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MUSEEN Der Schauraum ist die Show

Neue Museumsbauten, in denen sich Architekten als Künstler ausleben, erregen in Wien, München, Nürnberg und vielen anderen europäischen Städten Aufsehen. Mit höchstem Anspruch wird nächste Woche die Londoner »Tate Modern« in einem ehemaligen Kraftwerk eröffnet.
Von Jürgen Hohmeyer
• aus DER SPIEGEL 18/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine Frechheit ist dieser Turm, eine 99 Meter hohe Anmaßung, beinahe obszön.

Ausgerechnet gegenüber von St. Paul''s Cathedral mit ihrer klassischen Kuppel hat der Architekt Giles Gilbert Scott vor 50 Jahren sein Wahrzeichen am rechten Londoner Themse-Ufer aufgerichtet. Und weder ein Schloss noch eine Kirche ließ er so keck himmelwärts zeigen, sondern ein profanes Kraftwerk - mit einem Fassadenturm, der eigentlich ein riesiger Schornstein ist. Industrie, sollte das wohl heißen, ist die neue Religion, die Gegenwart stellt sich der Geschichte.

Dabei war das Äußere dieser »Bankside Power Station«, an deren über 150 Meter langem Backsteinquader noch bis 1963, drei Jahre nach Scotts Tod, weiter gebaut wurde, von Anfang an altmodisch, ja anachronistisch. Das bräunliche Ziegelmauerwerk mit seinen steilen Rechteckfenstern und den vorspringenden Schmuckbändern, der ragende Schlot, der dem ganzen Architekturmassiv eine Aura zwischen Krematorium und San Gimignano verleiht - das alles hätte ein Baumeister ebenso gut schon vor dem Zweiten Weltkrieg erfinden können.

Und als wäre die archaische Hülle ein Menetekel gewesen, dauerte es nicht lange, bis auch die Kessel und Turbinen im Inneren nicht mehr auf der Höhe der Zeit waren. 1981 wurden sie abgeschaltet. Dem Kraftwerk ging die Kraft aus, es war museal geworden.

Davon profitiert nun die Kunst. Am 12. Mai tut sich das Haus verwandelt wieder auf, und diesmal buchstäblich als ein Museum: Die ehrwürdige, mittlerweile 103jährige Londoner Tate Gallery, berühmt für William Turner und die Präraffaeliten, bezieht hier unter dem Namen »Tate Modern« eine Dependance für Kunst des 20. Jahrhunderts und alles, was danach kommt.

Was dieser Außenposten an großartigen Kunstwerken und Schauplätzen zu bieten hat, kann das um die Moderne ausgedünnte Traditionshaus (nun »Tate Britain") im Stadtteil Westminster ziemlich alt aussehen lassen. Stillschweigend übernimmt Tate Modern den Anspruch ihres Quartiers. Deutliche Botschaft: Hier ist ein Wallfahrtsort - oder Kraftwerk? - für die neue Freizeit- und Tourismus-Gesellschaft entstanden. Jüngste Schätzungen rechnen mit über zwei Millionen Besuchern jährlich, zu 30 Prozent Ausländer.

»Eine Verbindung für die Zukunft«, so schwärmt Tate-Direktor Nicholas Serota, wenn er an die »teils überwältigenden, teils intimen Räume« denkt, die da bereitstehen. Von vielen Künstlern hat er sich sagen lassen, sie agierten am liebsten in urigen Industriebauten. Doch auch weiße Oberlicht-Kuben, die klassischen Schauräume der Moderne, werden weiter gebraucht. Serota und die Seinen setzen da über Stil- und Epochengrenzen hinweg thematische Werkgruppen in Szene. Seerosen-Malerei von Monet wird beispielsweise zur Kulisse für einen Steinkreis Richard Longs.

Die Bühne dafür ist in alten Wänden neu errichtet. »Wie eine Landschaft« hat der Basler Architekt Jacques Herzog, 1995 zusammen mit seinem Partner Pierre de Meuron Sieger im Wettbewerb um dieses Großprojekt, den gewaltigen Kraftwerksbau zunächst empfunden. Ausgeschlachtet, von aller Maschinerie geräumt, habe sich das Haus als leeres, von Ziegelmauern umhülltes Stahlträgergerippe dargeboten. »Topografische Orte« seien ihm erst noch »einzupflanzen« gewesen.

