THEATER Der Sex der anderen
Natürlich hat''s der Künstler schwer in der modernen Medienwelt, weil er dauernd Auskunft geben soll über seine Werke (statt sie nur stolz und schlicht für sich sprechen zu lassen). Doch manchmal fördert der Zwang zum Erklären auch schöne Sätze zu Tage, die tatsächlich das Verständnis fördern: »Augen, Körper, Sex - das sind die schönsten Dinge im Leben«, sagte Patrice Chéreau im Februar während einer Pressekonferenz der Berlinale.
Gezeigt hatte er dort den Film »Son Frère« (Sein Bruder), der in klaren, nüchternen Bildern vom Sterben eines beinahe noch jungen Mannes erzählt. Der Held, Thomas, leidet an einer unheimlichen Bluterkrankheit, und weil er in der großen Stadt Paris offenbar einigermaßen allein ist, bittet er seinen jüngeren Bruder Luc um Beistand. Die beiden haben sich seit Jahren nicht gesehen. Sie haben sich kaum etwas zu sagen. Der Film spielt fast nur im Krankenhaus und an der Küste der Bretagne, wohin die beiden reisen. Man sieht Bilder von Ärzten, Krankenschwestern, Fischern; vor allem aber: die ruhigen, traurigen, erschreckten Augen von Luc und Thomas, ihre nackten Körper (den geschundenen des Patienten, den gesunden seines Bruders), den Sex (wobei es nicht ins Gewicht fällt, dass Luc es mit einem Mann
treibt - sondern, dass Thomas es nie wieder mit irgendwem treiben wird).
»Son Frère« ist ein schroffer, peinigend direkter, manchmal auch brutaler Film. Am Ende der Berlinale brachte er dem 58-jährigen Chéreau den Silbernen Bären ein für die »beste Regieleistung« des Festivals.
In der Bochumer Jahrhunderthalle stellt am Mittwoch dieser Woche der Regisseur Chéreau, der eigentlich gar nicht mehr fürs Theater arbeiten wollte, seine erste Bühnenarbeit seit langem vor: Jean Racines »Phädra« (oder richtiger »Phèdre«, weil hier in der Originalsprache - mit deutscher Simultanübersetzung - gespielt wird) ist ein französischer Klassiker in kunstvoll geschmiedeten Versen. Das Stück berichtet von der unheilvollen und leider auch unerwiderten Liebe einer griechischen Königin zu ihrem Stiefsohn.
Bei Chéreau aber sieht man vor allem drei Menschen beim Leiden zu. Die reife Königin verzehrt sich nach dem Prinzen Hippolyt, der aber stramm und jung ist und die schöne, stramme, junge Aricia liebt. Keiner der drei hat eine Chance, das sieht man an Phädras schwarz umrandetem Glotzeblick, an den auf kahlem Beton hingeworfenen Leibern, an der einzigen und also verzweifelten Umarmung der beiden jungen Lover. Augen, Körper, Sex - um kaum etwas sonst schert sich der Regisseur Patrice Chéreau auch in diesem Fall.
»Phädra« in Chéreaus Version ist ein karger, aufrührender, manchmal nervtötender Theaterabend. In Paris war er das Jubelfest der Saison - und wurde nach der Premiere im Januar fast drei Monate lang in einer alten Fabrikhalle vor jeweils rund 700 Zuschauern gespielt und gefeiert wie ein Kindergeburtstag. Nun soll das »Phädra«-Wunderding in Bochum die von Gerard Mortier geleitete Ruhr-Triennale, die im vergangenen Herbst eher zäh vom Stapel lief, im zweiten Jahr endlich auf Touren bringen und ihr zu echtem Glanz verhelfen - und das könnte dieses Mal wirklich glücken.
Dabei haben mäkelnde Regisseur-Konkurrenten und Kritiker vollkommen Recht, wenn sie Chéreau vorwerfen, dass er keine Ahnung davon habe, wie man den Klassiker Racine richtig inszeniere. Aber genau das macht die Kraft dieser Regiearbeit aus. Chéreaus wunderbare Schauspieler (darunter Dominique Blanc als Phädra, Eric Ruf als Hippolyt und Marina Hands als Aricia) stampfen, wüten und bibbern den Text fast ohne Bühnenbild in den nur von Spotlights erhellten Raum - und zertrümmern die steifen Rhythmen und unerbittlichen Reime der Racineschen Alexandriner so rasant, dass ein mitreißend heutiges Beziehungswortgefecht draus wird.
