Die Evolution der Leberwurscht - DER SPIEGEL
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Die Evolution der Leberwurscht

• aus DER SPIEGEL 44/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Werter Maestro, daß das Berliner Philharmonische Orchester Sie nicht zum Nachfolger Herbert von Karajans gewählt hat, ist eine Schande und muß alle Kulturträger unseres Landes beschämen. Wenn man bedenkt, wie Sie 1971 in Cleveland sogar gegen das Mehrheitsvotum der Musiker Chefdirigent werden konnten, dann kommen einem, zumindest was die Tonkunst angeht, Zweifel am Sinn demokratischer Bräuche.

Offenbar war den Philharmonikern in Berlin das sogenannte Selbstverwaltungsrecht, das schon Herrn von Karajan gegen den Strich ging, wichtiger als die reichen Erfahrungen, die Sie in Ihrem rastlosen Einsatz für die Musik in aller Welt gesammelt haben. Es gibt doch, ohne allen Schmonzes, keinen Stabführer, den man im interkontinentalen Konzertleben häufiger trifft als Sie. Nichts ist Ihnen zuviel. Was haben Sie schon alles hinter sich, und wie sind Sie immer noch alert, präsent und, mit 59, beneidenswert aktiv - Kompliment, Maestro. Trotzdem haben sich die Berliner aus bislang ungeklärten Gründen leider für Herrn Abbado entschieden, der nun mit seinen Wiener Pflichten seine liebe Not hat.

Alles, was recht ist: Niemand könnte Ihnen in dieser Lage verübeln, wenn Sie enttäuscht oder gar verschnupft wären. Schließlich sind Musiker auch nur Menschen. Aber daß Sie statt dessen eine besonders hochherzige Gesinnung an den Tag legen und für diesen undankbaren Klangkörper auch noch persönliche Opfer bringen, das verrät eine Noblesse des Denkens, die - bei aller Wertschätzung - wohl keiner hinter Ihnen vermutet hätte.

Natürlich war unsereins am letzten Montag neugierig, als Sie im Berliner Inter-Continental zu einem Pressegespräch geladen hatten, um »zu den jüngsten Ereignissen in der internationalen Musikszene Stellung zu nehmen«. Würden Sie sich als unermüdlicher Tonkünstler vielleicht irgendwo noch ein Orchester aufhalsen oder gar neu gründen, vielleicht wieder ein Opernhaus führen oder ein Buch schreiben, noch einen Film drehen, noch einer Schallplattenfirma zuliefern?

Nichts von alledem. Sie hatten diesmal weder Posten noch Gagen im Sinn, sondern Benefiz und Caritas: Künftig wollen Sie vermehrt als »Ambassador of Good Will« auftreten. Haben wir Sie richtig verstanden, dann werden Sie demnächst häufiger gratis für die Uno und das Rote Kreuz dirigieren und sich dann mit dem bescheiden, was sich andernorts zusammenkleckert: knapp eine Million Dollar im Jahr als Chefdirigent in Pittsburgh, Gagen aus Einzelauftritten und Tourneen, Tantiemen aus dem Verkauf Ihrer unzählbaren Schallplattentitel. Alle Achtung, das nenne ich - auch wenn Sie nicht darben müssen - einen respektablen Verzicht, der durch Ihre Ankündigung, bald eine »Friedenskantate« zu komponieren, stilvoll gekrönt wurde.

Aber der Hammer, wenn Sie die saloppe Floskel entschuldigen, kam ja noch. Um den Berliner Philharmonikern »mehr Zeit« für ihre künftige Arbeit mit Abbado zu verschaffen, war es Ihnen »ein Anliegen und eine Freude«, dem Orchester nicht nur ganze, ausgebuchte »Zeiträume«, das heißt alle Proben- und Konzerttermine bis 1991, »zurückzugeben« und die Leitung einer Australien-Tournee abzusagen, sondern auch 40 Aufnahmesitzungen zu streichen, bei denen das Programm von zwölf Compact Discs für drei verschiedene Firmen eingespielt werden sollte.

