THEATER Des Zweifels wunderlicher Sohn
Peter Zadeks »Hamlet«, im vergangenen Jahr in Wien, Zürich und Berlin und nun auch in Hamburg mit großem Erfolg aufgeführt, ist vielfach besprochen worden. Es gibt kaum etwas hinzuzufügen.
Nun schmäht heutzutage jeder drittklassige Politiker einen viertklassigen als »Hamlet-Natur« und meint einen nicht zu entschlossener Tat bereiten Menschen. Daher ist zum Titelhelden, der gern als zaudernder und von ewigen Selbstzweifeln geplagter Charakter aufgefasst wird, doch noch einiges zu sagen.
Sicher ist, der Shakespearesche Hamlet ist kein zur Macht drängender, sondern ein reflektierender Charakter. Sogar an Selbstmord denkt er, um im ewigen Schlaf Ruhe zu finden - siehe den Monolog »Sein oder Nichtsein«. Aber wer weiß schon, ob es den ewigen Schlaf drüben auch gibt? Wie, wenn es ihn nicht gibt, und wenn einen drüben Übel erwarten, die größer sind als jene, mit denen der Mensch auf Erden sich abfinden muss?
Hamlet ist ein höchst empfindsamer und nachdenklicher Mensch, mit sehr subjektiven Gefühlen, wie viele andere Menschen auch. Den Mord am Vater sieht er als Gleichnis dafür an, dass »etwas faul ist im Staate Dänemark«. Ja, vielleicht ist nicht nur Dänemark, sondern die ganze Welt ein großes Gefängnis? Wer will ihm seine Natur, das Hamlet-Sein, sein Zaudern und selbstquälerisches Gespaltensein vorwerfen? Die Welt ist aus den Fugen, seine ihm bekannte Welt - wozu ist er überhaupt da? Sie wieder einzurenken - und dafür setzt er sein Leben aufs Spiel.
Hamlets Selbstwertgefühl ist durch die Ermordung seines Vaters, des Königs von Dänemark, durch dessen Bruder Claudius und die von ihm als inzestuös empfundene Heirat der Mutter mit dem Mörder zutiefst verletzt. Der junge Königssohn scheut Taten nicht, wenn nicht einleuchtende, höhere Ziele oder sein Gewissen ihm im Wege stehen. Zwar will er den Tod der Mutter nicht, wie ihm ja auch vom Geist des Vaters angeraten wird. Doch den wehrlos im Gebet versunkenen König Claudius würde er umbringen, wenn dadurch nicht die paradoxe Situation entstünde, dass sein toter Vater deswegen im Fegefeuer schmoren, der reuige und bußfertige Mörder jedoch Vergebung erlangen und in den Himmel fahren könnte.
Es gehört zur Ironie der Literaturgeschichte, dass Shakespeares berühmtestes und weltweit am häufigsten gespieltes Bühnenstück »Hamlet« voll von Widersprüchen ist, die aufzulösen viele erhabene Geister, auch der sprachmächtige August Wilhelm von Schlegel, versucht haben, bisher jedoch, ohne zu irgendeiner überzeugenden Version gelangt zu sein.
Denn in Hamlet stecken viele Hamlets. Der Dramatiker T. S. Eliot gelangte zu der Erkenntnis: »Wir müssten Dinge über Shakespeare verstehen, die Shakespeare selbst nicht verstand.«
Das liegt auch an der Arbeitsweise des überlasteten Dramendichters, der sich an den Stoff Szene für Szene heranarbeitete. Es mutet widersprüchlich an, dass dieser künstlerische Fehlschlag das interessanteste und gedankenreichste Stück des Dichters geworden ist, ein Schauspiel von magnetischer Anziehungskraft.
Dass Hamlet auch von einer Frau dargestellt werden kann, ist sehr früh, im Jahre 1777, von der englischen Schauspielerin Sarah Siddons - allerdings nicht in London, sondern in der Provinz - erprobt worden. In Hamburg bekam man schon 1868 eine Prinzessin von Dänemark geboten. Man sah im Deutschland des 19. Jahrhunderts in Hamlet eine geradezu feministische Gestalt. Sarah Bernhardt feierte in Paris mit der Rolle Triumphe, fiel in London aber durch. Der amerikanische Professor Edward Vining stellte 1886 die These auf, der Dänenprinz sei eine Frau gewesen, die aber aus Gründen der Staatsräson als Mann in Erscheinung treten musste. Darauf berief sich die Stummfilmdiva Asta Nielsen, als sie sich 1920 an die Rolle heranwagte.
Regisseur Peter Zadek fand mit Angela Winkler nun eine Darstellerin, deren Hamlet die Kritiker überzeugen konnte. Sie lässt vergessen, dass sie eigentlich eine Männerrolle spielt. Zwingend ist dieser Geschlechtertausch aber nicht; man muss nicht, aber man kann den Hamlet auch als Frau interpretieren.
