Die fliegende Holländerin - DER SPIEGEL
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MUSIK Die fliegende Holländerin

Ein halbes Jahrhundert nach ihrem ersten Auftritt als Wunderkind hat die skandalumwitterte Starsopranistin Anja Silja die Rolle ihres Lebens gefunden: In Hamburgs Staatsoper gastiert sie jetzt als skandalumwitterte Starsopranistin Emilia Marty. Von Klaus Umbach
Von Klaus Umbach
• aus DER SPIEGEL 3/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fechterin wollte sie werden, »und ich glaube, das hätte klappen können«. Auch den Job als Detektivin fand sie eine Zeit lang pfiffig. Sogar Innenarchitektur stach ihr in die Nase. Aber am liebsten wäre sie Pippi Langstrumpf geworden und geblieben, bis heute.

Immer noch, inzwischen 59, hat sie an der kessen Göre einen Narren gefressen. Dieses Mädchen platze »vor Phantasie, Optimismus und Tatendrang«, »die Kleine abenteuert durch eine offene Welt«, »sie will Freiheit und kriegt sie«, »sie erreicht, was sie will. Beneidenswert«.

Aber Anna Silja Regina Langwagen hat kein Florett gefochten, jedenfalls nie als Profi. Sie ist nicht, wie Miss Marple, verdächtigen Spuren nachgeschlichen. Sie hat auch keine fremden Wohnungen möbliert und vom Leben in der Villa Kunterbunt allenfalls geträumt. Tatsächlich ist sie Anja Silja geworden, Sopranistin, Weltstar.

Und die ist eine Sängerin, die die Opernwelt gehörig und sich selbst fast ungehörig aus der Fassung gebracht hat, die sich oft mit »dunklen Gedanken« quält, die nicht selten »in schrecklich tiefe, schwarze Löcher fällt«, die sich durchaus auch schon mal »danach gesehnt hat, nicht mehr leben zu müssen« - nach ihrer Vita Kunterbunt.

Denn diese Anja Silja ist ja nicht nur das Berliner Wunderkind, das mit zehn, als Einlage in einem Kids-Ballett und nach artigem Knicks, den »Frühlingsstimmenwalzer« anstimmte, ein bisschen »Butterfly« zwitscherte und mit seinen waghalsigen Koloraturen den Zuhörern den Atem raubte.

Sie war ja nicht nur die ehrgeizige Musterschülerin ihres Großvaters, die als Kind, mit einer Fünf in Musik auf dem Zeugnis, bereits sämtliche Rollen in Wagners Musikdramen auswendig trällerte, auch die männlichen, Siegfried etwa oder, mein lieber Schwan, Lohengrin.

Sie wurde, nach dem Umzug an die Elbe, nicht nur Liebkind aller Hanseaten, die süße Deern, »uns Anja«, deren erster Auftritt in der Hamburger Musikhalle 1951 - da war sie elf - siebenmal vor rappelvollem Haus wiederholt werden musste.

Sie war ja nicht nur der kesse Tourneestar mit Kullerblick und hohem C, der

1952 zu seiner ersten Konzertreise entlang der deutschen Nordseeküste aufbrach, mit 15 in Braunschweig sein erstes Engagement erhielt, danach jahrzehntelang die Welt umrundete und immer noch singt, inzwischen mehr als ein halbes Menschenleben lang.

Im kommenden April werden Anja Siljas Stimmbänder 50 Jahre öffentlichen Dienst hinter sich haben, und Unglaubliches, geradezu Übermenschliches ist ihnen zugemutet worden: »Verrückt«, sagt die Sängerin heute, »der helle Wahnsinn.«

Die Silja war Mozarts Königin der Nacht und Goldmarks Königin von Saba; sie sang in der »Lustigen Witwe« und im »Feurigen Engel«, war Tosca, Violetta und Carmen, Desdemona, Zerbinetta, Cassandra, Leonore und das Mädchen aus dem Goldenen Westen - ein ganzer Opernkatalog in einer einzigen Gurgel.

Vor allem aber sang sie Wagner, Wagner und nochmals Wagner: Senta und Eva und Elsa und Elisabeth, das Blumenmädchen, den Waldvogel, die dritte Norn, Freia, Venus, Siegrune, Sieglinde und, natürlich, die dicksten Brocken - »Tristans« Isolde und im »Ring« die Brünnhilde. »Ich brach in die Sopranszene ein wie ein Wesen von einem anderen Stern.« Und mit 30 hatte sie schon fast alles hinter sich, nicht nur in der Oper.

