Der Mörder im Keller - DER SPIEGEL
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LITERATUR Der Mörder im Keller

Der neue Roman des Österreichers Josef Haslinger, fünf Jahre nach dem Bestsellererfolg »Opernball« erschienen, zeigt, dass die Politik in der Literatur noch eine Rolle spielt: »Das Vaterspiel« ist ein so unterhaltsames wie gesellschaftskritisches Werk.
• aus DER SPIEGEL 41/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rupert Kramer, Politikersohn, Nichtsnutz, Bastler, Computerspezialist, 35 Jahre alt, kann zwischen Wirklichkeit und virtueller Realität bisweilen nicht mehr ganz unterscheiden. Zwar ist es ein massives Schneetreiben, das ihn handfest auf einer schnellen Autofahrt behindert, doch der Tanz der Flocken vor der Scheibe will ihm wie eine geschickte Simulation vorkommen, wie ein Bildschirmschoner, Typ »Starfield Simulation«.

Kramer, Hauptfigur und Ich-Erzähler aus Josef Haslingers zweitem Roman »Das Vaterspiel«, will um jeden Preis eine Aufgabe erfüllen, über die er noch gar nicht exakt informiert ist - wild entschlossen, als wäre er ein Held aus dem Cyberspace: »Ich hatte einen Auftrag, und ich wollte ihm gewachsen sein."*

Und so jagt er gleich auf der ersten Seite fast blind durch das Schneetreiben. Er muss sein Flugzeug in die USA erreichen. Er will es allen zeigen, besonders seinem Vater, dem Herrn Minister, der in Österreich eine erfolgreiche sozialdemokratische

Karriere durchlaufen hat und den Sohn für einen Versager hält. Der erfolgsverwöhnte Mann wirft Rupert vor, den ganzen Tag am Computer zu sitzen. Dessen Kommentar: »Er hatte nicht ganz Unrecht. Es gab tatsächlich kaum ein Computerspiel, das ich nicht kannte.«

Er liebt die Spiele nicht nur, sondern ist auch fähig, deren »Files zu knacken und ihr digitales Innenleben bloßzulegen« - und er hat ("Zur Entspannung schlachtete ich meinen Vater") ein eigenes Spiel entworfen, aus lauter Hass auf seinen Alten, das titelgebende »Vaterspiel«.

Sexualität dagegen ist für Kramer kein großes Thema. Nur zu einer einzigen, eher ungeplanten und wenig galanten sexuellen Begegnung im Drogenrausch kommt es: mit der Kommilitonin Mimi. Diese kurze Szene allerdings beschreibt Haslinger mit viel Lust am bizarren Detail.

Die Liebe ist es gleichwohl, die die Handlung in Gang setzt: Denn Kramer hat Mimi auch Jahre später nicht vergessen, und als sie ihn für die nicht näher erläuterte Unterstützung aus Wien nach New York ruft, bricht er unverzüglich auf - zumal er sich in den USA auch bessere Marktchancen für sein »Vaterspiel« ausrechnet. Die Fahrt durch das Schneetreiben, die Kramer mit einigem Glück übersteht, ist der Auftakt zu einem nebulösen Unternehmen.

Kramer junior ist ein neuer Typus Romanfigur, zu Hause in einer virtuellen Welt - und dem Österreicher Haslinger, der mit seinem Roman »Opernball« 1995 einen Bestsellererfolg erzielte, ist mit seinem neuen Werk etwas gelungen, was es eigentlich gar nicht mehr gibt: ein aktueller politischer Roman.

