Der Musterknabe - DER SPIEGEL
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KINO Der Musterknabe

Der Schauspieler Jürgen Tarrach, auf Verlierer abonniert, darf in der Komödie »3 Chinesen mit dem Kontrabass« endlich Erfolg haben: beim Beseitigen einer Leiche.
• aus DER SPIEGEL 11/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn eine Frau für eine halbe Ewigkeit im Badezimmer verschwindet, ist das ein Fall für die Kosmetikindustrie. Wenn sie für immer dort verschwindet, ist das ein Fall für die Polizei. Oder fürs Kino.

»3 Chinesen mit dem Kontrabass« heißt die schwarze Komödie, in der eine Frauenleiche so beseitigt werden soll, dass sie nie wieder auftaucht. Denn wie die junge Dame zu Tode gekommen ist in ihrer eigenen Wohnung - daran kann sich ihr Freund nach einer durchzechten Nacht nicht erinnern. Ein Unfall? Oder hat er sie umgebracht? Was wird die Polizei dazu sagen? Er weiß es nicht. Nur eines: dass sein Kumpel Max ihm helfen muss.

Jürgen Tarrach spielt diesen Max, einen bulligen Arzt, der für seinen Freund den undankbaren Job erledigt - Knochenarbeit im wahrsten Sinne des Wortes. Dass es dabei kein Blut zu sehen gibt, versteht sich bei einer Komödie von selbst; dass der Film »3 Chinesen mit dem Kontrabass« darüber hinaus oft raffiniert seine Scherze treibt mit dem Schrecken, ist dagegen eine Überraschung - schwarzer Humor gilt nicht gerade als deutsche Spezialität.

Auch bei Jürgen Tarrach, 39, hat es etwas gedauert, bis er merkte, dass er am besten

als tragikomische Figur funktioniert, dass manche Rollen ein bisschen zu schwer sind, wenn man selbst ein bisschen zu schwer ist. Ausgerechnet den ausgemergelten Kriegsheimkehrer Beckmann aus Wolfgang Borcherts »Draußen vor der Tür« hatte er einstudiert für die Aufnahmeprüfung an der Essener Folkwang-Schauspielschule; das konnte nicht gut gehen: Tarrach ("Ich war immer schon etwas dicklich") fiel durch.

Das ist jetzt bald 20 Jahre her; seitdem ist eigentlich fast alles gut gegangen bei Jürgen Tarrach: Das renommierte Wiener Max-Reinhardt-Seminar hat ihn genommen, er hat zehn Jahre Theater gespielt (in Münster, Nürnberg und Karlsruhe), geheiratet, zwei Kinder, und seit fünf Jahren gehört er zu den gefragtesten deutschen Film- und Fernsehschauspielern - auch wenn seinen Namen bislang nur wenige Zuschauer kennen.

Dafür dürften die meisten wissen, wie er mit Badehose aussieht: 1998 trieb Tarrach träge durch einen Pool, und als seine sehr blonde Mitschwimmerin sich mit den Worten verabschiedete, sie gehe sich jetzt ein Auto kaufen, rief er ihr nach: »Bringste mir eins mit?« Tarrach verkörperte das Fleisch gewordene Klischee vom Multimillionär - so frech wie die Spots der »Goldenen 1« war Lotterie-Werbung nie wieder.

Doch Tarrach hat mehr zu bieten als nur einen Bauch und eine Visage wie der späte Rainer Werner Fassbinder. Er spielte - nach der ZDF-Reihe »Um die 30« - meistens Typen, die weniger im Erfolg badeten als im eigenen Schweiß. So kämpfte Tarrach im Polyesteranzug gegen Ganoven als einer der »Musterknaben« - zwei Kölner Kripo-Beamte, die zum Ermitteln eigentlich zu faul (und ein bisschen zu dämlich) sind, diesen Makel aber durch flotte Sprüche und vermeintlich coole Klamotten ausgleichen. Es habe Spaß gemacht, »im Feinrippunterhemd herumzusitzen«, sagt Tarrach, schließlich sehe man sonst »genug Hochglanz, aber so ist die Welt eben nicht«.

Seit den »Musterknaben« muss Tarrach ständig betonen, »im wirklichen Leben nicht der absolute Proll« zu sein. Lieber erzählt er allerdings, sein Partner Oliver Korittke und er hätten für ihre Leistung »in Baden-Baden den Sonderpreis der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste« erhalten. Tarrach bringt dieses Wortungetüm ohne Stocken heraus, um dann ganz schnell zu ergänzen, man bekomme da »nur eine Urkunde« und keine Trophäe. Wohl auch deshalb wäre er in diesem Jahr gern für den Grimme-Preis nominiert worden für seine Rolle als Einzelgänger Norbert im »Tatort«.

»Ich bin schon sehr ehrgeizig«, bekennt Tarrach, doch im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen sieht man ihm das auf der Leinwand nicht an. Wo weniger begabte Darsteller ihre Charaktere unfreiwillig denunzieren und Übertreibung für Ironie halten, bewahren Tarrachs Verlierertypen Haltung und bleiben selbst als Karikatur glaubhaft.

Und wenn er nicht in Geilenkirchen bei Aachen auf die Welt gekommen wäre, sondern in den USA, würde einer wie er vermutlich längst in Hollywood drehen mit Tarantino oder den Coen-Brüdern. Stattdessen heißen seine Regisseure Friedemann Fromm ("Schlaraffenland«, 33 000 Zuschauer) oder Thomas Roth ("Kaliber Deluxe«, bisher 40 000 Zuschauer), im Glücksfall auch mal Helmut Dietl ("Late Show"), Tom Tykwer und demnächst Dieter Wedel.

Einer der letzten Regisseure, mit denen Tarrach gearbeitet hat, war noch gar kein richtiger: Klaus Krämer, Student an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin, wollte eigentlich nur seinen Abschlussfilm drehen. Doch dann hatte er plötzlich eine gute Idee, einen Co-Autor für ein Drehbuch und eine Produktionsfirma, die ihm hervorragende Schauspieler finanzierte und was man sonst so braucht für einen richtigen Kinofilm. Statt an die großen Vorbilder aus Hollywood (Hitchcocks »Immer Ärger mit Harry") hielt Krämer sich lieber an die kleinen aus Großbritannien und borgte sich ein paar Elemente aus bei Danny Boyles WG-Krimi »Kleine Morde unter Freunden«. Das Ergebnis dieser Bemühungen läuft von dieser Woche an in den Kinos: »3 Chinesen mit dem Kontrabass«.

Zugegeben, kein besonders sinniger Titel - aber »Die Musterknaben« war ja schon vergeben. MARTIN WOLF

* Oben: in »3 Chinesen mit dem Kontrabass« mit Boris Aljinovicund Claudia Michelsen; unten: mit Anna-Maria Ondra und IljaRichter.

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