KUNST Der große Verweigerer
Unten schwappen die glitzernden Wellen an die Nordküste Trinidads, oben klebt eine unerbittliche Sonne am Himmel. Dazwischen erhebt sich eine von Regenwald bedeckte Bergkette, ein schummriges Traumreich aus Riesenbäumen, verschlungenen Ästen, ausladenden Buschblättern.
Durch diese Wunderwelt prescht im silberfarbenen Pick-up der Maler Peter Doig, der Weg führt beeindruckend steil, kurvenreich und holprig nach unten, aber der Mann kennt sich aus. Er reißt das Steuer nach links, nach rechts, die Karosserie gibt krachende Geräusche von sich, »ich bin hier wirklich schon Hunderte Male langgefahren, und es ist nur einmal bedrohlich geworden«. Ein heftiger Tropenregen habe eingesetzt, »wir sind Stunden später im Matsch auf allen vieren nach oben gekrabbelt«.
Doig faszinieren alle Herausforderungen der Natur, im Leben wie in seinem Werk. Der 49-jährige Brite hat es mit Landschaftsbildern zum wichtigsten Maler seiner Generation gebracht. Seine feinsinnigen, geheimnisvollen Gemälde werden gefeiert und verehrt, für zwei, vier, elf Millionen Dollar versteigert. Vom Ufer, auf das er gerade zusteuert, bricht er im Hochseekajak selbst zu Touren übers Meer oder in die Grotten auf. Insofern ist dieser Ort kunsthistorisch bedeutend, denn Boote gehören zu Doigs legendären Motiven.
Feinsinnig wirkt Doig am Steuer seines Geländewagens nun gerade nicht. Eher wie ein weltferner Abenteurer, dem zu seiner markanten Glatze, der breiten Sonnenbrille und der zerrissenen Hose nur noch der Indiana-Jones-Hut fehlt. Sieht so ein Künstler aus?
Doig ist ein Genie im Erfinden von Bildern, aber er selbst will der Welt nicht einfach so erlauben, sich ein Bild von ihm zu machen. Er verweigert sich den Erwartungen, er mag keine Klischees. Diese Abneigung war einer der Gründe, sich 2002 mit seiner Familie auf diese Antilleninsel kurz vor Venezuela abzusetzen.
In Europa zählt das Image eines Künstlers längst mehr als sein Werk, hier in der Karibik jedoch interessiert sich kaum jemand für seinen Star-Status. Doig fällt höchstens wegen seiner hellen Haut auf, aber sein Ruhm hat sich nicht groß herumgesprochen. »Die Leute hier sind damit beschäftigt, ihr Leben zu leben.«
Doig hat sich getraut, was die meisten seiner Kollegen nie wagen würden - nämlich auf Distanz zum überdrehten Kunstbetrieb zu gehen. Zwischen ihm und dem brodelnden, gierigen Markt liegen Tausende Kilometer. Aus europäischer Perspektive ist er fast schon ein Verschollener, ein Phantom. Auch darin ist er ein Verweigerer. Und das Gegenmodell zu Künstlern wie seinem Landsmann Damien Hirst, dessen größte Leistung in seiner öffentlich zelebrierten Geschäftstüchtigkeit und Allgegenwart besteht und der ein 300-Zimmer-Schloss besitzt.
Als Künstler wird Doig ernster denn Hirst genommen. Man kann ohne Übertreibung behaupten, dass dieser kahlköpfige Kraftkerl im vergangenen Jahrzehnt die Malerei wiederbelebt hat. Denn die schien, neben der spröden Videokunst, den bunten Installationen und Gags wie Hirsts eingelegten Haifischen, die in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren die Kunstszene beherrschten, fast schon gestorben und auf dem Friedhof der Kunstgeschichte beerdigt zu sein.
Doch dann kam Doig, eroberte sich erst langsam, bald immer energischer die Kunstwelt. Er hat sich zum Malerischen bekannt und es geschafft, der Kunst der Leinwand wieder einen ernsthaften Zauber zu verleihen. In seinen Bildwelten darf der Betrachter schwelgen.
