Die hochgeborene Revolution - DER SPIEGEL
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Die hochgeborene Revolution

Von Rudolf Augstein
• aus DER SPIEGEL 27/1974
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als ich mir auf der Suche nach einem Rezensenten für Wolfgang Harichs Buch »Jean Pauls Revolutionsdichtung"* den siebten Korb geholt hatte -- der eine kannte Jean Paul zu gut, der andere zu wenig, der eine kannte Wolfgang Harich zu wenig, der andere zu gut -- und als auch der Jean-Paul-Kenner Martin Walser nicht zusagen mochte, kam ich zu dem Schluß, es andersherum anzufangen.

Martin Walser, ein linker Sozialist in der Bundesrepublik, welchen Bezug stellt denn er zu Jean Paul her? Walser will an Hand der Figur Jean Pauls zeigen, »daß sozusagen menschenmögliches Dasein für einen Kleinbürger unter bürgerlicher Herrschaft nicht möglich war«, nicht möglich ist, bis zum heutigen Tage nicht**.

Walser denkt, er sei solch ein Kleinbürger. Daß er als solcher ein menschenmögliches Dasein weder in Kuba noch in China führen könnte, sondern dann schon lieber in den USA, macht sein Tun so ausweglos. Wie in einem Spiegel-Labyrinth sieht und trifft er, unbeschadet der Zeit und der Geographie, immer nur den Kleinbürger Martin Walser. So sieht er auch in Jean Paul »dieses unstabile, immer umkippende Ich«, das Ich, wie Jean Paul sagt, als »Schaumglobus«.

Man muß das wohl eine ungemein aktuelle, unter die Haut gehende Art nennen, sich dem politischen Schriftsteller Jean Paul zuzuwenden. Aber, wie Harich zeigt, geht das auch andersherum, altbacken und altmodisch, mit einer systematisch genähten und gezwirnten Literaturtheorie, Unterabteilung einer, der marxistischen Weltanschauung, innerhalb welcher sie sich ganz ungebührlich kuckuckhaft breitmacht.

Walser fragt, was geht Jean Paul mich an; sehr viel, meint er und stößt nicht zufällig auf folgenden Satz einer Jean-Paul-Figur: »Dann spei' ich aufs Ganze, wenn ich das Opfer bin, und verachte mich, wenn ich das Ganze bin.« Der Kleinbürger, damals wie heute, sieht keine Stelle in dieser Welt, die ihm den Eintritt in die wirkliche Geschichte erlaubte; und wenn er Romanschreiber ist, so hat er hier sein lebenslanges Thema.

Ganz anders Harich, der gelernte Philosoph, der marxistische Philologe. Bei ihm herrscht Ordnung, der marxistische Literaturglobus ist nicht schau-

* Wolfgang Harich: Jean Pauls Revolutionsdichtung«. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 632 Seiten; 15 Mark.

** Martin Walser; »Goethe hat ein Programm. Jean Paul eine Existenz«, Beitrag zum Rowohlt-»Literaturmagazin 2«; 288 Seiten; 12 Mark.

mig, sondern heil. Was »der Marxismus« hinsichtlich der Beurteilung eines Klassikers noch erlaubt und was nicht, wird kategorisch festgestellt. Jeder bekommt seinen Platz zugewiesen, nicht jeder den Platz, an dem er vom Vulgär-Marxisten, oder von einem Subjektiv-Marxisten wie Walser, vermutet wird. Da vollbringen dann Goethe und Schiller »eine emanzipatorische Leistung von weltgeschichtlicher Tragweite« (woher nur diese maßlose Hochschätzung des Überbaus bei so buntscheckig verschiedenen Sozialisten wie Harich und Walser?).

