KINO Des Oberhauptes Unterleib
Der Präsident steht vor einer schweren Entscheidung. Sein Vize ist gestorben, und nun muss das Amt umgehend neu besetzt werden. Seine Berater reden auf ihn ein und nennen allerlei Namen, doch sein Entschluss steht fest: »Ich will Hanson!«
Direkt in der nächsten Szene schrillt das Telefon, während ein Liebespaar - halb ausgezogen, aber ganz hingegeben - Sex hat. »Nein, lass es klingeln«, fleht die Frau den Mann an. Doch er hält inne, steht auf und nimmt ab. Nach einigen Sekunden reicht er ihr den Hörer und sagt: »Es ist der Präsident. Er will dich sprechen.«
Mit diesem Täuschungsmanöver öffnet der Film »Rufmord« den Zuschauern gleich zu Beginn die Augen und konfrontiert sie mit ihren eigenen Vorurteilen: Er schürt absichtsvoll die Erwartung, einen Mann zu sehen, und enthüllt dann, dass Hanson eine Frau ist. Sie genießt den Sex, liebt die Politik, und tut beides mit Leidenschaft.
Rod Luries Polit-Drama »Rufmord« (im Original nur »The Contender« betitelt) ist eine mitreißende Selbstbefragung der amerikanischen Demokratie und ihrer Ideale. Denn die Senatorin Laine Hanson, gespielt von der großartigen Joan Allen, sieht sich im Nu einer Phalanx vermeintlicher Saubermänner gegenüber, denen kein Mittel zu schmutzig ist, um ihre Ernennung zur Vizepräsidentin zu verhindern.
Als Vorsitzender des Überprüfungsausschusses für die Eignung der Kandidatin konfrontiert der Republikaner Shelly Runyon (Gary Oldman) Hanson mit Fotos aus ihrer Collegezeit: Auf ihnen ist eine Frau zu sehen, die mit zwei Männern gleichzeitig Sex hat. Würden die Bilder einen Mann mit zwei Frauen im Bett zeigen, erschiene er in den Augen der amerikanischen Öffentlichkeit als Hengst. Doch Laine Hanson, die beharrlich schweigt, steht auf einmal als Schlampe da.
Was befindet sich unter der Gürtellinie - ein Rock oder eine Hose? Um diesen kleinen Unterschied dreht sich der gesamte Film. Wie bei Clintons Lewinsky-Affäre, bei der es irgendwann nur noch um des Oberhauptes Unterleib ging, muss sich Hanson Fragen gefallen lassen, die nicht nur an die Nieren gehen, sondern weit tiefer dringen: Einmal steht gar der Zustand ihrer Eierstöcke zur Debatte.
Der transparente Präsident, durchleuchtet bis in den letzten Winkel - das ist niemandem zu wünschen, sagt Lurie mit seinem Film und setzt diese Überzeugung in Bilder um. Hanson, die ihre Privatsphäre verteidigt wie den letzten Sicherheitskordon der Seele, stellt er fast nur in offene und helle Räume. Immer wieder fällt sanftes Licht auf ihr Gesicht und erweckt den Anschein, als strahlte sie von innen - welches Geheimnis sie auch verbirgt.
Ihr Kontrahent Runyon, der behauptet, die Wahrheit ans Licht bringen zu wollen, sitzt dagegen meist in halb dunklen Räumen, hinter heruntergelassenen Jalousien und geschlossenen Vorhängen. Seit dem Watergate-Thriller »Die Unbestechlichen« (1976) von Alan J. Pakula hat kein Film über amerikanische Politik das Schillern zwischen Aufklärung und Verdunkelung so meisterhaft in ein Wechselspiel von Licht und Schatten übersetzt.
»Rufmord« ist naturgemäß ein Film, in dem viel, fast unaufhörlich geredet wird. Doch wenn sich die Dinge nicht mehr auf den Begriff bringen lassen, finden Lurie und sein Kameramann Denis Maloney Bilder für die Geschichte jenseits der Wörter.
Eine Szene beginnt mit einer Großaufnahme von Runyon, der gerade isst. Dann bewegt sich die Kamera ein Stück zur Seite, erfasst den Tisch, an dem er sitzt, und blickt in die Tiefe des Raumes: Hanson kommt einen langen Flur entlang, nähert sich Runyon und setzt sich zu ihm. Schritt für Schritt baut sich im Zuschauer während dieser Einstellung das Gefühl auf: Länger, unangenehmer und demütigender kann auch der Gang nach Canossa kaum gewesen sein.
Lurie zieht den Zuschauer mitten in die inneren und äußeren Konflikte einer Frau hinein, die ihren Freunden bisweilen mehr Widerstand entgegensetzen muss als ihren Feinden: Kermit Newman (Sam Elliott), Berater des Präsidenten, bedrängt Hanson, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Immer wieder wechselt die Schärfe zwischen den Gesichtern der beiden hin und her, scheint sich wie die Heldin nicht entscheiden zu können. Doch dann verweilt der Blick auf Hanson, die in diesem Moment sagt: »Das wäre unter meiner Würde.«
Sätze wie dieser wirken in »Rufmord« niemals hohl, sondern gewinnen eine ungeahnte Wahrhaftigkeit und eine manchmal fast elementare Wucht. Dieser Film, der bereits vor zwei Jahren gedreht wurde und als letzter Nachzügler der Clinton-Ära nun wie ein beglückendes Relikt aus besseren Zeiten wirkt, meint es ernst mit den Werten, für die er streitet, und kommt dabei bis zum Ende fast ohne Pathos aus.
Aus dem bis in die letzte Nebenrolle glänzend besetzten Ensemble ragt neben Joan Allen und Gary Oldman vor allem Jeff Bridges als lebenslustiger, humorvoller, verschlagener Präsident heraus, der dauernd Hunger hat und sich Leckereien ins Oval Office kommen lässt, weil er genau weiß: Essen kommt vor der Moral.
Diesem Genussmenschen vertraut Hanson am Ende des Films an, wie es damals wirklich war, auf dem College, mit den zwei Männern. Da fällt der Film dann in jene kleinliche Sexualmoral zurück, gegen die er zuvor zwei Stunden lang ankämpfte. Hanson behält Recht: Ihr Geheimnis geht niemanden etwas an. Nicht einmal den Zuschauer. LARS-OLAV BEIER