Der nackte Simulant - DER SPIEGEL
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FOTOGRAFIE Der nackte Simulant

Frankreichs Star-Denker Jean Baudrillard brilliert in einer Kasseler Ausstellung als Fotograf - und zeigt sich auf einigen Bildern ziemlich unbekleidet.
• aus DER SPIEGEL 50/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mann wittert überall die Apokalypse. Mächtige Wolken ziehen tief über eine spröde Landschaft und ein einsames Gehöft hinweg. Hilflos wehen dürre Bäume im Wind. Vom Gewitter bis zum Weltuntergang ist angesichts dieses Naturspektakels alles denkbar.

Die schaurige Landschaftsaufnahme stammt von einem Künstler, der als Fotograf eher unbekannt, als Zeitgeist-Analytiker aber ein Superstar ist: von Jean Baudrillard, 74, dem bekanntesten, gelegentlich auch umstrittensten Vordenker der Franzosen, einem Provokateur, der Disneyland mit Konzentrationslagern verglichen hat und der ein »Vergnügen dieser Welt« an der Katastrophe im Allgemeinen sowie eine »geheime Lust« am Zusammenbruch der New Yorker Zwillingstürme im Besonderen ausgemacht haben will. Im Kasseler Museum Fridericianum darf er vom kommenden Wochenende an (und erstmals in Deutschland) mit seinen Fotografien für Irritationen sorgen*.

Es gibt, vom Altrocker Udo Lindenberg bis zum Schauspielveteranen Dennis Hopper, viele ergraute Prominente, die einer Nebentätigkeit in der bildenden Kunst nachgehen; auch Baudrillard hat erst mit dem Alterswerk losgelegt; seine fotografische Passion pflegt er seit den achtziger Jahren. Die Ausstellungsmacher in Kas-

sel geben sich stolz auf ihren berühmten

Gast, warnen aber vorsichtshalber, dessen OEuvre sehe »bisweilen wie ,Kalenderfotografie'' oder ,Allerwelts-Schnappschuss'' aus«.

Dabei lässt sich der Showstar Baudrillard, der wie ein »David Bowie der Philosophie« ("Guardian") durch die Welt tourt, auch in der Fotografie zur unkonventionellen Selbstinszenierung hinreißen. Auf einigen Fotos zeigt er sich, wenn auch im Dämmerlicht, ziemlich nackt. Die Aufnahmen seines verknitterten Oberkörpers erinnern an die Vanitas-Symbolik der Renaissance mit ihren Greisendarstellungen. Aber natürlich geht es dem Visionär um mehr als die Vergänglichkeit einzelner Menschen (und sei er es selbst); deshalb hat er sich für seine Schau einen ganzheitlich traumatischen Titel ausgedacht: »Die Abwesenheit der Welt«.

Einige der Bilder sind - wenn man''s ein wenig gespenstisch mag - durchaus gelungen. Der Mann, der gegen die Überästhetisierung des Lebens wettert, hat einen fast schon schwärmerischen Blick. Sein düsterer Kitsch erinnert an die Landschaftsgruselszenarien eines Caspar David Friedrich und die hinterlistige Dramatik Alfred Hitchcocks. Verbrechen sind auf den Fotos keine zu erkennen, aber der Alltag kann sich, diese Erkenntnis legen die Bilder nahe, jederzeit zu einem Thriller entwickeln.

Da ist beispielsweise ein Autowrack zu sehen, das offenbar schon seit längerem im trüben Gewässer liegt. Ein heruntergekommenes Gebäude steht in einer verlassenen Landschaft, und nur ein geparktes Auto weist darauf hin, dass sich hier noch Menschen herumtreiben.

Überhaupt scheint Baudrillard weniger an seinen Zeitgenossen interessiert als an ihren Spuren und Abbildern. Er fotografiert sogar den verknautschten Abdruck, den jemand im Kopfkissen hinterlassen hat. Seine Bilder von Passanten erwecken den Eindruck, er habe wie ein Detektiv in seinem Versteck auf der Lauer gelegen - so lange, bis die Sonne tief genug stand und seine ahnungslosen Opfer riesige Schattenbilder auf den Asphalt warfen.

So lässt der Glamourpessimist Baudrillard die Welt naturgemäß dämonischer erscheinen, als sie ist. Widersprüche stören da nicht. Seit Jahrzehnten predigt er seine These von der Scheinwelt aus Illusionen und Simulationen, die längst zum natürlichen Lebensraum geworden sei und die er nun selbst bereichert. Bilder sind für ihn - im schlechtesten Fall - so teuflisch wie moderne Götzendarstellungen; auf ihnen werde die Wirklichkeit überblendet und damit ausgelöscht. Aber erst einmal, auf der »Ebene der Intuition«, so schwärmt er im Katalog zur Ausstellung, sei ein »Bild immer eine absolute Überraschung. Oder sollte es zumindest sein«.

Weil der Freizeitfotograf Baudrillard offenbar keine Lust hat, sein eigenes Werk der Kritik oder auch nur der Interpretation auszusetzen, lässt er in seinem Katalogtext Warnungen einfließen. Wie diese: »Wir zerstören die Bilder, indem wir sie mit Bedeutung überfrachten, wir töten die Bilder durch den Sinn.« ULRIKE KNÖFEL

* »Jean Baudrillard - Die Abwesenheit der Welt«. 14. Dezemberbis 29. Februar 2004. Katalog: 15 Euro.

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