FERNSEHEN / Telemann DICHTLINIEN
Fernseh-Nutznießer, die Turgenjews Komödie »Ein Monat auf dem Lande« (Hamburg, 7. August) verbüßt haben oder Zeugen waren, wie gleichgeartetes Gähngut der dramatischen Dichtkunst in ihre Röhre gezwängt wurde - sie schöpfen Zuversicht, wenn sie hören, daß solche Reisen in die literarische Vergangenheit nur widerwillig anberaumt werden. Und in der Tat, das Mißbehagen, das da aus vielen dramaturgischen Abteilungen hervortönt, ist keine Sinnestäuschung: Die bestellten Fachkräfte wollen im Grunde weder aufbereitete Klassik noch verstaubtes Sommertheater-Erbe in den Äther senden. Sie wollen das Original-Fernsehspiel pflegen und fördern, wo sie es treffen.
So hielt der Sender Freies Berlin unlängst einen Lehrgang für potentielle Fernsehspiel-Urheber ab, der einigen teils vom Berliner Senat, teils von Theater-Verlegern empfohlenen Talenten Gelegenheit geben sollte, tief in die Mysterien der Fernseh-Dramaturgie einzutauchen.
Telemann, der keinen Berliner Senat noch andere hochmögende Förderer hinter sich weiß, hätte wohl sein Lebtag nicht erfahren, welches die Eigentümlichkeiten einer Fernseh-Dramaturgie sind, wenn es da nicht, in Frankfurt am Main, die »Freies Fernsehen GmbH« gäbe. Ihr Sachverständiger für das Sendespielwesen, der Dr. phil. habil. Gerhard Eckert, hat, gestützt auf »internationale Fernseherfahrungen« und beflügelt von Vorfreude auf das zweite Programm, »Richtlinien« ausgearbeitet, die künftige Röhren-Dramatiker vor blindem Eifer bewahren sollen.
»Die Form des Fernsehspiels ...«, so heißt es darin, »muß sich zur Direktsendung eignen.« Nun, das leuchtet ein, weil es, bei aller veranstalterischen Umsicht, immer mal wieder vorkommen kann, daß eine Darbietung live ausgestrahlt wird.
Weiter: »Da die größere Zahl der Fernsehzuschauer zum Mittelstand und der werktätigen Bevölkerung gehört, sind wir besonders ... an Stücken aus diesem Milieu interessiert.« Hier würde Telemann, wäre er ein Dramendichter, stutzen. Weil ihm der Gedanke, die mittelständische und werktätige Schicht unseres Volkes pflege schaugeschäftlichen Umgang statt mit den Exponenten eines süßen Lebens lieber mit ihresgleichen, zu ungewohnt vorkäme, als daß er ihn schöngeistig verwerten könnte. Und bei der Vorstellung, daß es seiner Feder benommen bliebe, die sonst so ertragreichen Niederungen der menschlichen Gesellschaft abzuschildern, möchte ihn hier der Harm überkommen - selbst wenn er sich vor Augen führt, wieviel Unersprieß gerade in den besseren Mittelstandskreisen passieren kann. Indes: Richtlinie bleibt Richtlinie.
Eine weitere Maxime schreibt vor: »Es ist ... zu berücksichtigen, daß
die überwältigende Mehrzahl aller Fernsehspiele von Familien gesehen wird, in denen verschiedene Altersgruppen gleichzeitig vertreten sind.« Will besagen: Was ein fernsehgerechtes Sendestück ist, das darf die Ahne nicht befremden, soll Mütterchen ans Herz oder an die Frohnatur greifen und muß den Vater auf andere Gedanken bringen. Darüber hinaus muß es spannend genug sein, um die reifende Jugend ans Elternhaus zu ketten, nicht aber so aufregend, daß das Kleinchen in der Nacht Schreikrämpfe bekommt. Welchem Autor fiele da nichts Hübsches ein?
Als untunlich empfindet die GmbH: poetischen Dialog, Symbolik, theatralische Effekte, melodramatische Handlungen und eine rhetorische Sprache.
Nachdem Telemann so gründlich erklärt worden ist, was das Wesen der Fernseh-Dramaturgie ausmacht, fühlt er sich versucht, sein Wissen in einen kargen Satz zu kleiden. Dieser Satz lautet: Es gibt keine Fernseh-Dramaturgie.
Das Fernsehspiel, Spätgeburt aus Film und Bühne, gehorcht weder unbekannten Gesetzen noch erfordert es neuartige Fähigkeiten. Es gehorcht einem Handikap - dem (noch) zu kleinen Bildformat.
Der einzig vernünftige Rat, den man Lernbegierigen geben könnte, wäre also der, sich Stücke mit möglichst wenig Personen auszudenken: Alles Weitere, insbesondere das Standard-Beschwernis, die benötigte Personenzahl so geschickt über die Bildfläche zu verteilen, daß die Hälse der Randfiguren nicht in qualvoller Schräge verharren müssen, ist Sache des Regisseurs. Der Fernseh-Autor muß nichts vom »neuen Medium Fernsehen«, er muß nur etliches vom Stücke- und Filmeschreiben verstehen.
Was die TV-Experten in aller Welt für »Dramaturgie« ausgeben, ist einmal ein verkaufspsychologischer Essay, zum anderen ist es der Versuch, Neulingen einzureden, daß die Kunst, es allen recht zu machen, eine erlernbare Kunst sei. Vielleicht, so sagen sie, die längst dazu übergegangen sind, es allen billig zu machen - vielleicht vollbringt so ein dramatischer Springinsfeld das Wunder, daß Fernsehspiele bei Zuschauerumfragen so gut abschneiden wie Kampfsport-Begegnungen.
Ihre Lockung dringt bis in die letzte Mansarde. Doch der Nachwuchsverfasser ist nach seiner Richtlinien-Lektüre entweder zu verschüchtert, um noch Wunder anzustreben, oder schon so weit zum Werbefachmann herangediehen, daß er sich seine Kenntnisse in einer freigebigeren Branche honorieren läßt.
Merke: Wenn der Lessing des Fernsehspiels kommt, soll er getrost die Regeln verletzen« (Dr. phil. habl. Eckert).