Nach der Wende sah es eine Zeit lang so aus, als wären die Schriftsteller froh, lästigen Ballast abschütteln zu können, der Politik und moralischer Pflichtaufgaben ledig zu sein. Das Politische schien aus der Literatur und den literarischen Debatten zu verschwinden. Auch Haslinger stellte 1996 in seinem Essay »Hausdurchsuchung im Elfenbeinturm« fest, dass es nach Öffnung des Eisernen Vorhangs zu einer Krise des politischen Engagements gekommen sei: »Die einen zogen sich aus der politischen Debatte zurück, weil sie ihre Aufgabe erfüllt sahen, die anderen, weil sie die politische Orientierung zu verlieren begannen.«

Lang schien es her zu sein, dass der Franzose Albert Camus seinen Kollegen zugerufen hatte: »Wir Schriftsteller des 20. Jahrhunderts werden nie mehr allein sein.« Damals, 1957, zwölf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, war in Europa Camus'' Meinung weit verbreitet, kein Dichter könne mehr in seinem Elfenbeinturm verharren, ohne wirklichkeitsfremd zu sein.

Oder wie Heinrich Böll es 1976 aus Anlass der Verfilmung seiner Erzählung »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« (1974) lapidar formulierte: »Man darf Literatur nie herausnehmen aus der historischen Platzierung.«

Bölls Wort könnte auch Leitspruch für Haslinger, 45, sein, der abwechselnd in Wien und Leipzig lebt, wo er am Deutschen Literaturinstitut, der Poetenschule, als Professor arbeitet. In seine Prosa spielt das politische Tagesgeschehen direkt hinein, ohne doch den Text zu dominieren - wie schon im »Opernball«, dem ersten Roman, der sich bisher in einer Auflage von mehr als 300 000 Stück verkauft hat.

Dort hatte der Autor zu einer äußerst spekulativen Konstruktion gegriffen: Während des festlichen Balls im Wiener Opernhaus führt eine rechte Terrorsekte - vor laufenden TV-Kameras - einen Giftgas-Massenmord durch. Mögliche Vorbehalte gegen die Plausibilität dieses Einfalls wurden von der Realität bald widerlegt: Wenige Wochen nach Erscheinen des Romans leitete in Japan eine religiöse Gruppe tödliches Nervengas in U-Bahnwagen ein.

Ohnedies erschöpfte sich der »Opernball« nicht auf der Oberfläche des dramatischen Geschehens: Aus dem Blickwinkel einer Hauptfigur, eines erfolgreichen Fernsehjournalisten und Kriegskorrespondenten, der seinen Sohn bei dem Anschlag im Opernhaus verliert, wird der Bogen von der Befreiung des Nazi-Lagers Bergen-Belsen bis zum Golfkrieg geschlagen: »Massengräber und Leichenberge begleiteten mein Leben wie ein Fluch.«

Ein Spiel mit dem realen Schrecken? Der Erzähler Haslinger versteht es, die romanhaften Elemente und die Wirklichkeitszitate in eindrucksvoller Weise auszubalancieren. Das gelingt ihm jetzt auch im »Vaterspiel« wieder vortrefflich.

Im zweiten Kapitel werden, zunächst noch unvermittelt, die Schrecken des 20. Jahrhunderts aufgerufen: Ein Mann namens Jonas Shtrom, 1925 in Litauen geboren, mittlerweile US-Staatsbürger, gibt zu Protokoll, was er als jüdischer Schüler in Kaunas miterleben musste: Freunde und Familienangehörige wurden, zum Teil vor seinen Augen, 1941 von litauischen Milizen ermordet.

Was hat der ergreifende Bericht des Jungen aus dem Baltikum mit der Amerikafahrt des Computerhelden Kramer zu tun? Haslinger führt die Geschichten lange parallel, lässt Shtrom stückchenweise von seinem Überleben berichten und davon, wie er in den USA die Spur eines der damaligen Mörder fand, während Kramer ein österreichisches Nachkriegsalbum aufblättert - die spannungsreiche Geschichte zweier Familien, die sich politisch völlig fernstehen.

Tiefschwarz ist die eine (mütterlicherseits), sozialdemokratisch gesinnt die andere: Der Vater des Vaters war in Dachau interniert. Dem ganz auf seinen Computer fixierten Sohn ist die Politik gänzlich fremd. Es ist Rupert peinlich, seinem Ministervater am 1. Mai auf dem Rathausplatz zuwinken zu müssen - zumal er mit Verbitterung feststellt, dass der Sozialist »das Leistungsprinzip ernster nahm als alle aufstrebenden Jungkapitalisten zusammen«.

