Die besten Deutschen - DER SPIEGEL
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Schriftsteller Die besten Deutschen

»Ein guter Emigrant hat tot zu sein": Als einer der Letzten kehrte Hans Sahl, 87, nach Deutschland zurück, mit einem Band Memoiren.
• aus DER SPIEGEL 9/1990
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Wir sind die Letzten. Fragt uns aus.

Fragt uns aus, schrieb der Emigrant, fragt nach den »Steckbriefen unserer Freunde«, den »Wäscherechnungen Verschollener«, den »Stichworten unserer Agonie« - in der Erwartung: »Unser bester Kunde ist das schlechte Gewissen der Nachwelt.«

Die Kundschaft, leider, hat sich nie um das gerissen, was deutsche Exil-Literatur heißt, was die von Hitler Verfolgten ihrem Schicksal abtrotzten, was sie von ihren Irrfahrten zu berichten wußten. Das schlechte Gewissen kam unters Ruhekissen; Emigranten-Bücher, ausgenommen einiger Olympier, erlebten eher Nieder- als Auflagen.

Fast erblindet, aber hellsichtigen Geistes, Homer und Odysseus in Personalunion, ist nun einer der Letzten heimgekehrt; ein Mann mit imponierenden, Güte und Gebieterisches verbindenden Zügen, als Lyriker, Dramatiker, Romancier und Autobiograph ein Notar und Notleidender dieses wüsten Jahrhunderts - und in Deutschland nur wenigen ein Begriff: Hans Sahl, 87.

Theatergängern immerhin könnte der Name vertraut sein. Sahl hat, seit den vierziger Jahren, die modernen Klassiker der angelsächsischen Dramatik - Thornton Wilder, Tennessee Williams, Arthur Miller, John Osborne - für die deutsche Bühne übertragen. »Wir sind noch einmal davongekommen« und »Blick zurück im Zorn« waren Titel, die ihm mehr als andern sagen mußten.

Nicht nach Berlin, von wo er 1933 in Todesgefahr auszog und wo es ihn wieder hinzieht, ist Sahl zurückgekehrt; er hat im Schatten des Hölderlin-Turms, in Tübingen, Quartier genommen. Hölderlin, auch ein Fremder unter den Deutschen, klagte einst über sie: »Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen.« Sahls Fatum sind die Verleger.

Es gibt keine Gesamtausgabe seines Lebenswerkes, einzelne Titel liegen bei verschiedenen Verlagen verstreut, sind zum Teil vergriffen oder verramscht. Ungedrucktes wird für die Nachwelt gebunkert; Sahl hat seinen Manuskripte-Fundus dem Deutschen Literaturarchiv Marbach übergeben.

»Er brach das Brot der Grammatik mit den Seinen und verteilte es huldvoll über die Teller« - Sahl über den Paterfamilias Thomas Mann. »Sie war die Therese von Konnersreuth der KP« - Sahl über Anna Seghers. »Ein Bär mit der Seele einer Libelle« - Sahl über den Schauspieler Walter Richter. Und über sich: »Die Entscheidung zur Freiheit ist fast noch wichtiger als die Freiheit selber.« So schreibt der Spätheimkehrer in seinem jüngst erschienenen Memoirenband »Das Exil im Exil«; ein souveräner Stilist und weiser Sarkast ist am Werk, Vergangenheit wird greifbar, Menschen bekommen Farbe, das Panorama der Emigration entrollt sich, mit einer Fülle an tragischen und absurden Details - und ein halbes Dutzend Verlage kniffen**.

»Das Exil im Exil« sollte ursprünglich im Zürcher Amman-Verlag erscheinen, in einer projektierten Sahl-Gesamtausgabe und als Fortsetzung der Sahl-Autobiographie »Memoiren eines Moralisten« (1983). Der Plan zerschlug sich, Sahl baute auf eine Zusage des Frankfurter Suhrkamp-Verlags.

Den Zahn zog ihm freilich, im März 1988, der Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld. Er habe sich an die »Zusage meines Mitarbeiters zu halten«, schrieb der Boß, doch nach einem rabulistischen Parterre-Akt - geht ein zweiter Memoirenband ohne ersten? - befand Unseld die Herausgabe des zweiten Bandes allein als »wenig sinnvoll«.

