigkeit ein Ende zu machen« - ist der Held einer Western-Serie, die der Hessische Rundfunk vom US-Fernsehen erworben hat.
Der Name des Richters ist authentisch - seine Rechtsprechung nicht. Denn der echte Roy Bean war, wie der franzosische Western-Spezialist Jean -Louis Rieupeyrout formulierte, »das unmenschlichste Geschöpf in ganz Texas«.
Die Metamorphose des trunksüchtigen, raffgierigen Blutrichters in einen Anwalt der Gerechtigkeit ist typisch für das großangelegte, seit Jahrzehnten betriebene Geschäft mit der - verfälschten - Geschichte Amerikas im 19. Jahrhundert: der Sage von Edelmut und Größe im Wilden Westen.
Zur Erbauung des TV- und Kino -Publikums in aller Welt werden von Buchautoren, Drehbuchschreibern und Fernsehregisseuren die Halunken einer blutigen Epoche in Heroen umgemodelt.
An der Spitze der beliebtesten TV Programme Amerikas strahlen finstere Gesellen, die heutzutage in den Fahndungslisten des FBI stehen würden:
- Wyatt Earp - in der Fernseh-Version ein edler, gerechter Sheriff - tötete in Wahrheit lieber außerhalb der Legalität, und als Zuhälter verdiente er sich mindestens ebenso viele Dollars wie als Sheriff;
- Doc Holliday - nach der Fama einer der schnellsten Reiter und besten Schützen des Westens - war ein schwindsüchtiger Schürzenjäger und der gerissenste Falschspieler im Staate Kansas;
- Billy the Kid - in der Sicht des Western-Autors Frank Gruber »nur durch die Umstände zum Desperado geworden« - führte eine Viehräuberbande an und wurde als einer der übelsten Totschläger gesucht.
In Büchern und auf Bühnen gelangten Figuren zu Ruhm, die vergessen wären, hätten nicht Aufschneider sie mit Legenden umwoben:
- Buffalo Bill, vom Mythos des Super -Cowboys umwabert, machte seinen Weg vom Briefträger über den Büffel-Schlächter zum Zirkusdirektor dank der Phantasie eines Zehn -Cent-Journalisten - Cowboy war er nie;
- Ann Oakley - Star des Musicals »Annie get your gun« und in einer TV-Serie eines Sheriffs Kind, das flüchtenden Bösewichten die Hakken von den Stiefeln schießt - war Kunstschützin aus Ohio und sah den Wilden Westen erstmals auf einer Tournee mit Buffalo Bills Western -Show.
Als besonders erfolgreich erwies sich bislang im TV-Geschäft dabei jene Figur, mit der einst (von Henry Fonda und Burt Lancaster verkörpert) auch die Western-Filmer aus Hollywood die Vorstadtkinos füllten: Wyatt Earp, der angeblich beste Sheriff, den es je gab. In den USA erreichte die TV-Serie weit über hundert Folgen, und auch in der Bundesrepublik waren bislang schon 20 Wyatt-Earp-Sendungen zu sehen.
Doch der Mann, nach dem sogar eine kalifornische Stadt benannt wurde, war nach den Worten des Wildwest-Historikers Frank Waters in Wahrheit ein »Al Capone des Westens«. Seine Laufbahn begann er als Hilfssheriff im Viehhandelszentrum Wichita. Als Schläger zu 30 Dollar Geldstrafe verurteilt und entlassen, zog er nach Dodge City, in das »Gomorrha der Prärie«, das zu drei Vierteln aus Saloons, Tanzdielen und Spielhöllen bestand.
Auch in Dodge City diente Earp als Hilfssheriff - doch dem Gesetzbuch zog er die Spielkarten und dem Duell mit Banditen das Tete-à-tete mit Dirnen vor. Der einzige Gesetzesbrecher, den er in Dodge City erlegte, war ein von Zuhältern gedungener Attentäter: Er hatte Earp beseitigen sollen, weil der Hilfssheriff vom Ertrag der Bordelle 25 Prozent einstrich - doch der Mann mit dem Stern zog schneller als der Mann von der roten Laterne.
Noch gewinnbringender operierte Earp als Sheriff in Tombstone im US Staat Arizona: Er nahm hier Prozente sowohl von der Transportgesellschaft »Wells Fargo« als auch von der Spielhölle »Oriental Saloon and Gambling Hall«.
In Tombstone assistierten ihm auch seine bekanntesten Spießgesellen der stutzerhafte Kartengeber Bat Masterson und der lungenkranke Zahnarzt Doc Holliday.
Bat Masterson hatte auf dem Weg nach Tombstone seine Poker-Partner nur betrogen - doch Holliday hatte auf seinem Anmarsch deutlichere Spuren hinterlassen: Die Grabsteine für die Opfer seines Colts markierten die Route wie Kilometersteine.
Eigentlich war der Zahnarzt (und Negerhasser) John H. Holliday nur wegen seiner Tuberkulose in den warmen und trockenen Westen gereist. Doch bald hing der im Film von Kirk Douglas ("Zwei rechnen ab") und im Fernsehen von Myron Healey veredelte Killer mehr im Saloon als in seiner Praxis herum. Der Colt lag ihm besser in der Hand als die Zange - und so soff und schoß, hurte und hustete Doc Holliday sich durch Tombstone, bis er
zum Leibwächter von Wyatt Earp avanciert war.
