Die Herstellung von Komik - DER SPIEGEL
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Die Herstellung von Komik

• aus DER SPIEGEL 4/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was ich an Loriot mag, ist seine Intelligenz. Was ich am meisten an seinem Werk bewundere, ist die Art, wie gut alles gemacht ist - wie gut es gearbeitet ist, hätte ich beinahe gesagt, als wäre er ein Handwerker, ein Goldschmied etwa -, und meine damit nicht einen Oberflächenglanz, sondern das Wohldurchdachte, das durch und durch Ausgetüftelte, das mit Raffinement und größter Sorgfalt Erzeugte seiner Produktion.

Dürrenmatt hat geäußert, kreative Phantasie arbeite durch ein Zusammenwirken von Erinnerung, Assoziation und Logik. An dieser Definition fällt neben der Erwähnung des Wortes »arbeiten« auf, daß sie ohne Begriffe wie »Inspiration«, »Einfall«, »Idee«, »Anregung« etc. auskommt und die Betonung auf die strengeren intellektuellen Disziplinen legt. Sie paßt nicht schlecht zur Beschreibung des Loriotschen Schaffens. Damit soll nun um Gottes willen nicht gesagt sein, daß Loriot keine Einfälle oder originellen Ideen hätte - das Gegenteil ist wahr! -, sondern daß Ideen und Einfälle, vor allem potentiell komische, keinen Pfifferling wert sind, solange sie nicht durch höchste Kunstfertigkeit und intellektuelle Strenge zur Geltung gebracht werden.

Zum Beispiel: Wer hätte nicht schon einmal bei Tisch einem Menschen gegenübergesessen, dem ein Speiserest im Gesicht kleben geblieben ist, und wer hätte dieses Mißgeschick womöglich nicht auch für ein wenig lächerlich oder potentiell komisch gehalten?

Gleichwohl wüßte ich niemanden, der in der Lage wäre, diese Beobachtung, diese Idee, diesen Einfall - oder wie immer man es nennen will - zu einer so hinreißend komischen Szene zu steigern, wie es Loriot im Spaghetti-Sketch gelingt, nicht nur indem er den Speiserest - ein Stückchen Nudel im Mundwinkel eines Herrn - konterkariert durch eine Liebeserklärung, die der nämliche Herr an die ihm gegenübersitzende Dame richtet, sondern indem er, gleich zu Beginn der Szene, das widrige Nudelstückchen durch eine Bemerkung der Dame ("Sie haben da was am Mund . . .") und ein Serviettenwischen des Herrn scheinbar endgültig aus dem Spiel schafft, um es freilich sogleich wieder durch eine erneute Ungeschicklichkeit des Herrn auf dessen Oberlippe zu plazieren, mit dem Ergebnis - und ich kann diesen Kunstgriff gar nicht genug bewundern -, daß die schon einmal inkriminierte Nudel von nun an nicht mehr zur Sprache gebracht werden kann, sich von einem nebensächlichen, allenfalls lächerlich-ekligen Detail zu einem zentralen, anstößigen Accessoire verwandelt, das zum wachsenden Entsetzen der Dame und zum Vergnügen des Zuschauers, auf die groteskeste, dabei aber glaubwürdige Weise durch allerlei Zufälligkeiten bewegt, von der Lippe zum Auge, von dort zur Nase, zum Kinn und zum Zeigefinger des ahnungslos werbenden Galans wandern kann, ehe es, mitsamt allen seinen Hoffnungen, jemals erhört zu werden, in einer Tasse Kaffee ertrinkt . . .

Besser kann man''s nicht machen. Und wenn einer in diesem Zusammenhang von Genialität sprechen wollte, so liegt sie meines Erachtens weit eher in der Durchführung der Szene, etwa in dem geschilderten kleinen Kunstgriff, als in der Grundidee. _(* »Loriot«. Diogenes Verlag, Zürich; 216 ) _(Seiten; 49 Mark. )

Loriot ist ein scharfer Beobachter. Viele seiner Szenen leben von einem Hintergrund akkuratester Realitätsnähe. Diverse Personen hat er bis zur Verwechselbarkeit genau imitiert. Seine Komik ist indessen auf direkte Beobachtung nicht angewiesen. Loriots Geschöpfe brauchen mit der Realität unserer heutigen Welt rein gar nichts zu tun zu haben, sie können Stresemann und Strumpfhalter tragen, völlig antiquierte Automobile fahren, im Mobiliar des 19. Jahrhunderts agieren und eine Sprache sprechen, die allenfalls noch in der Tanzstunde Verwendung findet - die Komik funktioniert dennoch. Auch in seinen Filmen gelingt es ihm, eine Welt der Konventionen und Tabus künstlich zu errichten, uns glauben zu machen, es sei die unsere, um sich dann an ihr zu vergehen und daraus komischen Honig zu saugen.