Dieses Jahr ist ein einziges Doig-Festival. Die gewichtige Tate Britain in London hat ihm eine große Schau ausgerichtet, die nach Paris weiterwanderte und bald in abgewandelter Form auch in der Frankfurter Kunsthalle Schirn zu sehen ist (9. Oktober bis 4. Januar 2009).
Doig müsste dringend ein Bild vollenden, es muss überhaupt Tage geben, an denen er auch einmal vor der Leinwand steht. Nur ist er nicht der Typ Künstler, der ständig im Atelier hockt. Ein Leben, so wie er es führen will, lässt das gar nicht zu.
Doig und seine Frau Bonnie haben fünf Kinder, das älteste 16 Jahre alt, viele Freunde, zwei Wohnsitze auf Trinidad, einen in der Hauptstadt Port of Spain, einen in den Bergen. Jeden Donnerstag lädt er zu einem in der Kunstwelt schon sagenumwobenen Filmclub ein. Alle acht Wochen reist er nach Düsseldorf und lehrt als Professor an der Kunstakademie, die er für »die beste der Welt« hält und an der auch schon Gerhard Richter wirkte; er und Richter gehören, gemessen an Auktionsergebnissen, zu den teuersten lebenden Malern. »Aber welcher Künstler mag schon Auktionen?«, fragt Doig. »Das ist eine Welt, die völlig außer Kontrolle geraten ist.«
Jetzt zieht er erst einmal die Handbremse an, springt aus dem Wagen und steht im nächsten Meisterwerk der Natur.
Noch ein paar Meter durch den Wald, vorbei an einer schmalen Schlucht, in der Quellwasser hinabfließt, über silbrig glänzende Steine hinweg, dann breitet sich inmitten einer imposanten Bucht der Strand aus. Cremiger Sand, warmes Wasser, das laut aufschäumt, ungefilterte Sonne.
Sogar die modrigen Buschblätter, die Äste, Stämme und zerfaserten Holzbrocken, die wüst verstreut herumliegen, vor ein paar Tagen hinabgerissen und angespült von einem Unwetter, passen in dieses tropische Gesamtkunststück.
»Vergangene Woche sah der Strand ganz anders aus«, ruft Doig und wuchtet, sofort völlig verschwitzt, Holz herum. Einiges, etwa der Stamm eines roten Indian Tree, wird auf der Ladefläche seines Pick-ups landen.
Hat er sein Paradies gefunden?
Doig hält inne, setzt sich auf einen Stein, wirkt einen Augenblick lang nicht mehr ganz so entspannt. »Die Landschaft ist überwältigend«, sagt er beinahe zögerlich, »jeder Mensch hat ein Recht auf solche starken Eindrücke, aber ein Künstler muss mit ihnen umzugehen wissen, Schönheit kann auch zur Gefahr werden.«
Ein Paradies sei Trinidad ohnehin nicht. Die Insel habe zwar eine unglaubliche Magie, doch über der Gesellschaft liege eine große Traurigkeit. Paradies, Exotik, das seien doch auch nur Klischees. »Außerdem bin ich kein zweiter Gauguin.«
Für Doig ist alles Teil des komplexen Rätsels namens Gegenwart, diese Robinson-Crusoe-Landschaft, aber auch die Kostüme des karibischen Karnevals, Filme, Architektur - oder eine blassbunte Mauer irgendwo in Port of Spain.
Oft macht er Fotos, auf der Suche nach Augenblicken, die zu Bildern werden könnten. Das Leben ist hier nicht weniger real als irgendwo in Europa, doch wie definiert man Realität? Bei ihm wirkt selbst das Alltägliche mysteriös, unbegreiflich.
So zeigt er auf seinen Bildern zum Beispiel den spukhaften Augenblick, in dem sich der milchige Schleier, der sich abends über die Insel legt, in ein tiefes Schwarz verwandelt. »Schwarzer Vorhang« heißt eines seiner Gemälde.