Goethe, laut Harich, ist größer als Schiller und Jean Paul. Aber Goethe hat schon sein Piedestal. Jean Paul hingegen war nicht nur »der bedeutendste Erzähler der Goethezeit«, nicht nur der »größte Humorist deutscher Sprache«. Nein, Harich hat es auf den »Revolutionsdichter« Jean Paul abgesehen. Er will zur »unter Sozialisten längst fälligen Jean Paul-Renaissance« beitragen, will »der Arbeiterbewegung endlich den Zugang zu einer der belangvollsten Erscheinungen ihres revolutionär-demokratischen Literaturerbes« erschließen.

Ob das gelingen kann, ob der Versuch sich lohnt? Er lohnt sich, was uns literarische Luxusgeschöpfe angeht, uns Überbau-Idioten, die sich überhaupt noch für Vergangenes, für Geschichte vor wie nach Marx, für Literatur unter nichtmarxistischen wie marxistischen Vorzeichen interessieren. Gelingen, bei aller Bewunderung für Harichs Systematik und phantasievolle Verknüpfungskunst, kann er nicht.

Ich liebe diese Bücher, die man gegen den Strich lesen muß; wo man soviel begreift und inne wird, obwohl oder gerade weil man der regierenden Partei (die im Besitz allen Wissens und aller Macht ist) auf jeder Seite aus Lust und Überzeugung opponiert. Harich argumentiert mit der Fairneß eines Rhetors aus der Schule des Aristoteles; er stellt alles (fast alles) Geschütz, mit dem man seine Bastion erledigen kann, eigenhändig bereit, verschwenderisch, nahezu protzend und aufgeprotzt.

Unter »Revolutionsdichtung« faßt er drei Romanwerke Jean Pauls zusammen, die zwischen 1790 und 1802, also zwischen dem 28. und dem 40. Lebensjahr des Dichters erarbeitet worden sind und die rein äußerlich, von ihrem Handlungsablauf her, die Überwindung der deutschen Misere zum Gegenstand haben: das 1793 erschienene Fragment »Die unsichtbare Loge«, den »Hesperus« 1795), der Jean Pauls Armut beendet und seinen Ruhm begründet hat, sowie den »Titan« (1800 bis 1803), laut Harich der größte Roman deutscher Sprache, ja, die »größte Prosadichtung der Epoche«.

Hier soll nicht bestritten werden, daß Jean Paul der Emanzipationsdichter der Frauen ist -- er schreibt etwa von deren »zerfegten, zerkochten, zerwaschenen Leben« -- und ebensowenig, daß die Knechtung der Bauern in ihm ihren treffendsten und ätzendsten Satiriker gefunden hat. Den »jungen, aber fetten Domherrn von Meiler« etwa stellt er im »Titan« als einen vor, »der, um seinen innern Menschen mit einem dicken, warmen Äußeren zu bekleiden und auszuschlagen, jährlich nicht mehr Bauern abzurinden braucht, als der Russe Lindenstämme für seine Bastschuhe abschindet, nämlich 150«.

Jean Paul als erster bedichtet nicht nur die Erde, sondern sogar die Sonne als verlorenes Äthertröpfchen im All. Er hat erkannt, daß zum Wohlergehen Europas Schwarze nötig seien; hat eine seiner satirischen Figuren sagen lassen, es sei ein Mißbrauch der Häuser, daß sie bewohnt würden.

Nein, keinesfalls sollen hier die Qualitäten des Autors von »Siebenkäs« und »Quintus Fixlein«, vom vergnügten »Schulmeisterlein Wutz« und der »Flegeljahre« bestritten werden, auch nicht seine sozialkritisch-realistischen. Einen herrlicheren Phantasten haben die Deutschen nicht zu bieten. Zur Harich-Debatte steht aber ausschließlich, ob er ihnen »eine revolutionäre Perspektive zu zeigen« versucht hat und ob ihm das gelungen ist.

