Die große Verbrüderung - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 59 / 132

UNTERHALTUNG Die große Verbrüderung

»Big Brother« signalisiert eine TV-Revolution, so glauben Forscher: Das Fernsehen wird zum Kontakthof, Alltag und Medium verschwimmen, Intimformate verdrängen Fiction und Politik.
Von Nikolaus von Festenberg
• aus DER SPIEGEL 41/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er hielt »homogen« für eine besonders schlimme Form der Homosexualität, kannte Shakespeare nicht und erniedrigte das Relativpronomen zum Bestandteil der schwäbischen Flädlesuppe: »Isch grüße alle, die wo mich kenne.«

Und doch versetzt der einst arbeitslose Industriemechaniker Zlatko Trpkovski, den die Zuschauer als Oberproll Zladdi im »Big Brother«-Käfig fürchten und lieben gelernt haben, die Fernsehlandschaft in helle Aufregung. Dabei geht es nicht allein um die guten Quoten und das damit verbundene Geld, das RTL II auch mit der derzeit laufenden Nachfolgesendung einfährt.

»Big Brother« dürfte nämlich mehr sein als eine flüchtige Mode, meinen Medienforscher. Die Sendung markiere einen tiefen Einschnitt. Eine junge Generation, die mit dem Fernsehen groß und von Mutter Glotze miterzogen wurde, zeige ein ganz neues Verhalten vor dem Bildschirm. Medium und Intimität, Inszenierung und Wirklichkeit gehen, so die Experten, ganz neue revolutionäre Vermischungsverhältnisse ein - gute Zeiten für neue TV-Strukturen, schlechte Zeiten für wertkonservative Medienwächter.

»RTL II hat da ein Format, das innovativer ist, als sie selbst wissen«, meint Verena Veihl, 27, Medienwissenschaftlerin der Potsdam-Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf«, die mit vier Kollegen die hundert Tage von Zladdi & Co. im Käfig beobachtet und analysiert hat. Die Potsdamer Studie »Im Auge der Kamera« und ein demnächst im Lit Verlag erscheinendes Buch »Big Brother: Inszenierte Banalität zur Prime Time« sind sich einig: Der Alltag und die Lebenswelt der Menschen erobern zunehmend das Fernsehen. Der Bildschirm als Forum, auf dem absolutistisch die Politik oder die Künstler-Phantasie von TV-Movie-Autoren die Themen setzen, hat ausgedient.

Das ganz normale Leben der kleinen Leute - das alte Fernsehen interessierte sich dafür kaum. Klischees ersetzten Realität. In den »Schölermanns«, der ersten deutschen TV-Familienserie, herrschte die Harmoniesucht des Adenauerschen Kulturmuffs vor. »Dallas«, »Denver-Clan« und das einheimische Pendant »Schwarzwaldklinik« waren Fluchten aus dem Alltag, Geißendörfers »Lindenstraße«, begonnen vor 15 Jahren, gab auf diese Produkte eine Antwort aus dem Geist von 68: düsterer und realistischer als die Reiche-Leute-Soaps zwar, aber geprägt von linkspädagogischem Eifer.

Erst die neunziger Jahre mit dem Aufstieg der privaten Sender beendeten die Ära des Erziehungsfernsehens. Das Medium stürzte vom Kothurn der höheren Weisheit, dem Proletariat gelang »die Kaperung des einstigen gepflegten Bildungs- und Unterhaltungsdampfers Fernsehen«, wie die Schriftstellerin Karen Duve im SPIEGEL schrieb.

Mit rasanter Geschwindigkeit: Der Fernsehnachmittag verwandelte sich unter Anstiftung von Hans Meiser und Bärbel Schäfer in Schluchz- und Pöbelstunden von Einmal-Helden aus den Abgründen des Alltags. Das Leben in seiner ganzen herrlich-schrecklichen Fülle kneteten findige Autoren zu Doku-Soaps - da präsentierten sich schlichte Gemüter wie die Kölner Familie »Fussbroich« als kultige Weisheitskünder, über die die Fans nach Herzenslust ablachen konnten. In den Spielshows ging es oft um mehr als bloß Wissen - Tränen ("Verzeih mir") mussten mindestens fließen, wo Blut aus medienrechtlichen Gründen noch Tabu ist.