Herzog und de Meuron unterteilten den Nordtrakt längs der Themse durch Zwischendecken in fünf Büro- und Ausstellungsebenen und luden ihm außerdem fast in ganzer Länge huckepack einen »Lichtbalken« auf. Dieser zweigeschossige Glasquader bietet nicht nur zusätzlichen hellen Raum. Er hat auch den Effekt, den, wie Herzog findet, »nicht auf Anhieb schönen« Altbau gnädig von seiner optischen Schwere zu entlasten und ihn feenhaft zu verfremden - als kristallisches Gebilde am Tag, nachts als ein strahlender Fries.

Aber wer das Haus durch den Haupteingang betritt, dem werden gleich auch die realen Dimensionen der einstigen Power Station klargemacht: Auf einer breiten Rampe abwärts, auch sie ein Eingriff der Architekten, gelangt man in die 35 Meter hohe Turbinenhalle, in die der eigentliche Museumsteil mit logenartigen Glaskästen hineinragt.

Den Riesenraum zu bespielen dürfte auf Dauer problematisch werden; so viele Dinosaurier-Skulpturen gibt es gar nicht. Zur Eröffnung hat die amerikanische Bildhauer-Veteranin Louise Bourgeois im Tate-Auftrag bis zu zwölf Meter hohe Stahltürme und Spinnen-Skulpturen bauen lassen. Doch als Attraktion, die jede Ausstellung übertrumpft, könnte sich zumindest hier das alt-neue Gebäude durchsetzen.

Und wenn schon. Ganz legitim produziert die »Architektur der Kunst« ja selbst »Kunstwerke, die andere Kunstwerke aufnehmen«. So umschreibt es der Bautheoretiker Vittorio Magnago Lampugnani im Katalog einer Wanderschau, die, vom 1. Juni an in den Hamburger Deichtorhallen, 25 europäische und amerikanische »Museen für ein neues Jahrtausend« vorstellt* - eine Spitzenlese architektonischer Kostbarkeiten einschließlich der Tate Modern. Das Londoner Haus selber wird seine Baumeister Herzog und de Meuron in einer eigenen Sonderschau würdigen.

Ihnen kann Lampugnani gewiss am wenigsten ankreiden, sie behandelten »Ausstellungsräume wie eine lästige Pflicht«. Doch auch der von ihnen mitgeprägte »Mi-

nimalismus«, für den Autor eine »entscheidende Neuerung der neunziger Jahre«, ist bei aller Diskretion entschieden von ästhetischem Ehrgeiz unterfüttert.

Schließlich eröffnet die Aufgabe Museum wie keine andere dem Baumeister Chancen abseits der Routine: Er kann auf geschärften Kunstsinn der Gebäudenutzer zählen, und er genießt unvergleichlich mehr Freiheit, großzügige Raumprogramme zu entwerfen, als sie ihm ein Bürohaus mit seinen engen Arbeitszellen je bietet.

»Der Architekt lebt sich als Künstler aus«, sagt der Berliner Volker Staab, dessen »Neues Museum« in Nürnberg soeben eröffnet worden ist. Es braucht ja mit der Selbstfeier der Baukunst nicht jedes Mal so weit zu gehen, dass dem Besucher das schiere, leere Haus zu ergriffener Andacht dargeboten wird, so wie vorerst Daniel Libeskinds Expressiv-Bau des Jüdischen Museums in Berlin.

Der internationale - und auch der deutsche - Museums-Bauboom jedenfalls, der vielfach als Zeitgeist-Erscheinung der achtziger Jahre bewertet wurde, ist kaum gebrochen. Mancherlei Finanznöten abgerungen, gehen unüberschaubar viele (teils allerdings längst geplante) Museumsbauten ihrer Vollendung entgegen.

Für den Moment stellt zumindest in Europa der britische Staatsauftrag Tate Modern mit seinem Riesenhaus am Themse-Ufer und der Bausumme von rund 450 Millionen Mark (darunter Millennium-Sondermittel aus Lotterie-Einnahmen) jede Konkurrenz in den Schatten.

An Ausstellungsfläche indes erreicht schon der erste Bauabschnitt der Münchner »Pinakothek der Moderne«, der kom-

mendes Jahr eröffnet werden soll, dieselbe Größenordnung: Je nachdem, ob man Räume wie Foyer und Treppenhaus, in denen bei Bedarf auch Kunst gezeigt werden kann, mitzählt oder nicht, kommen rund 12 000 oder 10 000 Quadratmeter für Staatsgalerie moderner Kunst, Neue (Design-) Sammlung, Architekturmuseum und Graphische Sammlung zusammen. In London sind es, bei ähnlichen Rechenproblemen, nicht viel mehr.