Fragt sich nun, was eine revolutionäre Perspektive ist. In der »Unsichtbaren Loge«, zu Ostern 1793 erschienen, findet sich ein Hinweis. Gustav, der Held, der den Menschen nützen will, bringt in einem Brief an seinen Hofmeister, den Ich-Erzähler Jean Paul, die Erwägung vor, am »Sessiontisch« den Staat verbessern zu helfen. Jean Paul, der Dichter, setzt eine Fußnote dagegen, und die lautet: »Ich kann nichts dafür, daß mein Held so dumm ist und zu nützen hofft. Ich bin's nicht, sondern ich zeige unten, daß das Medizinieren eines kakochymischen Staatskörpers (z. B. bessere Polizei-, Schul- und andere Anstalten, einzelne Dekrete etc.) dem Arzneieinnehmen des Nervenschwächlings gleiche, der gegen die Symptome und nicht gegen die Krankheitsmaterie arbeitet und der sein Übel bald wegschwitzen, bald wegbrechen oder weglaxieren oder wegbaden will.«

Ostern 1793 war etwa der Zeitpunkt, da die Girondisten in Paris untergingen und die von Jean Paul stürmisch begrüßte große Revolution umkippte. Den Terror des Jahres 1793 hat er »verständnislos« (Harich) verurteilt. Die »Loge« enthält viel Verschwörergetue, hat aber keinen Schluß, so daß man aufs Raten angewiesen bleibt. Offenkundig diente sie als Vorübung.

So müßte denn der »Hesperus« (= Abendstern), noch nahe genug an der gescheiterten Revolution und doch auch schon weit genug von ihr entfernt, die revolutionäre Perspektive auffalten? Wie ich mich überzeugt habe, war er das Lieblingsbuch der Königin Luise von Preußen. Sollte sie die revolutionäre Losung überlesen haben?

Das muß nicht sein, ja, das kann nicht sein. Der »Hesperus«, wie später der »Titan«, hat nämlich schon auf Reform von oben umgeschaltet, auf Reform von ganz oben sogar. Es bleibt Harichs Geheimnis, welche revolutionäre Perspektive die Deutschen dem Dichterspruch entnehmen sollten, daß nur Fürstensprößlinge in der Lage seien, mit der deutschen Feudal-Misere Schluß zu machen.

»Hohe Menschen«, lupenreine Genien, mußten das Regiment der deutschen Duodez-Staaten übernehmen. Aber wie das, da doch Jean Paul schon 1793 erkannt hatte, daß die Fürsten die ihrem Stande eigentümliche Unverschämtheit besäßen, »Ungerechtigkeiten zu gleicher Zeit zu begehen und -- einzusehen«; nur das Schütteln bringe sie von ihren Throngipfeln herab, schreibt er in einem Privatbrief wenige Wochen nach der Enthauptung Ludwigs XVI.

Jean Pauls Lösung des Problems könnte man genial nennen. Es genügte ja, die hochgeborenen Fürstensöhne (an revolutionäre Töchter dachte auch dieser Seelenverwandte der Frauen nicht) rigoros von dem Pesthauch der Höfe fernzuhalten: sei es, daß die fürstlichen Eltern den Sproß als Sohn eines Grafen aufwachsen lassen ("Titan"), weil sie einen Mordanschlag seitens einer erbberechtigten Nebenlinie befürchten; sei es, daß ein zeugungsfreudiger Fürst (im »Hesperus« Fürst Januar von Flachsenfingen) in England und Frankreich fünf illegitime Söhne in die Welt setzt, die zur rechten Zeit im Fürstentum auftauchen und von ihrem Vater, der sich heftig nach ihnen gesehnt hat, die Regierungsgeschäfte übernehmen. Einer der fünf ist wieder Jean Paul, er wird später Flachsenfingens Außenminister.

Ich habe redlich versucht, das ganze holdselige und hanebüchene Gebräu Jean Paulscher Todesverliebtheit, Schauerkolportage, Ideengespräche, Kindesvertauschungen für den Gebrauch dieser Besprechung einzudampfen -- ganz vergeblich. Nur so viel möchte ich begreiflich machen: Die Fabel für sich selbst besagt bei Jean Paul kaum etwas. Sie hebt sich im »Hesperus« Seite für Seite selbst auf und macht sich im »Titan« konsequent, per Deus ex machina, zunichte.

