WAUGH Der Sieger
Bereits vor zwanzig Jahren revanchierte sich der englische Schriftsteller Evelyn Waugh ("Wiedersehen mit Brideshead«, »Tod in Hollywood") für die unangenehmen Erfahrungen, die er als Mitarbeiter der englischen Boulevardpresse - als Kriegskorrespondent in Abessinien - gemacht hatte. Er veröffentlichte damals den Roman »Scoop« - zu deutsch: »Die große Meldung"* -, in dem er mit beträchtlichem satirischem Witz und für jedermann durchsichtig die Rücksichtslosigkeit, Ungenauigkeit und nahezu grenzenlose Unwissenheit einiger englischer Zeitungen beschrieb, deren Titel er freilich vorsorglich frei erfunden hatte.
Die literarische Lektion, die er damals dem Londoner Zeitungsviertel Fleet Street erteilte, ergänzte er kürzlich durch eine juristische. Aus pädagogischen Gründen ließ er den »Daily Express« (tägliche Auflage über vier Millionen Exemplare) und dessen prominente Buchkritikerin Nancy Spain vor das der Fleet Street benachbarte Obergericht zitieren. Waugh forderte und erhielt Schadenersatz in Höhe von 2000 Pfund (23 500 Mark), außerdem mußten die Beklagten die Gerichtskosten in Höhe von 17 625 Mark tragen.
Wenige Wochen zuvor hatte Waugh sich schon einmal in einem ähnlich gearteten Prozeß mit seinen Forderungen durchgesetzt. Kurz vor Weihnachten des vergangenen Jahres hatte die Firma Pan Books, einer der beiden großen Taschenbuch-Verlage Englands, ein Buch einstampfen lassen müssen, um einer Verurteilung zu entgehen.
Die englische Schriftstellerin Rebecca West hatte für die Taschen-Ausgabe ihres Buches über englische Verräter - etwa über den Atomverräter Alan Nunn May und den Nachrichtensprecher William Joyce ("Lord Haw-Haw"), der bei den Deutschen gearbeitet hatte, ein neues Kapitel geschrieben und darin versucht, die Antriebe und Motive des neuzeitlichen Verräter-Typs zu definieren. Schriftsteller, wie Evelyn Waugh, Graham Greene und Francois Mauriac, so behauptete die West in diesem Kapitel, hätten die moralischen Werte auf den Kopf gestellt und dadurch ein intellektuelles Klima geschaffen, in dem der Verrat floriere.
Mauriac und Greene ließen sich den Vorwurf gefallen, Waugh aber reichte Klage ein. Der Verlag zog sofort alle erreichbaren Exemplare des Buches zurück und räumte ein, daß die Behauptungen der Rebecca West unhaltbar und unfair seien. Mit dieser Erklärung, die vor dem Obergericht verlesen wurde, gab sich Waugh zufrieden, nachdem ihm der Verlag Pan Books die Rückerstattung aller Prozeß-Kosten zugesichert hatte.
»Kein Eintritt«
Der neue Prozeß, den Waugh angestrengt hatte, wurde jedoch bis zum Ende ausgefochten - die Abneigung der streitenden Parteien gegeneinander hatte in Jahrzehnten feste Wurzeln geschlagen. Seit Waugh für seinen Roman »Scoop« eine gigantisch übersteigerte Karikatur eines vulgären Londoner Presselords erfunden hatte, den Herausgeber des »Daily Beast« (Tägliche Bestie), war er bei manchen Herren der Fleet Street nicht mehr recht beliebt. Umgekehrt wünschte Waugh durchaus, dem »Daily Express« des Lord Beaverbrook einen Denkzettel zu verabreichen.
Die Affäre, die vor dem Londoner High-Court verhandelt wurde, hatte bereits im Sommer des Jahres 1955 begonnen. Damals war die Kritikerin Nancy Spain zusammen mit dem jungen Adligen Lord Noel-Buxton ausgezogen, um Waugh für den »Daily Express« in seinem skurril eingerichteten Landsitz Piers Court zu interviewen. Waugh haust dort als würdiger Familienvater mit einer sechsköpfigen Kinderschar. »Kein Eintritt in Geschäften« warnt eine Tafel am Eingang.
Der pressescheue Waugh, der überdies altenglische Vorstellungen von der Heiligkeit der privaten Sphäre hegt, verweigerte den beiden ungebetenen Journalisten schlicht den Zutritt zu seiner Wohnung: Er verwies stumm auf die Warntafel. Zwar eröffnete ihm der Lord Noel-Buxton: »Ich komme nicht in Geschäften. Ich bin ein Mitglied des Oberhauses.« Aber auch dadurch ließ sich Waugh nicht erschüttern, und die beiden mußten abziehen, ohne daß ihnen der Hausherr von Piers Court auch nur eine Tasse Tee gereicht hätte.
Nancy Spain veröffentlichte kurz darauf im »Daily Express« eine maliziöse Darstellung des Vorfalls, auf die Evelyn Waugh im »Spectator« mit dem Vorschlag erwiderte, den Lord Noel-Buxton auspeitschen zu lassen. Mit dieser Kontroverse schien der Zwischenfall abgetan.