Doch mit 30 sang sie wiederum zum ersten Mal die Partie der Emilia Marty in dem Dreiakter »Die Sache Makropulos« von Leos Janácek, und mit keiner Figur des Musiktheaters hat sie sich je wieder so leidenschaftlich identifiziert wie mit dieser Primadonna und deren Todessehnsucht.

»Damals«, erinnert sich die Silja an das Rollendebüt in Stuttgart, »habe ich diese Partie natürlich mit dem ganzen Habitus einer Diva gesungen, die hereinrauscht und mit viel Getue wieder abtritt. Schließlich ist die Marty eine weltberühmte Sängerin, der alle auf der Bühne die Füße küssen.«

Seitdem hat sie die Rolle in sieben verschiedenen Inszenierungen gesungen, darunter in San Francisco, in Boston und, unter der Regie von Ruth Berghaus, in Michael Gielens Frankfurter Ära, zuletzt und wahrhaft triumphal 1995 beim Opernfestival in Glyndebourne, wo ihr der Regisseur Nikolaus Lehnhoff die, wie sie sagt, »menschlichste und anrührendste Szene bereitet hat«. »Hypnotisierendes Theater«, urteilte der Londoner »Independent«.

Nun, seit letztem Sonntag, ist Anja Silja mit diesem Lehnhoff-Import Gast auf dem Spielplan der Hamburgischen Staatsoper und hat, wie sich zeigt, nach 30 Jahren aus Janáceks glamourösem Star eine faszinierende, faszinierend verstörende Frau modelliert.

»Mein Leben«, kommentiert die Silja den Wandel, »erinnert mich immer mehr an das der Emilia Marty. Ich empfinde sie beinahe wie mein eigenes Schicksal.«

Dabei ist die Geschichte der Marty eigentlich ein reichlich verschrobener Plot. Als Tochter und Versuchsperson eines Prager Alchimisten hat Emilia ein Elixier geschluckt, das ihr ein 300-jähriges Leben gewährt und sich gerade deshalb als Fluch erweist. Denn ziellos irrt die Schöne, von den Kräften des Wundertranks mehr getrieben als beflügelt, nun durch die Welten: mal Opernstar, mal Schauspielerin, mal Balletteuse - eine fliegende Holländerin.

Aber als sie nach langer Suche endlich das väterliche Rezept der Zaubertinktur wiederfindet und so ihr Dasein noch einmal verlängern könnte, da gibt sie - vom Dasein übersättigt und körperlich ermattet - auf: »Kein Leben darf zu lang sein. Narren, ihr seid glücklich, weil ihr eines könnt: sterben, wenn die Zeit da ist.«

Mit einem delikaten Touch Arroganz, mit einem Hauch tiefgekühltem Zynismus und viel privater »Todessehnsucht, die ich in mir hatte und auch immer noch habe«, verwandelt sich die scheinbar lebenslustige Anja Silja nun in Hamburg in eine Emilia Marty voll Endzeitstimmung.

Zunächst ganz die mondäne Kollegin, »berühmt, schön, voller Geheimnisse«, pudert sie unter den Augen liebestrunkener Verehrer ihre Wangen mit wahrhaft kultischer Hingabe, und wenn sie die Lidschatten auf ihrem blasierten Gesicht eindunkelt, dann genießt sie diese kosmetische Reparatur wie ein Sakrament.

Doch am Ende ihres quälend langen Lebens, wenn Janácek seine herrlich spröden Klänge plötzlich in rauschhaftem Puccini-Sound anschwellen lässt, lallt diese Silja-Marty besoffen ihrem ersehnten Finale entgegen. Der Opernbetrieb hat derzeit kaum eine vergleichbare Leistung zu bieten.

Aber das alles ist nicht die ganze Silja. Nicht nur ihr einst maß- und rast- und rücksichtsloser Run durchs Repertoire hat sie in die Schlagzeilen gebracht, auch nicht ihre packende, manchmal harte, nicht gerade schmeichlige Stimmführung mit den kleinen, unangenehmen Schärfen und den flackrigen Unebenheiten. Nicht einmal ihre schauspielerische Prägnanz und Wahrhaftigkeit, die manch papierenen Librettisten-Quatsch zu vernünftigen Dialogen adeln kann, erhöhten Anja Silja zu der Silja.

