SHOW Die Blühende
Der Herr ist in Eile, deshalb benutzt er Schlittschuhe. Phileas Fogg muß die »Reise um die Erde in 80 Tagen« absolvieren, eine kauzige Wette ist der Grund.
Unerbittlich muntere Schmettermusik treibt ihn voran. In einer Dreiviertelstunde hat er bereits drei Kontinente geschafft und Wundersames geschaut - in Kairo ein Kamel, eine Affenbande im Dschungel, Elefanten in Kalkutta. Schon droht es ihn gen Yokohama zu verschlagen, als die Posaunen plötzlich Ruhe geben und exotisch kostümierte Gestalten eine Sänfte durch das Mangrovendickicht des Bühnenbildes schleppen.
Ihr Auftritt - Katarina Witt.
Fortan begleitet sie als Prinzessin Aouda den Trip des schrulligen Engländers Fogg, als Doppel-Olympiasiegerin und viermalige Weltmeisterin im Eiskunstlauf lockt sie 6500 Zuschauer in die Jules-Verne-Adaption der US-Revue Holiday on Ice.
Die erlebten die »Brooke Shields aus Karl-Marx-Stadt« ("Weltwoche") bei der Premiere vergangenen Mittwoch in der Schweiz, mal im weißen Bikini mit Silberpailletten, mal mit leuchtendblauem Umhang, schließlich im pompösen Brautkleid. Je einen dreifachen Axel und Toe-Loop sprang sie für die Firma, die »sich hemmungslos als Inkarnation des Kapitalismus in jedem Winkel der Welt darstellt« ("Basler Zeitung").
Damit war es allerdings auch genug der eissportlichen Höchstschwierigkeiten. Zürich-Oerlikon ist schließlich nicht Calgary: »Die Carmen war schon eine andere Herausforderung als jetzt die indische Prinzessin«, sagt »Kati«. Nun sind vor allem Höchstgagen gefragt. Sieben Millionen West-Mark kassiert der Deutsche Turn- und Sportbund der DDR als Makler, 1,4 Millionen überweist er der Witt, davon 280 000 in Valuta. Als Gegenleistung tingelt sie durch fünf europäische Städte, darunter Dortmund und München.
Nicht allein solche Summen versüßen ihr den sanften Abstieg von der Eiskunstlauf-Weltspitze in die trivialen Niederungen einer tiefgefrorenen Disney-Welt. Sie bewohnt im Zürcher Hotel International eine 500-Franken-Suite, die Offerte eines Leih-Ferrari lehnte sie ab, hinter den Kulissen des Hallenstadions geht ihr die ungarische Paarläuferin Ildiko Szabo zur Hand, die an den arbeitsfreien Tagen der Witt die Prinzessin-Rolle übernimmt. Währenddessen läuft das Fußvolk an der kurzen Leine; Verspätungen etwa ahndet die Company mit vier Dollar Abzug vom Tageslohn.
Ein »Experiment für die DDR und für Katarina Witt« nennt Holiday-on-Ice-Präsident Francis »Skee« Goodhart die Liaison, deren Werbewert beträchtlich ist. »Früher war das Interesse an uns ziemlich mau«, sagt Goodharts PR-Mann Siegfried Schäfer, »jetzt rennt mir die Presse die Türen ein.«
Journalisten Dortmunder Regionalblätter durften mit der schönen Sächsin in geschlossener Gesellschaft tafeln, während überregionale bundesdeutsche Organe für Interviews erst in der DDR antichambrieren und dann das Placet der Künstlerin einholen mußten.
In fundierter Kenntnis der Gesetze von Angebot und Nachfrage ließ sich Ost-Berlin mit Schecks zwischen 2000 und 5000 Mark gnädig stimmen. Über fünf Minuten dauerte beispielsweise die Audienz für die »Neue Revue« in der Witt-Kabine des Stadions, einem neun Quadratmeter großen Kabuff, durch dessen Tür schon bei geringem Öffnungswinkel Blitzlichter wartender Photoreporter einfielen.
»Aber wer sind Sie denn?« schallt die Stimme der Prinzessin übers Eis, und: »Wir müssen ihn wiederfinden«, nämlich den verschwundenen Fogg-Diener Passepartout, und: »Ich liebe Sie, Phileas, ob reich oder arm.« Drei Sätze umfaßt der Sprechpart Katarina Witts, die zudem aus dem Off synchronisiert wird.
Um das »Familienprogramm« international verwertbar zu machen, wurden, so Goodhart, »die Texte bewußt minimiert«. Dafür spricht das Bühnenbild bisweilen Bände: Aus einem Wust von Sternen und Streifen ("Welcome to America!") gleitet Aouda durch einen Pulk Fahnenträger, die jede Menge amerikanische Banner hochhalten.
»Die Eisrevue ist eine Kombination des Sportes mit dem unruhigen Lebensgefühl unserer Epoche«, schrieb 1953 das »Sonntagsblatt«. Damals war Holiday on Ice, von einer Gruppe Geschäftsleute in Milwaukee gegründet, gerade acht Jahre alt.
Inzwischen gibt es zwei Konkurrenzunternehmen, von denen sich Ice Capades ebenfalls um die Dienste der Witt bemüht hatte, jährlich tourt der Branchenführer mit fünf Programmen durch 25 Länder. Selbst in ZaIre wurden die transportablen, 42 mal 18 Meter großen Kunsteisflächen aufgebaut, in Ost-Berlin staunte vergangenes Jahr das »Neue Deutschland« über »moderne Diskorhythmen«, nach denen »sehr quick gerockt« wurde.
Dort »öffnete sich eine Tür« (Goodhart), die Trägerin der Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold Witt ließ ihr Vorurteil fahren, demzufolge es »nicht zur sozialistischen Gesellschaftsordnung paßt, Stars und deren Ruhm zu züchten«. Warnungen wohlmeinender Fans, sie solle sich »nicht mit den Haien kommerzieller Eisshows einlassen«, ignorierte sie.
Geblendet vom Glanz des ersten einheimischen Weltstars, fabulierte selbst die DDR-Presse, Katarina Witt sei die »neuzeitliche Personalunion« der drei römischen Grazien Aglaia ("Glanz"), Euphrosyne ("Frohsinn") und Thaleia ("die Blühende"). Kundschafter des ZDF beobachteten, im Witt-Taumel, nach der Uraufführung »Begeisterungsstürme«, wohingegen der Star maulte: »Ich hatte schon besseres Publikum.«
Das Premieren-Publikum rekrutierte sich aus Kunden und Angestellten des Lebensmittel-Konzerns Migros, der die Premierenkarten en bloc erworben und weiterverkauft hatte, offenkundig an Besucher mit moderatem Temperament. »Bei einer Show sind halt andere Zuschauer«, erkannte die mitgereiste Witt-Trainerin Jutta Müller.
Ähnlich ernüchternd verlief auch die zweite Vorstellung, die die Firma Audi für ihre Schweizer Repräsentanten gemietet hatte. Als der neue Achtzylinder während der Halbzeitpause aufs Eis rollte, bemerkte die Witt: »Die klatschen bei dem Auto ja mehr als bei uns.« #