Wenn Phädra in ihrem schicken bodenlangen Mantel ihren Liebesfrust mit einem endlos gellenden »J''aime!« herausschreit, wenn sie japsend nach dem Erlösungstod durchs Schwert des Geliebten verlangt, dann hat das durchaus das hilflose Pathos einer Soap-Opera - oder des nun mal leider
meist banalen realen heutigen Lebens.
Das Lustige und zugleich Verstörende an Chéreau ist, dass er in seiner Kunst bis heute ein heiterer Dilettant geblieben ist. Schon im Gymnasium in Paris galt er als Wunderkind, weil er, der auf dem Land aufgewachsene Sohn eines erfolglosen Malers, als Schultheaterregisseur und -schauspieler seine Mitschüler begeisterte. Bald lobten ihn die Kritiker für seine ersten Schauspielinszenierungen. Dann revolutionierte er, als 31-Jähriger, mit seiner Bayreuther »Ring«-Version im Jahr 1976 nicht bloß die Wagner-Interpretation, sondern gleich das Musiktheater insgesamt. Nebenher versuchte er sich immer wieder als Kinoregisseur, bis man ihm 1994 mit der »Bartholomäusnacht« eine der größten französischen Filmproduktionen überhaupt anvertraute - mit eher mittelprächtigem Erfolg.
Im Grunde hat er seinen Ruf in der jeweiligen Fachwelt mit jedem Genrewechsel ein wenig mehr ruiniert. Bis heute gibt es Sprechtheater-Kritiker wie etwa den der »Neuen Zürcher Zeitung«, die Chéreau als verirrten Cineasten beschimpfen, weil er in der »Phädra« zu sehr auf die Soundeffekte des Horrorfilms setze. Den Fans der museal gepflegten Opernkultur gilt er als bemitleidenswerter Ahnungsloser oder dreister Kaputtnik. Die Kino-Fachleute aber beschuldigen ihn ein ums andere Mal, er habe leider die Gesetze ihrer Kunst nicht recht verstanden und versuche, die innersten Sehnsüchte und die gruseligsten Intimitäten vor die Kamera zu zerren, statt die Reize der Oberfläche zu erkunden, kurz: Er mache vor der Kamera zu viel Theater.
Natürlich sind dieses Rebellentum, das Seelenquälerische, die Heimatlosigkeit Chéreaus wahre Stärken. »Intimacy« hieß der Sex- und Skandalfilm, mit dem er 2001 bei den Berliner Filmfestspielen Aufsehen erregte. Auch da bemühte er sich, quasi emotionslos zu zeigen, wie Menschen einander verfallen, wie ihre Augen, ihre Körper beim Sex zueinander finden. Es gab Leute, die fanden Chéreaus Bemühen, Erregung zu zeigen, ohne jede Erregung spüren zu lassen, damals schrecklich verkrampft - und doch ist es genau das, was auch seine jüngeren Arbeiten auszeichnet: das leidenschaftliche Interesse für den Sex der anderen. Es ist der Blick des sterbenskranken Thomas und der sterbensverliebten Phädra: Sie sehnen sich nach Ekstasen, die sie selber nie erleben werden.
In jüngster Zeit scheint es mit Chéreaus ewigem Außenseitertum übrigens nicht mehr weit her zu sein. Mitte Mai beginnen die Filmfestspiele in Cannes, in diesem Jahr darf er dort Präsident der Jury sein. Zudem hat er angekündigt, demnächst einen Napoleon-Film zu drehen - es heißt, Al Pacino wolle die Hauptrolle spielen. In diesem Fall dürfte es genug Franzosen geben, die dem Künstler Chéreau vorwerfen, er habe schon mit der Besetzung alles falsch gemacht. WOLFGANG HÖBEL
* Oben: mit Pascal Greggory (M.) und Eric Ruf (r.); unten: mitDaniel Auteuil und Isabelle Adjani (beide kniend).* Bei der Berlinale 2003 mit dem Silbernen Bären.