Das Ganze dient, so scheint mir, zunächst einmal nicht einem dritten Zweck. Loriot wollte mit seinem Film »Ödipussi« gewiß nicht einen bahnbrechenden Beitrag zur Erhellung des klassischen Mutter-Sohn-Konflikts liefern oder in »Pappa ante portas« auf exemplarische Weise Ehe- und Familienprobleme abhandeln. Ich glaube auch nicht, daß seine frühen Cartoons darauf abzielen, das deutsche Spießertum der fünfziger und sechziger Jahre bloßzustellen; und wenn Loriot in der Maske eines Klaviertransporteurs nach einer Fliege schlägt und dadurch als mißverstandener Dirigent mit den Berliner Philharmonikern die Coriolan-Ouvertüre in Gang setzt, so werden damit, scheint mir, weder Beethoven noch das Berliner Philharmonische Orchester, noch dessen damaliger Chefdirigent, noch der Musikbetrieb im allgemeinen oder die Innung der Klaviertransporteure im besonderen auf die Schippe genommen - nein, es ereignet sich Komik pur.

Oder was ist es anderes als reine, geradezu an schönste Alberei grenzende Komik, wenn uns Loriot das Rezept für Gürteltierklöße oder Bauernomelette ("Ein bis zwei zarte Landwirte werden durch ein feines Sieb gestrichen . . .") verrät? Man wende nicht ein, hier handle es sich um eine satirische Kritik an der Freßwelle der achtziger Jahre. Ich glaube keine Sekunde daran. Eigentlich handelt es sich nicht einmal um eine wirkliche Kochbuchpersiflage, denn zur Persiflage gehört der Vorsatz der Verspottung. Zwar bedient sich Loriot bei seinen Rezepten der Kochbuchsprache, nicht aber, um gegen Kochbücher und verfeinerte Eßkultur zu Felde zu ziehen, sondern weil die Kochbuchsprache relativ streng kodifiziert ist und es ihm daher ermöglicht, durch die Hinzufügung kontrastierender Ingredienzien wie etwa »zweier zarter Landwirte« ein komisches Gefälle entstehen zu lassen.

Ich weiß, man könnte Gegenbeispiele anführen. Etwa das wunderbar gemeine, pervers-komische Adventsgedicht, das auf scheinheilig-niedliche Weise schildert, wie eine Försterin zur Weihnachtszeit ihren Mann abschlachtet und portionsweise in Geschenkpapier verpackt. Wer dieses Gedicht einmal gelesen oder vortragen gehört hat, wird bis ans Ende seines Lebens nicht mehr in der Lage sein, unbefangen »Stille Nacht, heilige Nacht« zu singen. Also doch eine kritische Satire, die eine verlogen-romantische Weihnachtsseligkeit anprangerte oder sich gar an religiösen Gefühlen verginge?

So wurde das Gedicht in der Tat nach seiner ersten Verbreitung im Fernsehen von manchen Kreisen verstanden, was zu einiger Aufregung im Rundfunkrat und zu einer Anfrage im Deutschen Bundestag führte. Und dennoch glaube ich, daß selbst in diesem zugegebenermaßen hinterhältig-boshaften Gedicht das Kritische höchstens einen Nebeneffekt darstellt, einen notgedrungen in Kauf genommenen Nebeneffekt, und daß der Hauptzweck die Herstellung von Komik ist - was ja auch auf glänzende Weise gelingt.

Loriot bedient sich nicht komischer Mittel, um gesellschaftliche Zustände und menschliche Verhaltensweisen zu beschreiben oder zu kritisieren, sondern er verwendet (unter anderem) gesellschaftliche und individuelle Gegebenheiten, um Komik zu erzeugen. Dies gilt für sein gesamtes Werk mit der möglichen Ausnahme einer Reihe von Sketchen und Szenen, die das (unmögliche) Zusammenleben von Mann und Frau zum Thema haben und in denen Loriot uns von seiner These zu überzeugen sucht, daß »Männer und Frauen einfach nicht zusammenpassen«. Cum grano salis aber läßt sich sagen: Für Loriot ist das Komische nicht Mittel, sondern Zweck - und genau das wurde ihm oft von Kritikern zum Vorwurf gemacht. Seine Kunst wolle nichts erreichen, hieß es, sie stehe nicht im Dienst einer Sache und sei daher unverbindlich, denn er wolle ja immer nur komisch sein.