Auf tritt, im November 1988, die »Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung« zu Darmstadt. Der Verein, dem Sahl als korrespondierendes Mitglied angehört, zählt zu seinen »besonderen« Aufgaben, »literarisch wertvolle Werke herauszugeben, deren sich der Verlagsbuchhandel nicht annehmen kann«; wie geschaffen für Sahl.

Die Akademie beschließt, »beide Erinnerungsbände in unserer Publikations-Reihe aufzunehmen« und in Kooperation mit einem Verlag die Kosten für Satz und Lektorat zu tragen. Revidierte Haltung wenig später: Es erscheint nur »Das Exil im Exil«, mithin ein Torso; der Vor-Band »Memoiren eines Moralisten« ist längst vergriffen.

Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an: Die Bundesrepublik hat von jeher den Hitler-Emigranten die kalte Schulter gezeigt - im Gegensatz zur DDR, die den Heimkehrwilligen Privilegien bot, Stefan Heym etwa ein Häuschen im Grünen und Bert Brecht ein ganzes Theater; die Ernüchterung kam später.

Keine Bundesregierung hatte je Emigranten aufgefordert, am Aufbau der Bundesrepublik mitzuwirken; die dennoch kamen, fühlten sich verloren. Hans Henny Jahnn in einem Brief an Alfred Döblin im Jahre 1949: »Jetzt aber bin ich ein hilfloser Mensch, für den es in Deutschland keinen Platz zu geben ** Hans Sahl: »Das Exil im Exil«. Luchterhand- Literaturverlag; 228 Seiten; 29,80 Mark. * Im Flucht-Zug nach Prag am 15. März 1933 in Berlin. scheint.« Döblin an Bundespräsident Heuss im April 1953: »Ich bin in diesem Lande überflüssig.«

Döblin, Fritz von Unruh, Heinrich Fraenkel, Theodor Plievier, Hans Habe verlassen die Bundesrepublik wieder; Thomas Mann, Oskar Maria Graf, Hermann Kesten, Erich Fried, Walter Mehring bleiben im Exil. Alexander Mitscherlich diagnostiziert als deutsche Stimmung (1967): »Wir erkennen unsere Vergangenheit besser im Ritterkreuzträger als im deutschen Emigranten.«

Nicht nur Desinteresse schlug den Rückkehrwilligen entgegen. Die Daheimgebliebenen entfachten Kampagnen gegen jene, die ein »wohlversorgtes Emigrantenleben«, gar einen »Logenplatz« genossen, während in Deutschland Bomben fielen. Ahnungsvoll prophezeite Alfred Kantorowicz eine Generation von »selbstischen Zynikern«.

Im Jahre 1953, 20 Jahre nach der Emigration, war auch Hans Sahl nach Deutschland zurückgekehrt, mit seinem Exil-Roman »Die Wenigen und die Vielen«. Der Sozialist und Anti-Stalinist Sahl fühlte sich, auf der Höhe des Kalten Krieges, »exterritorial«. Seine Erfahrungen mit Verlegern: »Exil« galt als »Abschreckungswort« und: »Ein guter Emigrant hat tot zu sein.«

Nach fünf Jahren schüttelte Sahl wieder den deutschen Staub von den Schuhen; erst 1959 erschien »Die Wenigen und die Vielen«, bei der Kritik ein Erfolg, sogar bei Marcel Reich-Ranicki ("erschütterndes Zeitdokument«, dem er »besonders viele Leser« wünscht); verkaufte Exemplare: 900.

In »Die Wenigen und die Vielen« hatte Sahl verschlüsselt, was er in den »Memoiren eines Moralisten« und »Das Exil im Exil« dann als Autobiographie erzählt: die Geschichte eines Herzens-Sozialisten aus deutsch-christlich assimiliertem jüdischen Kaufmannshause, der aus eigenem Wissen sagen kann, Hitler habe »die besten Deutschen umgebracht«, die Juden.

Er wuchs mit »Bach, Mozart und Uta von Naumburg« heran, seine Mutter sang Wagner am Klavier, Thor statt Thora, zu Weihnachten bekam er eine Husarenuniform, denn sein Vater hatte bei der Truppe gedient; der war völlig gebrochen, als Kaiser Wilhelm ihn nicht für den Ersten Weltkrieg haben wollte.

