Die Frau als Kriegsbeute - DER SPIEGEL
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ZEITGESCHICHTE Die Frau als Kriegsbeute

Das Tagebuch, das eine anonyme Autorin im Frühjahr 1945 während des Einmarschs der Roten Armee in Berlin führte, erscheint jetzt in einem deutschen Verlag. Der bewegende Bericht schildert die Not der Überlebenden - und die brutalen Demütigungen, die viele Frauen ertragen mussten.
Von Joachim Kronsbein
• aus DER SPIEGEL 16/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Krieg ist so gut wie zu Ende. Der Belagerungsring, den die Angreifer um die Hauptstadt gelegt haben, wird immer enger. Der Häuserkampf beginnt. Die Menschen in den Ruinen haben kaum noch Nahrung, Strom und Gas sind ausgefallen, aus den Leitungen fließt nur noch selten Wasser. Das Radio ist verstummt. Endzeit.

Die Regierung hat sich in Bunkern verschanzt. Der Diktator hat ein letztes, lächerliches Aufgebot an alten Männern und halben Kindern in die schon verlorene Schlacht geworfen. Das Land steht vor der bedingungslosen Kapitulation.

Berlin im Frühjahr 1945. Eine junge Frau, Anfang dreißig, beginnt am 20. April - ausgerechnet am Tag von Adolf Hitlers Geburtstag - ein Tagebuch. Drei Schulhefte, die sie in einer leeren Wohnung gefunden

hat, wird sie bis zum 22. Juni voll schreiben. Drei Hefte, in denen sie davon berichtet, wie es ist, befreit zu werden.

Die Kladden enthalten erschütternde Geschichten von Leid und Elend, von kleinen Triumphen über den Hunger und die verzweifelten Berichte von der größten aller Demütigungen, die Männer Frauen antun können: der Vergewaltigung.

Die Aufzeichnungen der Frau, deren Name unbekannt blieb, weil sie ihre Identität nicht preisgeben wollte, wurden bereits im Jahr 1954 veröffentlicht - damals allerdings erschienen sie in einem amerikanischen Verlag. Es folgten Übersetzungen in acht europäischen Ländern und in Japan. Die erste deutschsprachige Ausgabe wurde erst 1959 veröffentlicht, in einem Genfer Kleinverlag.

Nach dem Tod der bis heute anonymen Autorin ist jetzt endlich eine Neuausgabe erschienen. Das Buch, das der Frankfurter Eichborn Verlag unter dem Titel »Eine Frau in Berlin« jetzt in der renommierten Reihe »Die Andere Bibliothek« präsentiert, ist ein menschlich berührendes und literarisch gewichtiges Dokument aus den letzten Tagen des Kriegs und den ersten des Nachkriegs in Berlin - und eine späte, überfällige Entdeckung**.

Die Autorin hat alle Hinweise auf ihre Identität verschleiert, präzise Ortsangaben vermieden und Namen verändert. Niemand sollte herausfinden können, wer da seine Erlebnisse berichtet. Und niemand sollte die anderen Menschen identifizieren können, die in diesem Tagebuch auftreten.

Dies unterscheidet die Berichte von den Zeitzeugnissen anderer Autorinnen und Autoren aus diesen Tagen, die ihre Identität durchaus preisgegeben haben (siehe Kasten); an der Echtheit der in auffallend professioneller Prosa verfassten Aufzeichnungen gibt es für Hans Magnus Enzensberger, den Herausgeber der Ausgabe, dennoch »keinerlei Zweifel«.

Die Autorin gab ihr Tagebuch nach Kriegsende Bekannten. Unter ihnen war der Schriftsteller Kurt W. Marek, dem unter dem Pseudonym C. W. Ceram mit dem Archäologie-Sachbuch »Götter, Gräber und Gelehrte« ein Bestseller gelungen war.

Ceram empfahl den Text einem US-Verleger. Im Nachwort zu dieser Ausgabe, das nun auch die Neuveröffentlichung enthält, schreibt Marek: »Ich kenne die Autorin seit vielen Jahren.« Der Schriftsteller war es auch, der seine Bekannte überredete, ihr Manuskript zu veröffentlichen - anonym.

Auf den heutigen Leser wirkt das Tagebuch so, als habe gerade der Schutz der Anonymität der Autorin erst gestattet, derart schonunglos über das eigene Schicksal und das ihrer Zufallsgefährtinnen und -gefährten zu berichten.