Es stünde, so war Ihrem Lamento in der bitteren Stunde der Wahrheit zu entnehmen, gar nicht gut um die Berliner und ihre Spielkultur. Das Niveau sei im argen, die Konkurrenz auf dem Sprung. Um zum »Arbeitsstil der alten Meister zurückfinden« zu können, müsse Abbado jede freie Minute nutzen. »Ich bin überzeugt«, klang es in kollegialer Fürsorge aus Ihrem Offenen Brief an die Philharmoniker, »daß ihr Chef seinen Zeitplan dementsprechend umstellen wird.«

So selbstlos hat die Musikwelt selten einen der ihren reden hören, und so konnte auch nur ein wahrer Insider sprechen. Wer außer Karajan selig und Ihnen, dem allzeit gern gesehenen Gast in der Philharmonie, hörte denn schon, daß das einstige Elite-Ensemble längst Kunst und Können vergeigt hat. Wer außer Ihnen hat schon den richtigen Einblick in Abbados Terminkalender und kann dem verehrten Kollegen bei der Disposition selbstlos unter die Arme greifen? Wer unter den führenden Dirigenten der Noten-Banken entsagt ohne Zwang großen Summen, ja Unsummen?

Alle Gutwilligen haben gewußt, was Sie wollten, und Ihre Botschaft richtig verstanden, nur - wo sind die Gutwilligen? Wer dankt Ihnen Ihre herzliche Offenheit und Ihre noble Einstellung? Die ortsansässigen Preßbengels jedenfalls sind voll Niedertracht über Sie hergefallen.

Sie seien ein »psychisch schwacher Mann« und »wirklicher künstlerischer Freundschaft nicht fähig«, giftete der völlig enthemmte Wolfgang Burde in der FAZ, und der sonst so honette Klaus Geitel flegelte in Welt und Berliner Morgenpost, das Orchester habe Sie, »wie man nun wohl sagen muß, glücklicherweise« nicht gewählt, Sie hätten sich »nachträglich noch disqualifiziert« und »annähernd psychologisches Harakiri begangen«. Na, hören Sie mal: Verglichen mit diesem Unflat war die »Beleidigte Leberwurscht« in Bild Berlin ja geradezu appetitlich.

Aber Spaß beiseite: In den ganzen unqualifizierten Auslassungen der Journaille spiegelt sich bloß der Ärger der Schreiber, daß die Ihre Klopfzeichen an der Berliner Philharmonie einfach überhört haben. Dabei hatten Sie, werter Maestro, doch durchaus deutlich auf Karajans Thronfolge gepocht.

Kaum war der große Salzburger, der übrigens auf Sie gar nicht gut zu sprechen war, in Anif zur letzten Ruhe gebracht, da bot Ihr Management in einem diskreten Schreiben die Gelegenheit zu einem Interview mit Ihnen an. Hätte man damals geahnt, was Sie alles zu sagen hatten, man wäre auf Knien gekommen. So kam man gar nicht.

Wer nicht hören will, muß lesen, dürften Sie sich wenig später gesagt haben. Denn Ende August erschien wie aus heiterem Himmel ein Siebenspalter in der New York Times, 222 Zeilen unter der Überschrift: »Die Maazel-Evolution: Vom Wunder zum möglichen Karajan-Erben«.

Sie seien, stand da zu lesen, »der führende Kandidat«, und manche in der Branche sähen die Sache für Sie schon geritzt. Dazu paßte harmonisch der fast familiäre Ton, den Sie, Maestro Maazel, in den Zitaten anstimmten: Mit Karajan habe das Orchester den »Vater und Führer« verloren, die Wahl des Nachfolgers sollten die Musiker »in der Stille ihres kollektiven Herzens treffen«, Sie selbst hätten sich lange als »Sohn« des Tutti gefühlt und hegten inzwischen »väterliche Gefühle«. Das klang, als spräche ein Violoncello.

Aber im kommerziell verdorbenen Musikbetrieb der Bundesrepublik verhallten die Worte, die Wahl fand statt, und Sie standen mit Ihren Vaterfreuden außen vor. Was nun? Vielleicht bietet Ihnen Wien, einer Ihrer mehrjährigen Wirkungsorte, eine neue Heimstatt. Warum nicht einfach den Stab wechseln mit Abbado, dem Sie in Berlin ja soviel Freiraum verschafft haben?

Sicher, als Sie 1984 die Wiener Staatsoper grollend verließen, sahen Sie sich als »Opfer einer Verschwörung«, witterten überall »Balkan-Geist« und fühlten sich fremd in jener »byzantinischen Welt«, die Sie »von Slawen und Ungarn bevölkert« wähnten. Sie schworen Wien ab wie Alberich der Liebe.

Aber wenn Sie bedenken, wieviel Türken inzwischen die Berliner Luft verpesten, dann ist der balkanesische Hautgout in Österreich geradezu pikant. Und die Wiener Philharmoniker werden Sie nach Ihrem dramatischen Abgesang in Berlin mit offenen Armen empfangen. Ich küsse Ihre Hand, Maestro.

Ihr Klaus Umbach

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