Die Ausbreitung des Circus maximus der entfesselten Lebenswelt im Fernsehen, da sind sich die Medienwissenschaftler sicher, ist keine Erfindung geldgieriger Tycoons. Die Gesellschaft selbst fordert diese Entwicklung. Wenn weder Kirche, Familie, Erziehung, Politik und wie die traditionellen Normgeber noch heißen, Maßstäbe liefern, müssen junge Menschen woanders suchen. Sie versorgen sich auf dem Identitätsmarkt Fernsehen mit frischer symbolischer Ware.

Die Helden und Heldinnen des Mediums werden zu Wahlnachbarn. Von deren Selbstinszenierungstricks lässt sich etwas abgucken fürs eigene Leben. Denn wie im Fernsehen, also auch in der Wirklichkeit, geht es für junge Leute um das Aushalten des »narzisstischen Stresses«, wie der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer den permanenten Kampf um Einschließung und Ausschließung in eine oder aus einer Gruppe nennt: Habe ich die richtigen Klamotten, die angesagte Coolness? Bekomme ich Intrigen mit?

»Big Brother« bedient punktgenau den Zeitgeist, die Nachfrage auf dem Identitätsmarkt. Junge Menschen spielen hundert und mehr Tage das Spiel, das die Gesellschaft in Schule, Freizeit und Beruf mit der Jugend spielt, das aber auch Kids in Peergroup und Clique täglich selber aufführen: Mit welcher Selbstinszenierung kann man überleben, wie viel echtes Gefühl muss investiert werden, was muss man preisgeben, was muss man vor den Blicken der anderen schützen?

Dass »Big Brother« hierfür ein Forum bietet, verdankt es seinem »Hybridformat«, der in der Sicht der Medienforscher geradezu genialen Mixtur aller möglichen Formen der Inszenierung des Authentischen. Das Endemol-Produkt, darauf verweist der Siegener Literaturwissenschaftler Helmut Schanze, »ist das erste Fernsehformat, das seinen Ursprung nicht mehr in der Fernsehgeschichte, sondern im Internet, in der Technik der Webcams« habe. Die Bewohner im Container lassen sich rund um die Uhr vom Internet aus beobachten. Damit greift die Sendung den Exhibitionismus des Netzes auf. Dort bieten Freaks seit längerem Bildübertragungen ihres Alltagslebens auf bestimmten Seiten an, gegen Geld sogar mit Nacktaufnahmen.

Doch zugleich überlässt sich »Big Brother« nicht der Beliebigkeit und Langeweile des Internets. Das Bildmaterial aus dem Container wird nämlich nach den Regeln gleich mehrerer Fernsehgenres zugerichtet: Die Käfig-Bewohner führen täglich kleine Talkshows über Fragen wie »Hilft Schönheit im Beruf?« auf, die Zusammenfassungen folgen dem Muster der Daily Soap ("Werden es Sabrina und Jürgen miteinander tun?"), die wöchentlichen Überblicke folgen Gameshow-Regeln (Wer muss gehen?), und der Schluss, der Auszug eines abgewählten Gladiators, wird unter allgemeinem Gejohle als Event zelebriert. Theoretiker Schanze kreiert für den Genremix »Big Brother« ein Wortungetüm: »Reality-Soap-Talk-Game-Event«.

Gerät der Käfig voller Genres auch zum Käfig voller Narren? Agieren die Kandidaten ohnmächtig am Gängelband der RTL-Manipulatoren? Zu den spannenden Kapiteln der Potsdamer Studie gehört die Beschreibung, wie sich die »Big Brother«-Bewohner der ersten Generation immer wieder der Soap-Zurichtung entzogen, auf die der Sender sie festlegen wollte.

