Der Satyriker
Der Mann sieht aus wie einer von den Wildecker Herzbuben, zwängt sich pausenlos redend, schreiend, gestikulierend durch das Publikum, reißt einer Pinkfrisierten ihre Wasserflasche weg, trinkt sie aus, rast weiter und schüttelt einen Rentner an den Schultern und brüllt ihm ins Ohr: »Verstehst du das?!!« Und ringsum steigen trichterförmig die Sitzreihen der Sportarena Palalottomatica auf, da sitzen 10 000 Römerinnen und Römer und hängen an den Lippen dieses Fauns. Er redet zwei Stunden lang, ohne Pause, ohne Versprecher. Ohne Erbarmen.
Beppe Grillo geht um. Der Komiker. Der Ernstmacher. Italiens populärster Populist. So gefürchtet von den Politikern aller Parteien, dass er auf keinem Sender auftreten darf. Eine Mischung aus Harald Schmidt und Savonarola, Satyr und Satiriker.
Es ist der dritte Auftritt in Rom. Die Karten für Grillos Programm »Reset« waren Tage vorher ausverkauft. Danach zieht er in den Norden, schließlich an die Strände Latiums. Alle Auftritte sind ausverkauft.
Beppe Grillo hastet weiter durch die Sitzreihen, dampfend vor Energie, knüllt eine Namensliste zusammen und haut sie einem Zuhörer um die Ohren: »In unseren Parlamenten! Sitzen! 25!! Rechtmäßig Verurteilte! Fünf-und-zwanzig! - Findest du! Das! Normal?!«
Genau so ist er Ende Juni auch vor dem Europaparlament aufgetreten. Grillo sprach eine Stunde lang über jenen italienischen Sonderweg, der auch wegen Korruption und Betrug verurteilten Politikern ihren Platz im Parlament belässt. Und weil sich daran auch unter der Linken nichts geändert hat, haben die Grillisten den 8. September zum »Vaffanculo Day« erklärt, zum nationalen »Leck-mich-Tag«.
Gegen die anarchische Wucht eines Grillo wirken Dieter Hildebrandt und Harald Schmidt wie Regierungssprecher. Aber kann man einem Land gratulieren, das Komiker (nötig) hat wie ihn?
Um in Italien Kabarett und Groteske zu machen, reicht es, aus der Zeitung vorzulesen. Der Regierungssprecher wird auf dem Transvestitenstrich fotografiert. Der Justizminister war Gast bei einer Mafiosi-Hochzeit. Der Chef der Nationalbank begünstigt seinen Schwiegersohn, will aber im Amt bleiben, weil er so katholisch ist. Weite Landesteile sind zum Müllnotstandsgebiet erklärt, weil der Abfall so hoch liegt, dass kein Autoverkehr mehr möglich ist. Die Fußballspiele manipuliert? Aber sicher! Nationalmannschaft samt Trainer davon betroffen, aber trotzdem Weltmeister? Logo, gerade deswegen!
Die Zeitungen sind voll davon. Nur sind der Skandale so viele, dass sie am nächsten Morgen wieder vergessen sind. Grillo muss sie nur den Leuten in die Ohren schreien, und sie sind begeistert. Sie lieben ihn als Kathartiker. Er sagt, wie's ist und wie es immer sein wird.
Grillo lässt über der Bühne des Palalottomatica eine Web-Seite aufleuchten. Die Regierung habe 45 Millionen Euro für einen Internet-Auftritt ausgegeben, der offenbar unbrauchbar ist. »Wie findet ihr zu der Seite? Tippt bei Google einfach »merda«, Scheiße, ein, und schon seid ihr da.« Grillo macht's vor. Und siehe da: Es klappt. Zumindest in diesen Tagen.
Der 59-jährige Komiker begann seinen Aufstieg im Fernsehen. Wegen einer Anspielung auf die Korruption der damaligen (sozialistischen) Regierung bekam Grillo 1994 Auftrittsverbot bei der staatlichen RAI. Keine Folgeregierung hat ihn zurückgeholt. Seither ist Beppe Grillo sein eigenes Massenmedium, reist geißelnd, wütend, maßlos übertreibend durchs Land.
In fast 200 Städten Italiens treffen sich »Beppe-Grillo-Freundeskreise« wöchentlich, um gemeinsam seinen Weblog zu lesen und zu diskutieren. Es ist die Piazza des Web-2.0-Zeitalters. Die Seite www.beppegrillo.it ist eine der meistangeklickten Italiens, sie ist teils ins Englische übersetzt. An jeder Autoraststätte, an jedem Kiosk findet sich sein Buch »Tutto il grillo che conta«.
Grillo hat nichts dagegen, Verbraucher-, Pazifisten- oder sonstige Bewegungen auszurufen. Mit seiner Verve hat er dafür gesorgt, dass Mineralwasser in Italien nicht wie Grand Cru bepreist wird. Sein Internet-Referendum gegen die überteuerten Handy-Gebühren ist von der Regierung Prodi aufgenommen und in ein Gesetz geschrieben worden. Bei der Aktionärsversammlung der italienischen Telecom im April war auch Grillo eingeladen, als Sprecher der entrechteten und enterbten Kleinaktionäre. Unter den versteinerten Blicken der Aufsichtsräte wütete er gegen illegale Abhöraktionen innerhalb des Unternehmens. Die Versammlung amüsierte sich, und es ging weiter in der Tagesordnung.
Seit neuestem kämpft Grillo gegen Müllverbrennungsanlagen, weil sie »Nanopathologien« fördern würden. Das kommt an in der Arena des Palalottomatica. Auch wenn im Süden wild die Deponien kokeln, weil es genau an diesen Anlagen mangelt. »Was tun?«, brüllt Grillo und zerrt jetzt einen jungen Aktivisten vors Mikrofon. Der sagt, dass Mülltrennung eine gute Sache sei und Car-Sharing sowieso, und das Publikum klatscht begeistert. Wie über einen guten Witz.
Rings um das Palalottomatica parken die Autos der Grillo-Party-Besucher. Sie stehen in zweiter, dritter Reihe, sind verzweifelt auch auf Zebrastreifen abgestellt, auf Trottoirs und Grünanlagen. Car-Sharing? Supersache, aber leider nicht zu machen. Aber gut, mal drüber geredet zu haben. Wenn der römische Verkehr nicht so laut wäre, könnte man jetzt auch das Zirpen einer Grille hören. ALEXANDER SMOLTCZYK