Was sie berühmt, berüchtigt, scheinbar verrucht machte, waren das Pathos und die vielen hoch dramatischen Crescendos, die fast ihre gesamte Laufbahn begleiteten.

Als sie 1960, gerade mal Twen, als »Holländer«-Senta in Bayreuth debütierte, bildete das Knie noch die allgemein gültige Schamschwelle im Musiktheater. Wer sich für die halbseidenen Geschöpfe der Oper so frivol aufs Lotterbett streckte und Brust und Bein so freizügig zeigte wie diese Dame, der muss-te selbst eine Salome sein oder eine Lulu, lüstern und lasziv. Mit der Silja, da waren sich alle gusseisernen Opernspießer damals einig, wurde die Sünde im Musiktheater bühnenreif.

Ein Flittchen sei sie, das sich den Männern, vorzugsweise älteren und berühmten, an den Hals werfe, um höher zu kommen auf der Leiter des Erfolgs. So oder so ähnlich klang der Chor der Befangenen.

Der Minirock, in dem die groß gewachsene, fahlblonde Anja seinerzeit über den Grünen Hügel schritt und auf den Wagners scheinheilige Gralshüter mit Stielaugen glotzten, war Bayreuther Tagesgespräch. Im Sperrbezirk der Festspielstätte galt seine Trägerin als karrieresüchtige Ehebrecherin; ein Pfui-Star. »Die Hure vom Kurfürstendamm« pflegte Winifred Wagner die blutjunge Geliebte ihres verheirateten Sohnes Wieland zu nennen.

In Wieland - Richards, des Komponisten, Enkel, den älteren Bruder des heutigen Festspielchefs Wolfgang, nach Kriegsende Bayreuths phantasievollsten Entrümpler - verknallt sie sich. Ach was, diese »Lolita«, wie Wieland schreibt, stürzt sich geradezu in das Verhältnis, sie taumelt darin, genießt die Rolle, die sie an Wielands Seite spielt, und triumphiert in den Rollen, die er mit ihr einstudiert; fast den ganzen Wagner.

»Er war nicht nur der Mann, den ich liebte, mit dem ich leben wollte und der auch mich liebte. Was er empfand, erfüllte ich mit Leben; was ich empfand, übersetzte er in Szene.« Hier hatte ein Wotan seine Brünnhilde wachgeküsst: »Er hat sich in einer Form für mich eingesetzt, die wohl einmalig in der Operngeschichte ist.«

Was folgte, waren Szenen wie aus Wagner-Opern: gleißend im Glück, sonnig in Seligkeit, aber auch voll böser Ränke, voll Verleugnungen, Verleumdungen, Versteckspielen.

Denn da war ja noch die legitime Nebenbuhlerin, die sich auf der Bühne, auch der Bayreuther, als Choreografin betätigte und so das ganze Treiben eifersüchtig beäugen konnte: Gertrud Wagner, nach dem Gesetz Wielands Ehefrau.

Einmal, als Anja und Wieland gerade ihr Liebesnest in einem Schlosshotel bei Köln bezogen hatten, tauchte Gertrud plötzlich auf. »Ich wurde«, erinnert sich die Silja, »aus unserem gemeinsamen Zimmer ausquartiert und ins Nachbarzimmer (!) verlegt.« Damals herrschten noch Sitte und Anstand.

Es gab zwischen Anja und Wieland viele Pläne, manch kühne Hoffnung, doch kein Happy End: Wieland starb im Oktober 1966, »mein Leben als Wagner-Sängerin war beendet, ohne Wieland hatte es seinen Sinn verloren«. Da war die Silja 26.

32 Jahre später, im Sommer 1998, erscheint aus der Feder der Münchner Journalistin Renate Schostack ein Buch über die inzwischen gleichfalls verstorbene Gertrud: »Hinter Wahnfrieds Mauern«.

Wie immer bei den Wagners, auch bei den angeheirateten Trieben des Stammes, sorgt die Publikation sofort für Theater: Angeblich hat Gertrud Wagner selbst die Autorin noch mit allem Material versorgt, angeblich hat sie kurz vor ihrem Tode eine Veröffentlichung dennoch verhindern wollen; Wielands Tochter Nike und auch Anja Silja machten jedenfalls gerichtlich gegen das Schriftstück mobil.