Den vielen unterschiedlichen dramaturgischen Bearbeitungen und entgegengesetzten Interpretationen der 1601 entstandenen Tragödie fügten Peter Zadek und seine ständige Stücke-Übersetzerin, Elisabeth Plessen, eine weitere hinzu. Bei all diesen Versuchen muss man sich irgendwann für eine Version entscheiden. Die klassische Schlegel-Übersetzung, 1831 erschienen, ist Shakespeares »Hamlet« wohl nach wie vor am nächsten.
Elisabeth Plessen hat sich offenbar vorgenommen, Hamlet der jüngeren Generation nahe zu bringen. Mag sein, dass Fernsehspiele gewohnte Zuschauer davon profitieren. Dem Liebhaber der ursprünglichen Übersetzung und Freunden kultivierteren Sprachgebrauchs ist manches aber doch wohl zu flach:
Wenn Shakespeare beispielsweise ein Wort wie »geil« gar nicht kennt, so muss es in der Übersetzung nun nicht gleich sechsmal zu finden sein. Die Kränkung Ophelias durch Hamlets widersprüchliches Verhalten vergröbert sie zur Karikatur.
Hamlet behauptet im ersten Akt, wohl wissend, dass er übertreibt, die Reste des Leichenschmauses nach dem Mord am Vater hätten auch noch für das anschließende Hochzeitsessen der Mutter herhalten müssen. Sein »Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft!« wie im Schlegelschen Text klingt aber ungleich besser als »Man spart, man spart, Horatio«. Hamlet, im dritten Akt, den Kopf in Ophelias Schoß, sagt: »Denkt Ihr, ich hätte erbauliche Dinge im Sinne?« Bei Plessen heißt es: »Dachtest Du, dass ich was Schweinisches meine?«
Wenn Hamlet über den üblen Ruf der Dänen bei anderen Nationen spricht, heißt es bei Plessen: »Man nennt uns Trinker, hängt schweinische Worte an unsern Namen«, bei Schlegel: »Man heißt uns Säufer, hängt an unsre Namen ein schmutzig Beiwort.« Und zweifellos klingt die Schlegelsche Übersetzung »Randglossen« für »margent« besser als der trockene, wenn auch wortgetreuere Ausdruck »Marginalie«.
Die Tragödie nimmt in Zadeks Neuinszenierung den bekannten Verlauf, es geht um Protest gegen die böse Tat, um Rache, die in Zerstörung und Selbstzerstörung gipfelt:
Über Hamlets Lebensumstände als Student im protestantischen Wittenberg erfahren wir nichts. Er vernimmt die Kunde vom Tod seines übrigens katholischen Vaters (der spricht von Beichte und Letzter Ölung) und kehrt, von düsteren Vorahnungen geleitet, an den Hof in Helsingör zurück. Die Hofleute Rosenkranz und Güldenstern werden von König Claudius aufgefordert, den aufgebrachten Prinzen zu beobachten und ihn zu stabilisieren.
Dass etwas faul sei im Staate Dänemark, ist keine Erkenntnis Hamlets, sondern macht auch unter einfachen Leuten die Runde. Bei Shakespeare erscheint der Geist des ermordeten Vaters in Gestalt eines waffenklirrenden Kriegers mit offenem Visier, Zadek macht aus ihm ein Nachtgespenst mit Glöckchen an den Fingern. Dieser Geist wandert mit Rachegelüsten unter der Erde hin und her; der Prinz beweist Witz, indem er ihn einen »alten Maulwurf« nennt.
Seine Aufgabe steht ihm klar vor Augen: Er muss den Vater rächen, will seine blutschänderische Mutter aber schonen, wie es im Stück dann durchweg geschieht. Dem Hof ist der Prinz schutzlos ausgeliefert. So beschließt er, sich zu verstellen und - wie wir heute sagen würden - »verrückt zu spielen«. »Euer edler Sohn ist toll«, berichtet Oberkämmerer Polonius seinem König. Worin die Tollheit besteht, vermag er nicht zu erläutern. Kürze sei des Witzes Seele: toll sei eben nur toll.
Die Frage, ob Hamlet die Tochter des Polonius, die entzückende Ophelia, liebt oder nicht, lässt Shakespeare unbeantwortet. Bevor sie wahnsinnig wird und schließlich Selbstmord begeht, verstößt der Prinz sie mit groben Worten: »Geh ins Kloster, los« (Plessen). Shakespeare gebrauchte den Ausdruck »nunnery«, der nach damaligem Sprachgebrauch hier ebenso »Freudenhaus« bedeuten könnte. Ophelias Tod, dessen Hauptursache vielleicht gerade er war, berührt ihn kaum.