Sahl studierte Kunst- und Literaturgeschichte, geriet früh in die intellektuellpolitische Hochspannung der Berliner zwanziger Jahre, machte sich einen Namen als Film-, Theater- und Literaturkritiker, eine Karriere bahnte sich an. Vorhang: drohende Verhaftung, Flucht nach Prag.

Nächster Fluchtpunkt war Zürich, dann Paris, bei Kriegsausbruch Internierung, schließlich die dramatische Flucht in den unbesetzten Teil Frankreichs, und mit Hilfe eines amerikanischen Rettungskomitees das Entkommen nach New York. Er habe »in Frankreich gehungert, in Amerika gehungert, aber wovon ich gehungert habe, weiß ich nicht«.

Sahls Sporn: »Solange man schrieb, hatte Hitler noch nicht gesiegt.« Und: »Überleben ist ein Beruf, der gelernt werden muß wie jeder andere.« Sahl schlägt sich durch, gerät in die Fraktionskämpfe der Emigranten, in die Literaturszene der Amerikaner - in den Memoiren eine fesselnde, oft pikante Galerie von Medaillons und Porträts.

Seine offenbar unerquickliche Begegnung mit Bert Brecht, dem Stalin-Verehrer, hat Sahl 1944 auch in Reime gefaßt: _____« Der Dichter Bert Brecht sagte zu mir/ nachmittags um » _____« vier/57. Straße Ecke Lexington Avenue: » _____« Hören Sie zu,/dieses Gespräch macht mich nicht » _____« glücklich,/verlassen Sie augenblicklich/mein Zimmer/für » _____« immer./ Ich dulde nicht,/daß in diesem Appartement,/ » _____« welches mir sehr behagt,/jemand etwas Schlechtes » _____« sagt/über den Mann im Kreml. » _____« Ich erhob mich von meinem Schemel./ Und außerdem, sagte » _____« der Dichter Bert Brecht/ und hob den Finger,/man darf nie » _____« gegen die Armen sein,/und verließ das Zimmer. » _____« Ich setzte mich wieder auf meinen Schemel/und sagte (im » _____« Hinblick auf den Mann im Kreml):/Eben weil ich für die » _____« Armen bin und mich zu ihnen zähle,/möchte ich nicht, daß » _____« man sie verfolgt oder quäle./ Ich gehe, wohl wissend, was » _____« Sie bewegt,/und daß beim Schreiben der Wahrheit, Herr » _____« Brecht,/die Schwierigkeit eben darin besteht,/daß man sie » _____« nicht unterschlägt. »

Auch dies ist ein Text, der noch auf Buchdeckel wartet, »vier Bücher liegen da, die noch nicht erschienen sind«, sagt Sahl. Zum nagenden Gefühl, ein Übergangener zu sein, trat neue Pein, als seine Theater-Übersetzungen für obsolet erklärt wurden.

Denn der S. Fischer Verlag hat begonnen, Tennessee Williams neu übersetzen zu lassen - der Sprachduktus der fünfziger und sechziger Jahre sei den jungen Dramaturgen nicht »schnoddrig« genug. Der Verlag, immerhin, beteiligt Sahl prozentual an den Neufassungen, Frage bleibt freilich: Müßte das US-Original dann nicht auch aufpoliert werden?

Der streitbare Mann in seinem Tübinger Turm will das alles nicht so hinnehmen, und obgleich er seit Jahren, wegen seiner Augen, nur mit Hilfe eines Kassettenrecorders Texte verfassen kann, blickt er sarkastisch entschlossen nach vorn: »Ich habe noch große Neugier auf die Geschichte«, ein dritter Memoiren-Band soll folgen.

Ein Gedicht, 1988 an seine zweite Frau geschrieben, läßt auch dunklere Stunden ahnen: _____« Ein sterbender Gott hat dich zu mir/ geschickt in » _____« einer Nacht, da/er das Ende aller Dinge herannahen/fühlte » _____« und mich nicht/allein lassen wollte in einer/Welt ohne » _____« ihn. »

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