Am 26. Oktober 1881 trugen Earp und Holliday ihren berühmten »Gunfight at OK Corral« mit fünf Mitgliedern der berüchtigten Clanton-Gang aus. Die Parteien wechselten 34 Schuß in 30 Sekunden. Earps Strecke: drei Tote, zwei Verhaftete.
Doch nicht nur zwielichtigen Sheriffs, auch eindeutigen Gangstern wanden Film und Fernsehen Kränze: Killer wie Jesse James und Räuber wie Sam Bass wurden unter den Studioscheinwerfern zu Robin Hoods des Westens, und der einundzwanzigfache Mörder Billy the Kid wurde bislang schon in mindestens acht Spielfilmen und in einem Ballett des Komponisten Aaron Copland verherrlicht.
Weltweiten Ruhm noch zu Lebzeiten erntete der Postreiter, Büffel-Schlächter und spätere Zirkusdirektor William F. Cody. Die großmäuligen Lagerfeuer-Storys des vermeintlichen Western-Helden verpackte der Geschichtenschreiber Ned Buntline (für den Western -Forscher Homer Croy »einer der größten Lügner der Welt") unter der Spitzmarke »Buffalo Bill« in mehreren hundert Geschichten und brachte sie als Groschenhefte auf den Markt.
Cody nutzte seinerseits die Publicity: Er gründete einen Zirkus und ging mit der Show »Buffalo Bill's Original Wild West« auf weltweite Tournee.
Star seiner Show war der Preisschütze Frank Butler. Bei einem Gastspiel in Cincinnati unterlag er im Wettschießen dem Backfisch Phoebe Annie Oakley Mozee. Butler machte aus dieser Niederlage das Beste für sich: Er heiratete Annie und machte sie zu seiner Partnerin im Zirkusring. Das Show -Geschäft erhob die Schaustellerin zur Heroine.
Mit dem Richter Roy Bean indes auf der Mattscheibe ein gütiger Kauz mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn - unternahmen die TV-Produzenten den bislang radikalsten Versuch einer Spitzbubenwäsche.
Der echte Roy Bean hatte sich im amerikanischen Bürgerkrieg als Blockadebrecher für die Südstaaten betätigt. Später eröffnete er in der Ortschaft Langtry am Rio Grande eine Bar und ernannte sich zum Bürgermeister und zum Richter.
In dieser Bar hielt er Gerichtstag. Die Sitzungen begannen und endeten mit einer Runde Gerstenschnaps, und wenn sie etwas länger dauerten, ließ Bean sie unterbrechen, damit seine als Geschworene dienenden Spießgesellen an der Bar ihren Durst stillen konnten.
Seine Art, Recht zu sprechen, hatte Bean selbst »Gesetz westlich des Pecos« getauft. Gnade vor Unrecht ließ Bean nur gegen Dollars oder Drinks walten.
Angeklagte, die weder zu den Stammkunden der Lilly-Bar zählten noch über ausreichendes Schmiergeld verfügten, waren in fast aussichtsloser Lage -
Bean ließ sie unter den nächsten Baum führen.
Ein Ire dagegen, der in Langtry einen chinesischen Eisenbahnarbeiter getötet hatte, ging frei aus, nachdem seine Landsleute Bean bedeutet hatten, sie könnten in Zukunft ihre Dollars auch in eine andere Bar tragen.
Bean blätterte in seinem Notizbuch dann verkündete er das Urteil: »Dieses Buch enthält alle Gesetze von Texas. Und darin ist nicht eine verdammte Zeile darüber, daß es ungesetzlich ist, einen Chinesen zu töten. Der Angeklagte ist freigesprochen. Die Kosten der Drinks übernehmen die Iren . . .«
Und während in der TV Serie Richter Bean seine verdiente Belohnung für die Verteidigung eines Gangsters opfert, ging bei seinem historischen Vorgänger das Geld den umgekehrten Weg.
So hatte Roy Bean einen Pferdedieb namens Carlos Robles bereits zum Tode verurteilt und den Schuldspruch wie üblich mit einer längeren Ansprache eingeleitet, in der er die Freuden des Lebens und die Schönheiten der Jahreszeiten pries. Und dann wetterte er: »Aber Ihr werdet davon keinen verdammten Augenblick mehr erleben, denn es ist der Beschluß dieses Gerichts, Euch unter den nächsten Baum zu führen und Euch daselbst aufzuknüpfen, bis der Tod eintritt . . .«
Robles schien verloren und äußerte seinen letzten Wunsch: Sein Barvermögen von 400 Dollar sollte seiner Mutter überbracht werden.
Die Summe stimmte den Richter gnädig. Er wandelte die Todesstrafe in eine Geldstrafe um. Höhe: 300 Dollar. Dann gab Bean dem Pferdedieb den Rat, innerhalb von 15 Minuten Langtry den Rücken zu kehren und sich anderswo hängen zu lassen.
Historischer Roy Bean
TV-Held Roy Bean
Roy-Beon-Gerichtshaus in Langtry
Wildwest-Held, Western-Schauplatz: Gnade vor Unrecht gegen Drinks und Dollars
Historische Annie Oakley
Den Wilden Westen ...
Musical-Heldin Annie Oakley ... nur auf Tournee gesehen
Historischer Doc Holliday
Historischer Wyatt Earp
Film-Helden Doc Holliday, Wyatt Earp*: Betrogen und gehustet
* Bild rechts: Heidi Brühl; Bild unten: Kirk Douglas, Burt Lancaster.