Was vor allem die Silja der Schostack vorwirft: dass Gertrud in dieser Biografie unziemlich in den Vordergrund gespielt und Wieland zu ihrem Regie-Lakai degradiert werde, »die Sicht einer verlassenen Frau, die durch Verblendung und Anspruchsdenken keinen eigenen Weg mehr fand«, ein Weißwasch- und Weismacher-Buch also mit »ungeheuerlichen Behauptungen« ohne »geringste Beweise«.

Aufgebracht, entsetzt und »dem Heulen nah«, setzt sich die Silja hin und schreibt jetzt ihrerseits drauflos, schmucklos, fast protokollarisch und ohne all den Singsang und Weihrauch üblicher Primadonnen-Schwarten.

Sie will jetzt nur raus mit der Sprache, sie muss Wielands Ehre retten und die ihre verteidigen. Im vergangenen Jahr machte sie »Wege und Irrwege« (Untertitel) ihrer Laufbahn publik: »Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren«.

Und da, gleich auf Seite 10, enthüllt sie, wie es weitergegangen ist nach Wieland Wagners Tod: Da war noch einer, wieder einer, der ihr verfallen war, und das fing schon an, als Wieland noch lebte.

Auftritt des Dirigenten André Cluytens. Erneut ein (um 35 Jahre) älterer, verheirateter Mann, wieder ein Wotan-Brünnhilde-Verhältnis. »Anja, ich bin verliebt an Dir«, schreibt Cluytens. Aber er fühlt sich auch »am Rande eines Abgrunds«, gleichsam in einem Glücksrausch der Verzweiflung. Seine Frau droht mit Selbstmord, die Silja ist im siebten Himmel.

Außer bei den wenigen gemeinsamen Bühnenarbeiten sehen sich die beiden gerade mal an fünf Tagen und Nächten. Der Rest sind Briefe - insgesamt 80 Stück, »die allein hätten genügen müssen, mich für ein ganzes Leben glücklich zu machen«. Cluytens stirbt am 3. Juni 1967, und »mit ihm starb Wieland ein zweites Mal«. Da ist die Silja 27.

Ihre spätere Ehe mit dem Cluytens-Kollegen Christoph von Dohnányi kann wohl nicht gut gehen. Gewiss, er ist jünger; sicher, sie haben drei Kinder; klar, das Paar ist durch das gemeinsame Metier verbunden. Aber gegen die Schatten der Überväter Wieland und André vermag der smarte Dohnányi auf Dauer nicht anzukommen. Also trennen sie sich, und »seit über einem Jahr herrscht völlige Funkstille«, sagt die Silja.

Jetzt, bald 60, bescheidet sie sich mit Rückblick: »Das Leben nach hinten zu leben ist schöner und sinnvoller.« Das hat sie spätestens erfahren, als sie ihr Buch begann. Seitdem weiß sie, »dass André längst Wieland verdrängt hat«. Cluytens also wird, postum, zum Mann ihres Lebens.

Schon bald wird sie von Berlin, »wo ich nicht mehr zurechtkomme«, nach Frankreich ziehen, nach Neuilly-sur-Seine, wo dieser Mann gewohnt hat und begraben ist. Dort will sie ein Haus kaufen und kann dann, wenn sie will, »jeden Tag auf den Friedhof gehen«.

Und doch: Sie will keine nostalgische Friedhofsruhe. Sie ist ja immer noch »gern ein bisschen verrückt, ein klein wenig überdreht«, so wie damals, als sie in Marseille einmal 50 Austern hintereinander aß, oder wie in Amerika, wo sie, just for fun, zwischen zwei Auftritten mit dem Auto fuhr - 3000 Meilen hin, 3000 Meilen zurück.

Kann sein, dass sie noch einmal ein Buch schreibt, »einen Schlüsselroman«. Kann auch sein, dass sie künftig mehr mit Chansons liebäugelt, so wie jüngst am Silvesterabend, als sie bei einer Millenniumsparty in Glyndebourne »erstmals in ein Mikrofon hauchte": »Jonny, wenn du Geburtstag hast«.

Fest steht: Im kommenden Juli wird sie nach Aix-en-Provence reisen. Da wird Regisseur Stéphane Braunschweig inszenieren und Simon Rattle dirigieren. Und sie wird wieder, dann in der achten Inszenierung, die Emilia Marty singen - die Rolle, nein: die Geschichte ihres Lebens.

* Mit Pår Lindskog als Albert Gregor.

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