Mit seinen gemalten Landschaften ist Doig oft dicht am Cineastischen, vor allem am Thriller, ein Haus hinter einem Geflecht aus Ästen wirkt ebenso unheimlich wie der verlassene, in unwirkliches Licht getauchte Basketballplatz oder wie die Oberfläche eines Sees, in dem sich der dunkle Wald spiegelt.
Tatsächlich lässt er den Betrachter im Ungewissen darüber, ob die Natur Zuflucht oder Falle ist, ob die Menschen in der Wucht ihrer Umgebung auf- oder darin verlorengehen. Wahrscheinlich findet sich das Publikum des 21. Jahrhunderts genau in dieser Sicht auf die Welt wieder.
Seit Trinidad sind Doigs Bilder noch malerischer geworden, freier, und immer stellt er auch Schönheit her. Er aber spricht von der Idee des »Anti-Meisterwerks«, von der »Flucht vor der Perfektion«. Schon wieder so eine Verweigerung.
Auf einem Berg hoch über der Nordküste hat sich Doig einen Rückzugsort geschaffen, der die Erwartungen an ein Dschungelidyll zugleich unterläuft und erfüllt: ein modernes Haus aus Beton, von dem selbst der Bauherr sagt, es wirke »ein wenig brutal«, das aber eingerahmt wird von einem zirpenden Garten Eden, in dem Papaya- und Bananenstauden wachsen, »obwohl wir die nicht einmal gepflanzt haben«. Die Veranda besitzt die Größe einer Aussichtsplattform, der Blick übers Meer reicht fast bis Südamerika.
Als Willkommensgruß hat der Herr über die Dschungelburg die kuriose Werwolf-Skulptur eines deutschen Künstlerfreundes neben den Eingang gestellt, er besitzt eben auch Sinn für Ironie.
Das Malen nimmt er ernst, überhaupt ist er keiner, der als Künstler leichtfertiger geworden ist, weil er auf einer karibischen Insel hockt. Daran hindert ihn schon die Einsicht, dass jeder Griff zum Pinsel das größte Abenteuer ist, »weil man ja jedes Bild nur ein einziges Mal schaffen kann«.
Beim Arbeiten aber stört ihn das Bergidyll, denn, so gesteht Doig, er lässt sich leicht ablenken - kaum ist ein Tukan in den Lüften zu sehen, spurtet er los und holt das Fernglas. Und so ist sein Atelier ein karger Bunker ohne Ausblick auf die Weite aus Wasser, Landschaft, Himmel. Es sei denn, man erklimmt über schmale Stufen die Empore, die Fensteröffnungen da oben sind vergittert.
Unten an der Wand lehnen unfertige Bilder, die Hitze dringt ein, verstärkt den Terpentingeruch. Wenn er malt, dreht Doig die Stereoanlage auf, noch so ein Ablenkungsmanöver gegen das Idyll.
Trotzdem falle ihm in der Stadt das Malen leichter, sagt Doig. Nur wird sein dortiges Atelier gerade umgebaut.
In der Hauptstadt Port of Spain verbringen die Doigs ihren Alltag. In den zentralen Bezirken leben 50 000 Menschen, im gesamten Einzugsgebiet sind es eine halbe Million. Eine Kleinstadt im Vergleich zu London, aber kein Ort, an dem es so unbeschwert zugeht, wie es die Tourismusbehörde der früheren Plantageninsel vorgibt. Die Bevölkerung wird als »kultureller Regenbogen« geradezu vermarktet.