In der Tat, Loriot will komisch sein. Und im Gegensatz zu vielen anderen, die das auch wollen, gelingt es ihm ein ums andere Mal mit dem größten Erfolg. Was aber ist falsch daran? Wo liegt eigentlich der Vorwurf? Ebensogut könnte man kritisch feststellen, daß Loriot nicht Karl Kraus ist und auch nicht Daumier und auch nicht Aristophanes.

In einer seiner schönsten Reden, gehalten 1988 aus Anlaß des 60. Geburtstags des Münchner Literatur- und Musikkritikers Joachim Kaiser, schreibt Loriot, sich an den Jubilar wendend: _____« Ich werde nicht müde, Dir zuzuhören. Du bist einer » _____« von den wenigen, die ich gern in meiner Nähe wüßte, wenn » _____« unser Planet ganz unerwartet detonierte. Du würdest, mit » _____« verschränkten Armen lauschend, den Kopf zunächst zurück-, » _____« dann schräg nach vorn geneigt, die Spontaneität der » _____« rauschhaften 64stel durchaus als Gewinn betrachten, den » _____« e-Moll-Gedanken im Es-Dur-Kosmos aber eben doch » _____« vermissen, zumal die erhofften Presto-Träume trotz » _____« ungewöhnlich groß angelegter Durchführung leider nicht » _____« stattgefunden hätten. Schöne Momente also, aber kein » _____« Ereignis . . . Ich wüßte nicht, was tröstlicher wäre. »

Was für ein Kompliment!

Wir scheuen uns, die Apokalypse zu beschwören, aber auf analoge Weise wollen wir auch Loriots Kunst rühmen: Sie hat etwas Begleitendes und in ihrer unbedingten Komik Erleichterndes. Gleichviel, ob der Welt zugewandt oder abgewandt, versucht sie, uns vor den Zumutungen des Lebens in Schutz zu nehmen. Sie stellt sich zwischen uns und die Welt. Sie schafft Distanz.

Wäre sie darum eskapistisch oder gar zynisch zu nennen?

Man bedenke, daß Loriot einer Generation angehört, die sich von der Schulbank weg - in seinem Falle einer humanistischen Schulbank, auf der man ihn die Ideale des Guten, Schönen und Wahren gelehrt hatte - von einem Regime, das die Inkarnation des Schlechten, des Häßlichen und der Lüge war, mehr oder weniger freiwillig und frohgemut in einen Krieg hat schicken lassen, der ihm vier Jahre lang die Brutalität, Monstrosität und Absurdität menschlicher Existenz vor Augen führte! Wer solches erlebt und wohl nur aufgrund der Willkür des Zufalls überlebt hat, der kann in gewissem Sinne die Welt nicht mehr ernst nehmen.

Er muß nicht unbedingt zum Zyniker werden, aber ein bestimmtes Maß an Distanzierung wird ihm lebensnotwendig bleiben, und wenn ihm Mutterwitz oder, wie im vorliegenden Fall, Vaterwitz mitgegeben war, dann wird er sich dieses Witzes bedienen, um sich die Welt vom Leibe zu halten und um zugleich, für einen komischen Moment lang, die Distanz zur Welt zu überbrücken.

Scheinbar leichter Hand, in Wahrheit aber in verzweifelter Anstrengung gewinnt Loriot der Welt das Komische ab und beweist damit sich und uns, daß sie vielleicht nicht vollkommen sinnlos ist. Insofern hat seine komische Kunst eben doch einen Zweck, der über sie selbst hinausweist: Sie ist in der Tat tröstlich.

Und als tröstlich empfinde ich auch die bloße Existenz dieses Mannes mit seinen listigen Augen und dem zurückhaltenden Lächeln, von dem man nie genau weiß, ob es spöttisch, ironisch oder einfach freundlich ist.

* »Loriot«. Diogenes Verlag, Zürich; 216 Seiten; 49 Mark.

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