Die Kölner Dachdeckerin Sabrina gerierte sich durchaus nicht - soapgemäß - als sexgeile Oberweitengranate, sondern gab sich zögerlich in Liebesdingen. Manu war durchaus nicht die Zicke und das ewig selbstverliebte Girlie, als das sie der Sender hinzustellen versuchte, sie konnte in Diskussionen mit tiefer und klarer Stimme überzeugend reden.

Der Simplizissimus Zlatko zeugte beim Hauptstädte-Auswendiglernen wider Erwarten Kompetenz. Immer wieder beobachteten die Potsdamer Forscher an den »Big Brother«-Figuren »unreduzierbare Brüche«, die keine noch so raffinierte RTL-Zubereitung zu übertünchen vermochte. Zum Glück: Denn gerade die Brüche, so vermuten die Forscher, machten »vielleicht den Großteil der Zuschauerakzeptanz der Serie aus«.

Zu den Unwägbarkeiten der ausgeklügelten Käfig-Anordnung gehört nach den Erkenntnissen der Forscher das hohe Medienbewusstsein der Insassen. Immer wieder spielten sie die verborgenen Kameras an. Kerstin sprach direkt aus dem Besprechungszimmer - dem Beichtort der Insassen - den Komiker Harald Schmidt an: »Hallo, Harald! Ich habe einen Vorschlag - mach doch eine Serie über den Nasszellenbereich in ,Big Brother'.« Und Manu machte es nichts aus, »dass ganz Deutschland mich kotzen sieht« - von Kamerascham keine Rede. Im Gegenteil: »Medialität ist selbstverständlicher Teil der Alltagskultur.«

Auch auf Seiten des Publikums. Die Potsdamer unterhielten sich mit 15-jährigen Schülerinnen und Studenten im Alter zwischen 27 und 31: Beide Gruppen nahmen keinen Anstoß an der Inszeniertheit von »Big Brother«. Ihnen war klar, dass dort Rollen gespielt wurden. Diese jungen Zuschauer warfen weder einen göttlichen noch einen voyeuristischen Blick auf ein Puppenhaus, sondern sie erwiesen sich in Diskussionen als gleichzeitig distanziert und involviert. Die Forscher überraschte die große Lust der jungen Zuschauer am Psychologisieren. Dabei ging es nicht um die Frage, ist wahr, was die Personen sagen, sondern ist es echt gemeint.

Die Insassen und die Zuschauer - eine große Bruderschaft der Mediengeschädigten beziehungsweise Mediengesegneten. »Big Brother«, eigentlich der Horrorname für den Orwellschen Überwachungsstaat, gilt den Jungen als ernsthaftes Angebot auf dem Markt der Identitätshilfen. Die Kids halten nichts von kulturpessimistischen Warnungen vor dem Verschwinden der Intimität - ob draußen oder drinnen in der Seele, mit den Tricks der Medienwelt müssen sie immer rechnen.

Mit Zlatko, so arbeitet die Studie heraus, ist zudem ein neuer Heldentyp geboren, den 36 Prozent aller Jugendlichen zwischen 16 bis 19 besser finden als Thomas Gottschalk. Das liegt daran, dass Zlatko keine sonst bei Stars übliche Aura umgibt. Die Fans kennen Zlatko aus seinem Käfig-Leben gleichsam privat. Sie können zugleich an ihm beobachten, was der Hype außerhalb des Käfigs aus ihm macht. Das Fernsehen lässt sich, indem es Zlatko zum Helden erhebt, dabei beobachten, wie es eine neue Realität erschafft - eine Chance, das Medium zu durchschauen.

Die Jugend hat das Fernsehen nicht erfunden. Ihr Leben ist aber zutiefst mit ihm verstrickt. Mit dem Paternalismus des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck, der »Big Brother« schlichtweg verbieten wollte, können junge Menschen nichts anfangen.

Dass ausgerechnet der Erzkapitalist John de Mol mit seinem Käfig der Jugend derzeit das avancierteste Forum für Selbstvergewisserung bietet, kann mit einem Mann erklärt werden, den Zlatko so wenig kennen dürfte wie Shakespeare: mit Hegel und dessen List der Vernunft.

NIKOLAUS VON FESTENBERG

Zur Ausgabe
Artikel 59 / 132