Die Verfasserin des Tagebuchs, offenbar in der damaligen Medienbranche tätig, hat es Anfang 1945 in eine zusammengewürfelte Hausgemeinschaft irgendwo in der Hauptstadt verschlagen. Sie haust in einer ramponierten Dachwohnung. Ihr Besitz ist verloren: »Der warme Trödel gelebter Jahre« ist dahin, es bleiben nur Erinnerungen. Die Frau hat nur noch einen Handkoffer mit ein paar Kleidungsstücken. Aber sie fühlt sich leicht: »Weil ich nichts mehr habe, gehört mir alles.«

Gemeinsam sitzen die Bewohner des Berliner Hauses im Keller, gemeinsam zittern sie um ihr Leben, wenn die Bomben fallen. Doch mitten in der Niederlage ist der Frühling ausgebrochen: »Durch die brandschwarzen Ruinen der Siedlung weht in Schwaden Fliederduft aus herrenlosen Gärten. Der Akazienstumpf vor dem Kino schäumt über vor Grün.«

Gewissenhaft und mit nahezu selbstquälerischer Unbestechlichkeit beschreibt die Tagebuchschreiberin ihre Umgebung. Mit wenigen Worten zeichnet sie die Mitglieder der »Kellergemeinde": »Frau Lehmann, Gatte im Osten vermisst, die Kissentüte mit dem schlafenden Baby im Arm und den schlafenden vierjährigen Lutz, dessen Schnürsenkel lang herabbaumeln, auf dem Schoß.« Oder: »Der junge Mann in grauen Hosen, mit Hornbrille, der sich bei näherem Zusehen als Mädchen entpuppte.« Alle haben Angst vor den Fremden. Vor allem die Frauen.

Am 27. April ist er dann da, der gefürchtete »Tag der Katastrophe«. »Über Mittag«, notiert die Frau, »fand der erste Feind den Weg in unseren Keller.« Der russische Soldat ist »ein Bauerntyp mit roten Backen«, dessen »Augen zwinkerten«. Die Tagebuchschreiberin kann etwas Russisch, sie hatte vor dem Krieg das Land zeichnend und fotografierend bereist. Sie spricht den Eindringling an. Er ist an Alkohol, nicht an Frauen interessiert.

Alle Gräuelgeschichten über Vergewaltigungen, die seit einiger Zeit in den Berliner Kellern kursiert hatten, wirken nun, beim Anblick dieses ersten, tapsigen Soldaten übertrieben.

Doch am Abend kommen dann andere Besatzer. Sie haben es auf die Frauen abgesehen. Die wohlgenährten sind die beliebtesten: »Diesmal wollen sie die Bäckerin.« Der Ehemann muss die Vergewaltigung mit ansehen. Die Tagebuchschreiberin notiert mit unerschütterlicher Distanz dessen Zusammenbruch: »Unmöglich kann ein bürgerlicher Bäckermeister sich so bewegen, solche Herztöne in seine Stimme legen, so nackt, so aufgerissen wirken, wie ich es bis jetzt nur an großen Schauspielern erlebte.«

Dann fallen zwei russische Soldaten auch über die Autorin her, im Keller, auf der Treppe, mit roher Gewalt, erbarmungslos und schnell.

Am Abend, als die Frau sich in eine Nachbarwohnung verkrochen hat, dringen noch einmal mehrere Männer in den Unterschlupf vor. Der Frau gelingt es durch ihre Sprachkenntnisse, nur einen der Soldaten ertragen zu müssen. Die anderen hält sie in Schach.

Es kommen immer mehr Männer ins Haus, betrunkene, nach Pferdemist und Schweiß stinkende Soldaten. Die Frau notiert auch das Widerwärtigste: Einer lässt »über mir aus seinem Mund bedächtig den angesammelten Speichel in meinen Mund fallen«.

Ihre Reaktion hält sie ebenso sachlich fest wie die Tat: »Erstarrung. Nicht Ekel, bloß Kälte. Das Rückgrat gefriert, eisige Schwindel kreisen um den Hinterkopf.«

Die Frau fasst einen Entschluss: »Hier muss ein Wolf her, der mir die Wölfe vom Leib hält. Offizier, so hoch es geht, Kommandant, General, was ich kriegen kann. Wozu habe ich meinen Grips und mein bisschen Kenntnis der Fremdsprache?«

Die Autorin, die nach dem Krieg ihre Notate auf der Schreibmaschine abgeschrieben hat und dabei - so berichtet das Vorwort des Eichborn-Bands - oft erst Stichworte zu Sätzen formte, setzt ihren Plan um. Sie will ihr Überleben organisieren, das Beste aus der Niederlage machen und die Kränkungen so klein und gleichzeitig profitabel wie möglich machen.