Doig könnte Port of Spain als sein eigentliches Zuhause in Anspruch nehmen. Immerhin hat er von seinen ersten sieben Lebensjahren viereinhalb in dieser Stadt verbracht, weil sein Vater hier bei einer Schifffahrtsgesellschaft arbeitete. Die Familie kam 1962 aus Edinburgh und zog 1966 weiter nach Kanada. Der spätere Hoffnungsträger der Malerei schmiss dort die Schule, durfte in England dennoch studieren - und rechnete viele Jahre nicht damit, von der Malerei leben zu können. Nach Trinidad kam er erstmals wieder im Jahr 2000. »In dem Moment habe ich gemerkt, an wie viel ich mich erinnern kann.«
Trotzdem: Es hat sich viel verändert. Neue Hochhäuser und Wohnsiedlungen zeigen den wirtschaftlichen Boom an, den die Erdöl- und Erdgasvorkommen der Insel gebracht haben. Viele alte Viertel aus Kolonialzeiten, selbst die Einkaufsstraßen, wirken dagegen heruntergekommen. Von Südamerika werden Waffen und Drogen regelrecht angeschwemmt. Kokain sei hier die Droge der Straße, sagt Doig. »Es gibt keine uneingeschränkte Freiheit, es gibt sogar viel Gewalt. Aber wenn man eine Weile hier ist, wird einem klar, dass die Leute ein starkes Gefühl für diesen Ort haben, sie wollen, dass es besser wird.«
Dann sagt er noch: »Diese Stadt macht einem nichts vor.« Doig braucht diese raue Umgebung, wenn er an seinen Bildern arbeitet - denn die handeln zwar immer von einer starken Sehnsucht nach einer Gegenwelt, wollen dabei aber partout nicht schwärmerisch sein. Das Leben, das er führt, erdet ihn so, dass er träumen kann, ohne im Pathos zu enden. Wahrscheinlich macht diese Spannung den Kern seiner Kunst aus.
Donnerstagabend. Der Maler und sein Künstlerkollege Che Lovelace, Sohn eines bekannten trinidadischen Schriftstellers, veranstalten ihren wöchentlichen Filmclub im Fernandes Industrial Center. Der weltweit gefeierte Star Peter Doig hängt noch schnell das Fenster mit schwarzer Plane ab.
Er hat hier in den vergangenen Jahren die unterschiedlichsten Filme gezeigt, Horrortrash, Hollywood, europäisch Experimentelles. Bei Rainer Werner Fassbinders »Angst essen Seele auf« habe das trinidadische Publikum applaudiert, erzählt er.
Heute kommen 40, 50 Leute, sehen sich einen brasilianischen Low-Budget-Film aus dem Jahr 1971 an, er spielt im 16. Jahrhundert, am Ende fressen Mitglieder eines Indianerstamms einen europäischen Eroberer auf, denn dessen Fleisch gilt als exotische Delikatesse. Der Titel lautet: »Mein kleiner Franzose war sehr lecker«.
Etliche der Besucher stehen anschließend bei einem Bier draußen auf der Treppe, man redet erst über den Film und dann über alles Mögliche, die Arbeit, die Kinder, die Strände.
Wie jede Woche hat Doig am Nachmittag ein Poster zum Film gemalt und an die Wand geklebt - in Europa gab es eigene Ausstellungen zu diesen Plakaten, größere Ankäufe. Man reißt sich um alles, was er aus der Karibik schickt.
Genießt er diesen Erfolg, die ganze Anerkennung? »Meine Fähigkeit, glücklich zu sein, hängt nicht davon ab«, lautet Doigs Antwort.
Geschadet hat ihm die trotzige Einstellung zum Ruhm auch nicht. Es ist ja vielmehr so: dass er die Spielregeln des Marktes nicht einhält, lässt die Faszination des fernen Mythos Doig und seiner Malerei immer weiterwachsen. Seine Galeristen warten dringlicher denn je auf neue Bilder, wohl wissend, dass sie sich bei diesem Mann in Geduld üben müssen.
Nachts wird er noch mit der letzten Maschine nach New York fliegen, ein Freund hat dort eine Ausstellungseröffnung.
Irgendwie scheint es ihm echten Spaß zu bereiten, aus dem Paradies, das keines ist, flüchten zu können. Aber nie für lange.
* Filmposter (o., 2007), Gemälde »The Heart of Old San Juan«(u., 1999), »Pelican Island« (r., 2006).