KINO Die große Hasserin
Eine Frauenhand hält ein Fläschchen mit Gift. Die Hand zittert, die Frau hängt am Telefon, hält das Fläschchen in der Linken, das Telefon in der Rechten, dazu eine Zigarette. »Ich bringe mich jetzt um«, sagt sie, »ich leg auf.«
Der Mann am anderen Ende der Leitung überredet sie zu einer letzten Zigarette. Sie zündet sich eine an, obwohl sie noch eine halb gerauchte in den Fingern hält, zieht abwechselnd an beiden. »Meinst du«, fragt der Mann, »das Arsen ist noch gut?« Im Fernsehen feiern jubelnde Menschen den Mauerfall.
Die Frau wird sich nicht umbringen, jedenfalls jetzt noch nicht. Einen Film lang ist ihr Aufschub gewährt. Einen Film lang wird sie reisen, all jenen begegnen, die ihr in ihrem Leben etwas bedeutet haben; sie wird die Güte von Fremden in Anspruch nehmen, viel Schnaps trinken, und sie wird sich bei jeder neuen Begegnung fragen, ob diese das Wagnis des Weiterlebens lohnt.
»Die Unberührbare« ist das großartigste Frauenporträt, das dem deutschen Film in den letzten zehn Jahren gelungen ist. Es steht außerhalb jeden Trends in der Branche, ein irritierend einzigartiges Werk, fremd und monomanisch, aber herzzerreißend schön. Seine Heldin heißt Hanna Flanders, aber gemeint ist jemand anders: die Schriftstellerin Gisela Elsner, die mit ihrem ersten Roman »Die Riesenzwerge« 1964 jung zu internationalem Ruhm kam und den Rest ihres Lebens davon zehrte.
Lange Jahre verkehrte Elsner in der Hautevolee der deutschen Literatur, anfangs gehätschelt wegen ihrer Sprachbegabung, ihrer Exaltiertheit und ihres kleopatrahaften Aussehens, aber auch als dekorativ vorzeigbarer Bürgerschreck: In teuren Couture-Kleidern trat da eine Autorin auf, deren Sätze so bohrend spitz und gefährlich waren wie die Absätze ihrer Pumps. Mit erbarmungsloser, kalter Wut hackte die Elsner auf die seelenlose Nachkriegsgesellschaft ein. Ihre Elektroschock-Prosa lud die hitzige politische Atmosphäre der sechziger Jahre weiter auf. Sie passte in die Zeit.
Aus einem wohlhabenden, auf die Etikette achtenden Aufsteigerhaushalt stammend, trat Elsner in die DKP ein, verteidigte unbeirrbar den Menschenversuch hinter der Mauer - und ließ von ihrem Glauben auch nicht ab, als alle anderen sich vom radikalen Idealismus der frühen Jahre verabschiedet hatten. Die Zeit lief weiter, während Elsner verzweifelt versuchte, sie anzuhalten.
Mit dem immer gleichen schweren Make-up, der immer gleichen, aufgebauschten Haartracht mumifizierte sie sich selbst. Mehr und mehr schottete sie sich gegen die Wirklichkeit ab, bis sie kein Zweifel mehr erreichte. Das war verheerend für ihre Literatur, die doch nichts anderes wollte, als der Wirklichkeit glasklar nachzuweisen, wie jämmerlich sie war.
Mitte der Achtziger trennte sich ihr westdeutscher Verlag von ihr, sie verarmte, musste ihre Eltern anbetteln oder klauen gehen, besorgte sich ihre Tabletten mit gefälschten Rezepten. Die Vereinsamte schaffte kaum noch ein paar Treppenstufen, weil sie ohne Wodka, Pillen und vier Packungen Gitanes nicht durch den Tag kam. Die Wende entsetzte sie, mit ihrem Traum von der heilen DDR, den sie mit Tunnelblick gepflegt hatte, zerschellte ihre letzte Gewissheit. Am Ende war die Autorin eine tragische, aber auch eine unerträgliche Gestalt: hochfahrend und halsstarrig, eine große Hasserin, die ihre eigene Verletzlichkeit so gut unter ihrer Aggressivität begraben hatte, dass ihr Hass sie gleich selbst mit vernichtete.
Der Film »Die Unberührbare« geht gnädiger mit Gisela Elsner um, als es die Wirklichkeit getan hat. Er raubt ihr nicht die Würde, zeigt nicht, wie sie tagelang in ihren Exkrementen vor sich hin dämmerte. Oskar Roehler ("Silvester Countdown"), 40, der Regisseur und Drehbuchautor, ist Gisela Elsners Sohn; sie hatte ihn als Kleinkind bei seinem Vater zurückgelassen. Dieser fernen, unberührbaren Mutter forscht Roehler in seinem Film nach, getrieben von der Sehnsucht, endlich eine Frau zu finden, die sich nicht immer wieder dem Verstehen und Vergeben entzieht.
Zumindest auf der Leinwand gelingt ihm das. In Schwarzweiß gedreht, auch weil dies die Lieblingsfarben Elsners waren, versucht »Die Unberührbare« erst gar nicht, eine realistische Biografie zu sein. Der für nur 1,7 Millionen Mark gedrehte Film zieht die Entwicklung, die die Autorin in den Tod trieb, zu einer mehrtägigen Odyssee unmittelbar nach dem Mauerfall zusammen: ein Stationendrama, in dessen Verlauf die Elsner ihren Sohn, ihren Ex-Geliebten, ihre Eltern, ihren ehemaligen Mann, einige Fans und einige Fremde trifft. Zwischendurch stolpert sie in einem hinreißenden weißen Dior-Mantel durch Plattenbauten und Ostbrachen: die letzte 68er-Intellektuelle, die endlich die Zeichen der Zeit begreift - und ihr eigenes Scheitern. Am Ende reicht ihre Kraft nur noch dazu, sich fallen zu lassen in den Tod.
Dass man diese Chronik eines angekündigten Todes bis zum Ende sehen will, verdankt Roehlers Film vor allem seiner Hauptdarstellerin Hannelore Elsner, 55. Die war lange nicht mehr auf der Leinwand zu sehen, und das ist eine Schande.
Die Elsner spielt die Elsner (keine Verwandtschaft übrigens), als wolle sie die Welt am Nacken packen und zum Hinschauen zwingen: Seht her, was alles drinsteckte in dieser Frau, welche Angst, welcher Mut, welche Demütigung und Qual, welche Stärke, welche Schwäche. Seht her, wie mühselig sie sich immer wieder aufgerappelt und die Diva herausgekehrt hat, die Zigarette in der affektiert abgespreizten Hand.
Die Darstellerin spielt alle Widersprüche der Schriftstellerin so mühelos aus, dass sie sich am Ende einfach auflösen.
Übrig bleibt eine Frau, die nicht zu retten war. SUSANNE WEINGARTEN