Der Tornado - DER SPIEGEL
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LONDON Der Tornado

• aus DER SPIEGEL 23/1957
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Unter der optimistischen Überschrift »Neuland gefunden« signalisierte kürzlich die konservative englische Wochenzeitung »Spectator« ihren Lesern: »Eine sehr erstaunliche Sache ist geschehen.« Das sehr Erstaunliche war: Zum ersten Male in der Geschichte der britischen Inseln wurde in London ein Theaterstück aufgeführt, das von einem australischen Autor stammt und das australische Darsteller spielten.

Was die Australier dem Londoner Publikum boten, wirkte wie eine Sensation und wurde fast von der gesamten Londoner Theaterkritik mit frenetischer Begeisterung quittiert. Der Kritiker der konservativen Zeitung »Daily Mail« entdeckte in der Aufführung »eine Menschlichkeit, die unsere blutarmen Salonstücke auf Stilllebenformat reduziert«. Eine andere britische Zeitung fand, das Stück des Australiers habe »London getroffen wie ein Tornado«. Die Zeitung »Die Welt« berichtete: »Stück und Inszenierung fegten wie ein frischer Wind durch die verstaubten Kulissen der Londoner Theaterwelt.«

Der Kritiker des »Spectator« ließ sich sogar zu einer düsteren Prophezeiung an die Adresse der englischen Dramatiker, die »Herren John Osborne, William Douglas Home, Terence Rattigan und die übrigen«, hinreißen. Im Augenblick seien sie »noch in Sicherheit«, schrieb der Kritiker. »Aber ich schlage vor, daß sie (die englischen Dramatiker) ihre Fenster verrammeln, bevor das Publikum, trunken von dem erheiterndsten und erbaulichsten Ereignis, das seit langem auf einer Londoner Bühne stattgefunden hat, unvorteilhafte Vergleiche zu ziehen beginnt.«

Dieses »erheiterndste und erbaulichste« Ereignis, das den englischen Dramatikern den sauer erworbenen Rang streitig machen soll, war die Aufführung des Dramas »Summer of the Seventeenth Doll« - zu deutsch etwa: »Der Sommer der siebzehnten Puppe«. Es stammt von dem fünfunddreißigjährigen Australier Ray Lawler und wird gegenwärtig von den australischen Gästen im Londoner »New Theatre« gespielt.

Kritiker Kenneth Tynan begründete den Sensations-Erfolg des Australiers in der Sonntagszeitung »The Observer": »Er (Lawler) ist einfach mit einer Eigenschaft geboren worden, die von den meisten englischen Stückeschreibern erst nach hartem Kampf erworben wird und von der sie auch dann nur mit äußerster Verlegenheit Gebrauch machen: Er hat Achtung vor den gewöhnlichen Leuten.«

Eine solche Eigenschaft genügte offenbar, um das Londoner Theaterpublikum zu überrumpeln. Das Schauspiel, das dem Autor bei einigen Kritikern den Titel einbrachte, »ein australischer Tennessee Williams« zu sein, spielt in dem Milieu, in dem Lawler vor seiner Theaterzeit verkehrte: unter Arbeitern. Autor Lawler hatte zehn Jahre als Maschinenmonteur gearbeitet, bevor er sich dem Theater zuwandte. Sein Stück, das jetzt in London aufgeführt wird, ist das elfte, das Lawler geschrieben hat.

Roo Webber und Barney Ibbot, die Hauptfiguren des Schauspiels, sind australische Zuckerrohrschneider. Roo: »ein Schrank von einem Kerl«, schwerfällig, gewichtig. Barney (der in London vom Autor dargestellt wird): ein wendiger Herzensbrecher. Jeweils sieben Monate arbeiten die beiden Freunde im australischen Norden. Während der restlichen fünf Monate des Jahres - der arbeitslosen, unerträglich heißen Sommerzeit - lassen sie sich in einem zweistöckigen Vorstadthaus im Süden Australiens nieder, wo sie von zwei Barmädchen sehnsüchtig erwartet werden. Sechzehnmal haben Roo und Barney, wenn sie in ihre Nester zurückkehrten, eine billige Puppe mitgebracht, einen Talisman, den die Mädchen dann als Wandschmuck konservierten

Der siebzehnte Freudensommer, in dem die siebzehnte Puppe mitgebracht wird, endet traurig: Damit beginnt Lawlers Stück. Nancy, die den Arbeiter Barney sechzehn Sommer hindurch verwöhnte, hat sich ins geordnete Leben zurückgezogen. Sie hat geheiratet und in der Bar eine etwas prüde, verwitwete Nachfolgerin gefunden, die den Barbetrieb, aber auch den Zuckerrohrarbeiter Barney eher fade als anziehend findet. Dem Zuckerrohrschneider Roo, der in seinem Arbeitsteam bis dahin eine unbestrittene Autorität genossen hat, geht es nicht viel besser: Er wird in der Gunst seines Mädchens von einem jüngeren Kollegen ausgestochen. Das Zugvögelpaar kehrt lahm heim. Die Freunde müssen einer bitteren Wahrheit ins Gesicht blikken - der Tatsache nämlich, daß beide aus dem Saisonleben herausgewachsen sind wie aus einem Jünglingsanzug.

Diese zweieinhalbstündige Demontage des Puppenhauses ist die eigentliche Handlung des Stücks, die freilich von sehr präzisen und zuweilen rauh-komischen Dialogen getragen wird. Am Ende resigniert Barney und will sich hinfort mit Straßenbekanntschaften begnügen. Roo beschließt dagegen, ansässig zu werden und in einer gewöhnlichen Fabrik zu arbeiten.

Der Neuheitswert dieses Stücks für das britische Publikum liegt nun freilich nicht nur darin, daß hier schwitzende, biertrinkende Männer in Hemdsärmeln oder geblümten Florida-Shirts auf der Bühne stehen und ihren Emotionen freien Lauf lassen. Zum Sensations-Erfolg dieses bescheidenen Dramas trug auch bei, daß diese Arbeiter von keinerlei Klassenbewußtsein bedrückt und von keinen Sozialproblemen geplagt werden.

Dieser Umstand ermöglichte es sogar dem Rezensenten der betulichen Londoner Zeitung »The Times«, der Aufführung ein gönnerhaftes Lob zu zollen. »Die Menschen in diesem Drama sind eigenartig liebenswert in der Einfachheit ihrer Härte«, resümierte das Blatt. »Der Abend ist ... niemals langweilig.«

Australier-Gastspiel in London*: Ein Puppenhaus wird demontiert

Dramatiker Lawler

Siebzehn Sommer

* Szenenbild aus dem »New Theatre«. Von links:

Schauspielerinnen Ethel Gabriel, Fenella Maguire, Schauspieler Kenneth Warren als Roo Webber.

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