Einige Monate später freilich besprach Nancy Spain in ihrem Blatt einen Roman, den Evelyn Waughs Bruder, Alec Waugh, geschrieben hatte. Sie lobte den Roman über alle Maßen und sagte voraus, das Buch werde sich als Bestseller des Jahres erweisen.
Kurz darauf zeigte die Kritikerin Nancy Spain noch deutlicher, worauf es ihr bei dem Lob des Buches angekommen war, das Waughs Bruder geschrieben hatte: Sie rühmte sich, es seien von diesem Werk »über 60 000 Exemplare als direktes Ergebnis meiner Besprechung verkauft worden«. Dagegen seien die Werke von Evelyn Waugh sehr viel weniger erfolgreich: »Eines seiner Bücher war einmal von der Book Society (einer einflußreichen Büchergilde) empfohlen worden, es verkauft sich also gut. Die Auflage seiner anderen Werke nimmt sich aber neben der seines Bruders allzu zwergenhaft aus.«
Diese kurzen Zeilen der Nancy Spain enthielten in der Tat zwei Irrtümer. Nicht wehiger als vier Werke Evelyn Waughs sind von der Book Society empfohlen worden, und die Gesamtauflage der Werke von Evelyn Waugh, mit dessen internationalen Ruhm sich der seines Bruders Alec auch nicht annähernd messen kann, ist wesentlich größer als die Auflage der Werke Alec Waughs.
Kurz entschlossen erhob Evelyn Waugh Beleidigungsklage gegen den »Daily Express« und Nancy Spain. Nach der Darstellung seines Anwalts war dem Autor Waugh durch den inkriminierten Artikel wahrhaft unermeßlicher Schaden zugefügt worden. Nancy Spains Worte bedeuteten, führte der Rechtsgelehrte aus, daß Evelyn Waugh ein erfolgloser Schriftsteller sei, verbittert durch den Erfolg seines Bruders - ein Schriftsteller, »dessen Name bei der Öffentlichkeit kaum ins Gewicht fällt, dessen Werke den Ankauf von Filmrechten und Optionen nicht lohnen und der es nicht wert war, mit (dem Verfassen von) Artikeln beauftragt zu werden«.
Worum es dem Waugh in Wahrheit ging, verriet sein Anwalt freilich in seiner Schlußansprache an die Geschworenen. »Zeigen Sie durch Ihren Spruch«, rief er, »daß Zeitungen mit diesen großen Auflagen und dieser großen Macht eine gewisse Verantwortung tragen und nicht einen Menschen einfach angreifen sollten, weil er das ihm zustehende Recht ausübt, ihre Reporter nicht in sein Haus einzulassen, wenn er das nicht mag. Sie sollten nicht eine Reihe schädigender Behauptungen über ihn aufstellen, die, wie zugegeben worden ist, unwahr sind und bezüglich derer kein Versuch, die Wahrheit festzustellen, unternommen worden war, bevor sie geschrieben wurden.«
In der Tat mußte die heute 39jährige Kritikerin Spain im Verlauf der peinlichen Gerichtsverhandlung zugeben, daß sie vor Veröffentlichung des beanstandeten Artikels nichts unternommen hatte, um ihre nicht eben schmeichelhaften Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen - ein Geständnis, das der »Daily Express« freilich chevaleresk seinen Lesern im Prozeßbericht vorenthielt.
Überdies erbrachte die Verhandlung einige Aufschlüsse über die Arbeitsweise der literaturbeflissenen Kritikerin, die sehr gut in die Satire »Scoop« von Waugh hineingepaßt hätte. Durch den Spruch des englischen Oberrichters wurde notorisch, wie die enthusiastische Besprechung des Buches von Alec Waugh zustande gekommen war. »Sie hatte das Buch rasch in einer Cocktail-Bar des Ritz durchgeblättert«, stellte der Richter fest. Keineswegs sei zudem ihre »recht oberflächliche Rezension« der wichtigste Faktor für den Erfolg dieses Romans gewesen, wie die Nancy Spain stolz behauptet habe.
Richter Stable gab den Geschworenen, bevor sie sich zu ihrer Beratung zurückzogen, noch einen zarten Hinweis: »Vielleicht«, erklärte er, »wird die Jury sich in dieser literarischen Atmosphäre an ein Frühwerk - Shakespeares, 'Viel Lärm um nichts', erinnert fühlen.«
Die Geschworenen aber wünschten diesem Wink des Richters nicht zu folgen und entschieden, daß Waugh einen berechtigten Anspruch auf Schadenersatz in Höhe von 23 500 Mark habe. Nach der Verhandlung schüttelte Nancy Spain dem Schriftsteller Waugh die Hand. Großmütig erklärte sie dem Sieger: »Ich bin Ihnen nicht böse.«
* Evelyn Waugh: »Die große Meldung«; Verlag Die Arche, Zürich: 267 Seiten; 12,80 Mark.
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