Deswegen empfindet der Münchner Architekt Stephan Braunfels den durch die bayerische Regierung verfügten »Kostendeckel« von 200 Millionen Mark auch schlicht als »jenseits von Gut und Böse«. Seinen ganzen Baukörper hat er um fünf Prozent schrumpfen müssen. Jetzt ist der Museums-Generaldirektor als Spendenakquisiteur gefordert, um zumindest noch einen schöneren Terrazzofußboden spendieren zu können.

Gleichfalls für das Jahr 2001 erwarten das Wiener Museum Moderner Kunst, die städtische Kunsthalle und die Sammlung Leopold ihre Gehäuse in einem kombinierten »Museumsquartier« (Architekten Laurids und Manfred Ortner).

Längerfristig planen unter anderen das Leipziger Museum der bildenden Künste (Hufnagel-Pütz-Rafaelian), das Deutsche Historische Museum in Berlin (Ieoh Ming Pei) und das Kölner Diözesanmuseum (Peter Zumthor).

Noch dieses Jahr wollen das Kunstmuseum Luzern (Jean Nouvel), das Wallraf-Richartz-Museum in Köln (Oswald Mathias Ungers) und das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt eröffnen. Dort ist wiederum Volker Staab am Werk, der sich in Nürnberg für sein Geschick, »aus Diskretion magnetische Wirkung« zu entfalten ("FAZ"), erst kürzlich viel Lorbeer abgeholt hat.

Mit gutem Grund: Staabs vergleichsweise bescheidenes Museumsgebäude, das eine städtische Kollektion von Nachkriegskunst nebst Zukäufen des Freistaats und Privatleihgaben, aber gleichwertig auch eine aus München abgezweigte Abteilung der Neuen Sammlung aufnimmt, setzt Maßstäbe. Das durch Bombenkrieg und hastigen Wiederaufbau schlimm verhunzte Nürnberg hat sie bitter nötig.

Staab sind nicht nur innere Raumfolgen von unaufdringlicher Eleganz geglückt. In einem wahren Geniestreich hat er seinen Entwurf auch derart in den kleinteiligen Altstadtgrundriss hineingeschnitten, dass sich der Neubau wie ein taktvoller Dialogpartner eingliedert und zugleich absetzt.

Zu einer Einkaufsstraße hin versteckt er sich hinter einer denkmalgeschützten Altbaufassade und einem ihr karg nachempfundenen Staab-Pendant; die Rückseiten beider Haus-Elemente sind, in einem Lichthof, durch Sandsteinverblendung als Außenwände definiert. Sein eigentliches Gesicht jedoch zeigt das Museum an einem eigens auf dem Baugrundstück freigeräumten, durch eine schmale Passage erreichbaren und an der anderen Seite durch die Stadtmauer begrenzten Platz: eine große konkav geschwungene Glasfassade. Sie funktioniert als Angebotsvitrine des Hauses und scheint mit schwankenden Spiegelungen zugleich das Platz-Ambiente nach innen zu holen.

»Gesetztsein in der Stadt«, wie Tate-Baumeister Herzog es ausdrückt - das wird für Museumsbauten mehr und mehr zum Leitmotiv und Leitproblem. Kunsttempel riegeln sich nicht länger hochmütig ab wie oft in der Vergangenheit. Sie suchen den Kontakt zu ihrer Umgebung.

So haben Herzog und de Meuron ihren abweisenden Backsteinklotz zumindest in der Sockelzone aufgebrochen, um aus einem Café den Blick über den Strom freizugeben; von oberen Aussichtsterrassen und aus einem Restaurant im »Lichtbalken« sieht man noch weiter hinaus. Das Vis-à-vis von Power Station und St. Paul''s, das schon der Architekt Scott effektvoll ausgespielt hatte, wird nun buchstäblich in einen Brückenschlag umgemünzt: Ein Fußgängersteg soll die Besucherscharen schnurstracks über die Themse heranführen. Das ganze »Bankside«-Viertel, in dem einst William Shakespeares Globe Theatre stand und wo dessen putzige Rekonstruktion bereits seit 1997 Touristen anlockt, erwartet kräftigen Auftrieb.

In überkommenem Gemäuer wie Herzog und de Meuron nisten sich auch die Wiener Architektenbrüder Ortner auf dem Gelände des einstigen k. u. k. Marstalls ein. Nach ähnlichem Prinzip wie die Kollegen implantieren sie etwa der verschnörkelten Winterreithalle aus dem 19. Jahrhundert eine mächtige Tribünen-Schräge.

