TOURISMUS Die Berge rühmen
Am dritten Tag, in Pogradec am Ohrid-See, wurde Dani böse. »Sie sollen photographieren, was schön ist in Albanien, nicht das Häßliche«, grollte der junge Erdöl-Ingenieur, als Reiseleiter zur staatlichen Organisation »Albturist« abkommandiert, durchs Bus-Mikrophon. Dann rief er seine »lieben deutschen Touristen« nochmals zur Ordnung: Daß sie immer wieder Trinkgelder geben wollten, Schokolade in den Hotelzimmern zurückließen oder, wie jener Opa vorm Trikotagen-Kombinat in Korca. Gummibärchen unter die Kinder verteilten -- das alles sei eine Beleidigung fürs Volk der Skipetaren (deutsch: Adlersöhne) und strikt verboten.
Doch diese Rüge ertrugen die 34 kamerabehängten Westler, darunter ein Sortiment reiselustiger Rentner. nun schon mit Gelassenheit daß die Bräuche im Reich der letzten Stalinisten ungewöhnlich sind, hatten sie ja »schon des öfteren erfahren, seit sie Mitte Juni mit dem ersten Charter aus der Bundesrepublik niederkamen.
Das begann gleich auf dem Flughafen von Tirana, als etliche Reisende sich sofort den Vollbart und das übernackenlange Haar scheren lassen und ein paar Urlauberinnen ihre Miniröcke und westlich-weiten Hosen mit landeskonvenablen Kleidungsstücken vertauschen mußten, bevor sie den Zoll passieren durften.
Denn mit gemischten Gefühlen betrachten Albaniens Herrscher die Fremden aus dem Westen, die ihnen zwar Devisen, doch keinesfalls kapitalistische Sittenverderbnis unters arme 2,2-Millionen-Volk der »neuen Menschen mit den Zügen sozialistischer Moral« bringen soll. Und am liebsten sehen sie es wohl noch immer, wenn ihre reichen Gäste im Touristen-Getto von Durres 14 Tage lang auf feinsandigödem Adria-Strand schmoren und dazu vielleicht sogar das Verbot einzelgängerischer Ausflüge allzu brav befolgen.
Aber nach 30 Jahren selbstauferlegter Isolation, in der Enver Hodscha seinen Untertanen Islam, Christentum, Analphabetismus und Arbeitsscheu austrieb, soll nun auch Albanien endlich etwas mehr vom Tourismus profitieren. freilich mit Vorsicht: Individuelle Autoreisen sind fürs erste noch Utopie. Das Höchste an Freizügigkeit durchs wild-pittoreske Skipetarien bleibt vorläufig ein Acht-Tage-Trip im Bus, wie ihn beispielsweise das Deutsche Reisebüro (DER) für 788 Mark anbietet.
Allerdings, mit der persönlichen Bewegungsfreiheit ist es auch auf dieser Fahrt durchs Land der Transparente und Parolen (die sogar als riesige Intarsienarbeiten von den grünen Bergen herüber den Ruhm des »Marksizem-Leninizmit« und des Genossen Enver verkünden) nicht weit her.
Ob beim Gang durch die historischen Städte Berat und Gjirokastra oder bei der Besichtigung der griechisch-römischen Ruinen von Butrint und Apollonia. »Albturist« hält seine Schützlinge immer gern am kollektiven Gängelband, oder versucht es doch zu mindest. vor allem abends: Aus dem »Albturist«-Buszum schmackhaftphantasielosen »Albturist«-Essen und dann zum Schlafen ins »Albturist«-Zimmer (mit der oft mangelhaften Duschvorrichtung das offenbar entspricht den Idealvorstellungen der albanischen Tourismus-Experten.
Realisierbar jedoch ist das auf die Dauer wohl kaum. Danis Leute jedenfalls zeigten sich ausgesprochen bockbeinig. suchten im Alleingang und un bekümmert uni starrende Skipetarengesichter nach versteckten Winkeln und radebrechten mit Horden kleiner Kinder über Beckenbauer und Netzer. bis ein eilig anrollender Radfahrer die Gören davonjagte.
Und schon gleich nach Morgengrauen, als bei »Albturist« alles noch schlief, machten sie sich auf Photo-Safari. Schließlich wollten sie ja nicht nur die Denkmäler des großen Türkenbesiegers und Nationalhelden Skanderbeg. nicht nur Hodscha-Plakate und Stalin-Büsten ablichten. sondern auch Objekte, die ihnen sonst so energisch verwahrt wurden -- zerbröckelnde Gassen. zerfallende Moscheen. eine alte Frau auf einem Esel,
Diese emsigen Photographen, murrte Danis kühl-intellektueller Begleiter Maks, dessen Englisch so ausgezeichnet und dessen Funktion so unersichtlich war, seien doch alles »maniacs«. Verrückte. Und er grübelte wohl des öfteren darüber nach, ob sich in dieser neugierigen Herde nicht doch der eine oder andere von jener Berufsgruppe der Journalisten verbarg, der die Einreise ins Land noch immer verwehrt ist.
So kurvte Danis Touristen-Avantgarde. eingehüllt in eine Wolke freundlichen Mißtrauens, über serpentinenreiche 1200 Kilometer durch die Schluchten und Berge des Balkan. Und der ältere Herr von der Mosel. der im Zweiten Weltkrieg hier Albaniens Partisanen bekämpft hatte, pries dabei, besser als jeder einheimische Reiseleiter. die Errungenschaften im blühenden und doch noch immer so elend rückständigen Land.
Denn er kannte ihn noch, den bunten Märchen-Orient, den seine Gefährten so sehr vermißten -- die Bettler und streunenden Hunde, die tiefverschleierten Frauen und nackten Kinder, die ganze balkanische Indolenz. »Was der Hodscha aus dieser Mondlandschaft gemacht hat«, propagierte er, das sei »einfach nicht zu fassen«.
Nun wartet er darauf, daß er als Einzelreisender ins bewunderte Reich der Adlersöhne kommen und sich ihre sozialistischen Früchte etwas eingehender betrachten darf. Er wird noch ein Weilchen warten müssen.