Die Politikerkarriere und die familieninternen Auswirkungen werden äußerst anschaulich und mit vielen gut recherchierten Details geschildert. Zusammen mit seiner Schwester Klara, die einmal politische Freunde des Vaters mit dem Satz »Hitler ist sexy« schockiert, grenzt sich der junge Kramer zunehmend gegen die Vaterfigur ab, vor allem als der Politiker seinen Einfluss finanziell zu nutzen weiß und die Mutter wegen einer Jüngeren verlässt. Hassobjekt sind nicht die Nazi-Vorfahren, sondern deren Kinder, die Linken und Sozialdemokraten, die Neureichen und Selbstzufriedenen, die nun selbst ihren Generationskonflikt mit den Nachkommen haben.

In Amerika freilich schlägt auch für Rupert, der ganz in seinen virtuellen Welten aufgeht, die Stunde der Wahrheit. Mimi nämlich bittet den ehemaligen Gelegenheitsgeliebten und Bastler, der ihr schon während ihrer Studentenzeit in Wien das Zimmer renovierte, den Keller eines Hauses auf Long Island auszubauen. Dort versteckt sich ein 78 Jahre alter Mann, der Bruder ihrer Großmutter: gesucht wegen des Verdachts, an Massenmorden in Litauen beteiligt gewesen zu sein.

Erst da, im letzten Fünftel des Romans, zieht Haslinger die verschiedenen Erzählfäden zusammen: Der Ex-Litauer ist untergetaucht, als Jonas Shtrom - 32 Jahre zuvor - in ihm den Mörder seines Vaters wiedererkannte. Rupert, der der Enkelgeneration angehört, muss sich entscheiden, welche Abscheu überwiegt: die gegenüber dem neureichen SPÖ-Vater oder jenem Alten, dem Massenmörder im Keller.

Zunächst zögert er: »Großvater in Dachau, Enkel hilft seinem Peiniger. Das ist eine zu steile Karriere.« Doch da ist Mimi, von der er sich eine Fortsetzung der Liebesgeschichte erhofft, da ist der plötzliche Erfolg seines PC-Vaterspiels, das in den USA per »Online-Gaming« ein regelrechter Hit wird - Rupert, der Träumer und Spieler, scheint die Maßstäbe für sein Handeln in der Realität längst verloren zu haben.

Ähnlich wie in Bernhard Schlinks Erfolgsroman »Der Vorleser« (1995) wird der Held vor allem durch die Liebe in eine Position jenseits der gängigen Übereinkünfte und Moral gedrängt - freilich will Haslingers »Vaterspiel« weniger psychologisches Kammerspiel sein als der Versuch, ein gesellschaftliches Panorama zu entfalten: mit einem riesigen Arsenal an Personen, Geschichten und Nebengeschichten.

Haslinger hat eine ganz eigene literarische Mischform entwickelt: Er bietet Spannung, füllt den Roman bis zum Rand mit Fakten - und vermag doch, die Ansichten und Zweifel seiner Figuren in Ruhe auszubreiten. Auch Rupert, der verlorene Sohn, wird nicht einfach zur negativen Figur, zum unpolitischen Minusmann, obwohl er aus Wut über den Sozi-Vater die historischen Dimensionen aus den Augen verliert und sich in beklemmender Weise auf den Nazi-Mörder einlässt: Ihm bleiben bis zuletzt Widersprüche und sympathische Züge.

Der Roman endet kurz nach Weihnachten 1999 in Europa: mit dem Aufbruch der Familie zu einer Beerdigung. Rupert Kramer hat überraschend doch noch über den Vater gesiegt. VOLKER HAGE

* Josef Haslinger: »Das Vaterspiel«. S. Fischer Verlag,Frankfurt am Main; 576 Seiten; 46 Mark.

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