Doch das in 14 Planungsjahren immer wieder bemäkelte, verzögerte und abgewandelte Gesamtprogramm der Ortners, das gemessen an der Addition aller Flächen sogar die Tate Modern übertrifft, ist vielgestaltig. Auf dem umbauten Areal wachsen auch zwei eigenständige Museumsbauten empor. Und ihre Grundrisse sind nicht etwa an dem Achsensystem des Hofs ausgerichtet, sondern an der Flucht des nahen, von hier aber unsichtbaren Kunsthistorischen Museums beziehungsweise an den Straßenzügen eines angrenzenden Wohnviertels: Außerhalb des Museumsbezirks ist auch noch Welt.

Baumeister Staab, der sein Nürnberger Haus so erfinderisch mit der Stadt verzahnt hat, war in Schweinfurt viel enger eingebunden. Schon die in eine Stiftung umgewandelte Sammlung des 1975 gestorbenen Industriellen Georg Schäfer, zumeist kleinformatige deutsche Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, empfahl mehr Konvention. Der Bauplatz zwang dazu, das Museum rechtwinklig auf eine Tiefgarage aufzusockeln. Staab aber schneidet seinen Betonklotz auf und leitet den Blick durch eigenwillige Schlitze und Schneisen ins Freie.

Ausdrücklich auch als eine Städtebau-Aufgabe war der Wettbewerb für die Münchner Pinakothek der Moderne ausgeschrieben, den Stephan Braunfels 1992 gewann. Das neue Großmuseum sollte anschaulich zwischen dem Stadtzentrum und jenem Vorstadtbereich vermitteln, in dem schon zwei Gemäldegalerien standen: die berühmte Alte sowie (für Bilder des 19. Jahrhunderts) die Neue Pinakothek. Außerdem war gefordert, diverse Nutzer sinnvoll unter ein Dach zu bringen.

Die Staatsgalerie moderner Kunst hat da 2001 fast doppelt so viel Platz zu erwarten wie im bisherigen Notquartier, dem Haus der Kunst. In hoffnungsfrohem Vorgriff auf die Oberlichtsäle des Neubaus hat sie schon jetzt ihre Bestände von Beckmann bis Beuys aus Hitlers Bildertempel abgezogen. Den Spielraum dort nutzt sie ab 9. Juni noch für eine Erstpräsentation der ihr gestifteten Privatsammlung Brandhorst - einer generösen Gabe, die wiederum einen zweiten Bauabschnitt für die Pinakothek der Moderne dringlich macht.

Erst einmal bekommt auch die bedeutende, doch seit ihrer Gründung 1925 zumeist in Depots dahinkümmernde Neue Sammlung großzügigen Schauraum für ihre Design-Reichtümer. Dass der Direktor ausdrücklich ins Kunstlicht drängte, machte das architektonische Puzzlespiel für Braunfels einfacher: Er konnte unter die Erde gehen und sein Werk demütig flach halten. Denn dass die unmittelbar benachbarte Alte Pinakothek nicht etwa großspurig übertrumpft wird, das, sagt er, »ist Programm«.

Der gegenwärtig von Gerüsten bis zur Unkenntlichkeit umsponnene Neubau hat sein architektonisches Glanzlicht in einer zentralen Rotunde, Kreuzungsbereich aller Wege durchs Haus. Von hier aus werden Blicke und Schritte in unterschiedliche Kunstbereiche nach oben und nach unten gelockt. Hier rauscht auch eine Diagonalpassage durch, die von einer Gebäudeecke bis zur entgegengesetzten führt. Auf dem Stadtplan verlängert, würde sie ungefähr den Odeonsplatz mit der Alten Pinakothek verbinden.

Nicht jeder, der auf dieser Route durchs Museum läuft, braucht die Sammlungen aufzusuchen - auch das ist Teil des urbanistischen Konzepts. Aber so richtig würde es Braunfels doch nicht passen, wenn einer seine rasante Schräge nur eben als Abkürzung auf dem Nachhauseweg benutzte. JÜRGEN HOHMEYER

* Bis 10. September. Katalog im Prestel-Verlag; 224 Seiten; 39(Buchhandelsausgabe 98) Mark.* Herzog, Serota, Herzog-Partner Harry Gugger in der ehemaligenTurbinenhalle.

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