Sie findet ihren Offizier, einen Mann namens Anatol. Für ein paar Tage scheint der Plan zu funktionieren. Doch dann muss Anatol, der Leitwolf, der »den Rest des Rudels« fern hält, weiterziehen.

Die Autorin bekennt, in ihrem Leben sei ihr bisher die »Liebe niemals zur Last und immer zur Lust« gewesen. Jetzt ist es »der missbrauchte, wider seinen Willen genommene Körper, der mit Schmerzen antwortet«. Sie will, das hat sie sich vorgenommen, bei weiteren Vergewaltigungen »tot und gefühllos bleiben, solange ich Beute bin«.

Sie wird die Beute eines weiteren Offiziers, der ihr Nahrungsmittel und Schutz vor den anderen Soldaten bietet. Sie prostituiert sich, so sieht sie es selber. Sie verabscheut ihre Zwangslage - und empfindet sich zugleich als Begünstigte.

Sie werde, so schreibt sie, aus »diesem Gewerbe« aussteigen, »wenn ich nur mein Essen wieder auf andere, angenehmere, meinem Stolz besser zusagende Weise verdienen kann«.

Im Lauf der Tage normalisiert sich auch das Elend, es bekommt Strukturen, Gewohnheiten und eine Sprache. »Schändungsbetrieb« ist das Wort der kleiner gewordenen Hausgemeinschaft. Man könne ihn inzwischen sogar »humoristisch« nehmen, »galgenhumoristisch«. Wenn eine Mahlzeit dabei herausspringt, nennen die Frauen im Haus das obenhin »Essen anschlafen«.

Die Frauen in dem Haus empfinden keinen Hass gegen die Russen allgemein, sie hassen allein die Vergewaltiger. Und immer öfter hört die Autorin jetzt an der Pumpe beim Wasserholen den beinahe verständnisvollen Satz: »Unsere haben''s wohl drüben nicht viel anders gemacht.«

Der Autorin ist nur zu bewusst, dass sie ihre erniedrigenden Erlebnisse besser für sich behält: »Wir dagegen werden fein den Mund halten müssen, werden so tun, als habe es uns, gerade uns ausgespart. Sonst mag uns am Ende kein Mann mehr anrühren. Hätte man wenigstens richtige Seife!« Trost von heimkehrenden deutschen Männern erwartet sie nicht. Und sie hat Recht damit, wie sich bald herausstellt.

Mitte Juni stöbert Gerd, ihr Vorkriegsfreund, sie in ihrer Notbehausung auf. Er ist braun gebrannt, hat sich rechtzeitig von der Truppe abgesetzt. Dem Leid seiner Freundin steht er hilflos gegenüber. Ihre Erzählungen machen ihn ratlos: »Ich sah, dass Gerd befremdet war. Von Satz zu Satz gefror er mehr.« Hilflos und voller Vorwürfe erniedrigt auch er die Frauen in der Ruine - mit Worten: »Ihr seid schamlos wie die Hündinnen geworden, ihr alle miteinander hier im Haus. Merkt ihr das denn nicht?«

Die Freundin gibt ihm die drei Tagebuch-Kladden zu lesen, die sie in den letzten zwei Monaten mit ihren Erlebnissen gefüllt hat. Gerd versteht nicht, will nicht verstehen. Was »Schdg.« heiße, will er wissen. »Na, doch natürlich Schändung«, ist die unbekümmerte Antwort. Und Gerd »sah mich an, als ob ich verrückt sei, sagte nichts mehr«.

Bald verlässt Gerd seine Freundin, er will Essen besorgen. Die Frau zweifelt daran, ob er zurückkommt. Ihr Kummer gilt weniger dem ehemaligen Gefährten als ihrer eigenen Rettung. »Ich weiß nur, dass ich überleben will - ganz gegen Sinn und Verstand, einfach wie ein Tier. Ob Gerd noch an mich denkt? Vielleicht finden wir doch wieder zusammen.«

So endet das Tagebuch aus dem Berlin des Frühjahrs 1945. JOACHIM KRONSBEIN

* Zwei Rotarmisten bedrängen eine deutsche Frau, ausgebombteMädchen, deutsche Kriegsgefangene auf der Frankfurter Allee.** Anonyma: »Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom20. April bis 22. Juni 1945«. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main;300 Seiten; 19,90 (limitierte Ausgabe 27,50) Euro.

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