Pop Der Sängerkrieg
Als der Star vor den Richter trat, sah er aus, als ginge er zu einer Beerdigung. Zum erstenmal seit Jahren zeigte er sich in einem schwarzen Anzug, und zum erstenmal trug er keinen Ohrring.
George Michael meint es ernst. Er klagt gegen seinen Vertragspartner Sony, einen der größten Elektronikkonzerne der Welt; er möchte seine Freiheit wiederhaben. »Ich werde dort behandelt«, sagte Michael, »wie ein Stück Software, die man in der Hardware von Sony nützt.«
Michael gehört zu den erfolgreichsten Popstars der Gegenwart ("Faith«, »Listen Without Prejudice"), und der Prozeß, den er gegen den japanischen Giganten führt, könnte mit einem Grundsatzurteil enden, das neue Maßstäbe in der Branche setzt.
Gewinnt Michael, so werden es die Firmen in Zukunft schwer haben, Verträge gegen unzufriedene Künstler durchzusetzen. Verliert er, wird er möglicherweise nie wieder eine Platte herausbringen. Egal wie der Prozeß ausgeht - Michael ist entschlossen, keine einzige Aufnahme mehr für Sony zu machen.
Michaels Vorwurf lautet, sein Plattenvertrag begünstige die Firma so sehr, daß er einer Wettbewerbsbeschränkung gleichkomme. Sein Vertrag mit der amerikanischen CBS war ein erfolgreiches Verhältnis - die Verbindung mit dem japanischen CBS-Käufer und Multikonzern Sony ist ein aufgezwungene Ehe. Michael will die Scheidung.
Sein Kreuzzug gegen die Japaner wird weniger von idealistischen und mehr von ökonomischen Motiven angetrieben. Während andere Superstars wie Madonna oder Michael Jackson längst mit Milliarden-Deals protzen, muß sich Michael immer noch mit einer Beteiligung zufriedengeben, die sich für seine Gewichtsklasse wie ein Handel aus der Steinzeit des Show-Business ausnimmt. In einem Zeitraum von fünf Jahren, bis Dezember 1992, hat Michael mit seinen Plattenerlösen 7,35 Millionen Pfund verdient. Sonys Anteil betrug dagegen 52,45 Millionen Pfund.
Die Firma bleibt dabei, daß Michaels Vertrag bindend sei und ihn verpflichte, acht Langspielplatten herauszubringen. Davon hat er erst zwei geliefert: 1987 »Faith« und 1990 »Listen Without Prejudice«.
Der gewaltige Unterschied in den Verkaufszahlen der beiden Platten ist die Ursache der immer schlechteren Beziehungen zwischen Michael und Sony. Von »Faith« wurden 15 Millionen Exemplare verkauft, von »Listen Without Prejudice« nur 7 Millionen.
Der Verkaufsrückgang hat sicher damit zu tun, daß Michael sich weigerte, Interviews zu geben oder in Videos aufzutreten, um für die Platte zu werben.
Der Sänger hingegen meint, daß die Verkaufszahlen höher ausgefallen wären, wenn Sony ihn besser und professioneller unterstützt hätte.
Michael behauptet fest, daß dieser Prozeß nichts mit Geld zu tun habe. »Es geht hier nicht um Geld«, sagte er. »Es geht um eine Popkultur, in der ein Künstler nicht wie ein Gefangener behandelt wird.«