Den »alten hässlichen Mann« Polonius ersticht Hamlet vor den Augen der Mutter - nur »eine Ratte«, erklärt er ihr. In einer Glanzszene Shakespeareschen Theaters bedeutet Hamlet nach dieser Tat dem König auf dessen Frage, wo denn Polonius sei, er befände sich beim Nachtmahl, und er fügt voller Ironie hinzu: »Nicht wo er speist, sondern wo er gespeist wird. Eine gewisse Reichsversammlung von politischen Würmern hat sich eben an ihn gemacht.«
Wieder erscheint der Geist des Vaters und mahnt ihn an den eigentlichen Auftrag, ihn zu rächen. Dazu muss Hamlet den König provozieren, und als Liebhaber des Theaters bedient er sich alter Freunde, einer Schauspielertruppe. Mit ihrer Hilfe will er Claudius eine »Mausefalle« stellen. Dem König soll seine Untat vor Augen geführt werden, denn letztlich ist Hamlet sich nicht ganz sicher, ob der väterliche Geist nicht doch Teufelswerk ist. Als König und Hofstaat gegen die Aufführung protestieren, hat er die Gewissheit, dass Claudius den Brudermord begangen hat.
Der König beschließt, Hamlet beiseite zu schaffen, er soll von Rosenkranz und Güldenstern nach England gebracht und dort ermordet werden.
Das Schiff wird geentert und Hamlet in Dänemark an Land gespült. Er trifft auf zwei »Clowns« (Totengräber), die das Grab für Ophelia herrichten. Hamlet sinniert mit seinem Studienfreund Horatio lange über Tod und Leben. Auf höheren Befehl bekommt Ophelia ein minimales christliches Begräbnis, man hat sie als »Wassernixe« aus dem Fluss gezogen. Verzweifelt über den Tod seiner Schwester, stürzt sich der aus Frankreich heimgekehrte Laertes ins Grab und attackiert Hamlet. Die Königin jammert, wie gern sie ihren Sohn mit Ophelia vermählt gesehen hätte.
Das Stück geht in die letzte, mörderische Runde. Der König überzeugt Laertes, dass sie nun Verbündete sein müssten. Mittels einer vergifteten Degenspitze soll Hamlet zu Tode gebracht und zusätzlich mit einem Gifttrank ins Jenseits befördert werden. Im Eifer des Gefechts vertauschen Hamlet und Laertes aber ihre Degen. Laertes, als erster sterbend, enthüllt den Mordplan, und er verbrüdert sich mit Hamlet, indem er sagt: »Mich fällt gerechterweise mein Verrat.«
Im Schlussakt hat Plessen den Text zu Recht geändert. Bei Shakespeare sagt die Königin zu ihrem Gemahl: Hamlet sei »fett und kurz von Atem«. Plessen behilft sich mit »er ist nicht fit und keucht«. Jedenfalls verfügt Hamlet, selbst vergiftet, am Ende noch über genug Lebensgeist und Kraft, König Claudius zu erstechen.
Shakespeare wurde von seinen Kritikern vorgeworfen, er schmücke sich mit fremden Federn. Er verehrte Montaigne, der sich selbst einen »hässlichen alten Mann« genannt hatte - siehe Polonius. Als Shakespeare die Arbeit an »Hamlet« im Jahr 1601 beendete, war der Graf von Essex wegen offenen Aufruhrs hingerichtet worden. Die Nachrede Horatios auf den toten Hamlet gleicht fast silbengenau den letzten Worten des Essex bei seiner Hinrichtung: »Da bricht ein edles Herz. Gute Nacht, mein Fürst! Und Engelsscharen singen dich zur Ruh!«
Die Schlussszene - Hamlet wird feierlich aufgebahrt, und Fortinbras, Neffe des hinfälligen Königs von Norwegen, dem Hamlet mit nobler Geste ganz Dänemark schenkt, bescheinigt ihm, er habe sich »höchst königlich bewährt« - wird in der Regel mit opernhaftem Pomp aufgeführt. Hier macht Zadek einen Regiefehler: Auf Kosten der Winkler lässt er auch Fortinbras in Gestalt einer Frau auftreten, gespielt von der Ophelia Annett Renneberg. Quotenregelung für Heerführer?
Lang ist's her, vor mehr als zwanzig Jahren ließ Peter Zadek dieses Stück in Hamburg schon einmal aufführen, in einem Zirkuszelt. Ulrich Wildgruber spielte den Hamlet. Damals blieb kein Stein auf dem anderen. Es war eine fabelhafte Parodie, die auch mich, auf Requisiten sitzend, begeisterte. Wäre William Shakespeare durch Zufall in diesen Zirkus gestolpert, hätte er sein Stück zwar nicht wieder erkannt, aber sicherlich gedacht: »Donnerwetter, diesen Jungs hier fällt doch immer noch was ein!«
Heute könnte er, bekäme er denn überhaupt noch eine Karte, in Zadeks neue Vorstellung gehen und eigentlich nur bedauern, dass er das in England als politisches Drama verstandene Stück damals mit heißer Nadel hat nähen müssen. Es dürfte Dinge geben, die ihm erst jetzt so richtig klar würden. Aber vier Jahrhunderte liegen dazwischen.