Wenn die »Revolutionäre« im »Hesperus« den einzigen Pulverturm des Fürstentums in die Luft fliegen lassen, liest sich das wie ein Studentenulk. Fürst Januar drückt die verloren geglaubten Bastarde nur desto inniger an seine Brust.

Aufrührerische Gedanken werden freimütig ventiliert, aber jedes jakobinische Wort findet sein englisch-reformerisches Gegenargument. Soll man wirklich das größte physische Übel der kleinsten moralischen Ungerechtigkeit vorziehen? Brechen wilde Eingriffe ins Räderwerk der Zeit nicht allzuoft zu viele Zähne ab? Die aus Paris importierte Aufruhrrede ("Gehören die Paläste euch, oder die Hundshütten?") wird einstudiert, findet aber nicht statt.

Es ist wahr, an der ganzen Adelssippschaft der deutschen Höfe läßt Jean Paul im »Hesperus« kaum ein gutes Haar; im »Titan«, der ein »reiner Adelsroman« (Harich) ohne jede bürgerliche Folie ist, wird das ungleich schwieriger. Nur, warum sollten die Edelinge sich getroffen fühlen? Wie die Spießer im Parkett der »Dreigroschenoper« genossen sie den Witz des Autors. Derselbe Jüngling, der soeben noch die fürchterlichsten Invektiven probt ("Blutigel, Wölfe, Schlangen, Lämmergeier"), wird ja übermorgen entzaubert dastehen: als regierender Prinz an des väterlichen Lämmergeiers Seite. Wie sollte der Adel oder sonstwer den »Hesperus«, dies Märchen voller Tränenseligkeit und Todessehnsucht, ernst nehmen? Die Adelsgesellschaft war längst zu permissiv geworden, als daß skurrile Satire sie noch hätte verunsichern können.

Zwar, Jean Paul war es ernst mit der Besserung des Menschengeschlechts, und ebenso mit der Besserung der deutschen Misere. Nur kam es der irrenden Seele Jean Paul mehr darauf an, den Seelen seiner Figuren wechselnde Lichter aufzustecken, als die Welt umzukrempeln. Liebesschmerz und Todeserleben, und nicht die Empörung über erlebtes Unrecht, befreien seine Jünglingshelden zu sozialer Verantwortung. Mit sich selbst beschäftigen sie sich kapitellang, mit der politischen Tat nur nebenher.

Harich hat, wie er fast trotzig bekennt, »auf Sprachanalysen resolut verzichtet«; hat nicht einbezogen, was Jean Paul einmal den »Gegenfrost der Sprache« nennt. Der Erfolg des »Hesperus« war aber der eines schrulligen, tiefsinnigen Humoristen. Gegen das Buch die Polizei mobil zu machen, hätte jeden, der das versucht hätte, »mit dem Stigma kompletter Lächerlichkeit« (Harich) ausgeschildert. Kontakt mit dem Elend findet im »Hesperus« nur »gelegentlich«, »episodenhaft« statt. Das Leben der Fronbauern, anders als das des Schulmeisters Wutz' hat Jean Paul zu Harichs Leidwesen nicht beschrieben; er kannte das Dorf und die Armut, aber kannte er die Fronbauern?

Aus dem »Titan« gar sind Armut und Elend verbannt. Wieso kann Harich ihn trotzdem als »Revolutionsdichtung« vorstellen? Nun, der Held Albano, nicht wissend, daß er der Erbprinz ist (einer übrigens nicht von schlechten Eltern), faßt 1792 den Entschluß, im »unheiligen Krieg gegen die gallische Freiheit« an deren Seite zu treten (1792, nicht später, da wären die Jakobiner schon am Metzeln). Warum will er in den Krieg? Die steinernen Zeugen der Antike in Italien haben ihn hoch erhoben; auch sucht er »Trost im Kriege gegen den Frieden des Grabes und der Wüste, der mein Leben stillemacht« (der Relativsatz fehlt bei Harich).

Kein schlechtes Motiv für einen heroischen Roman, sollte man meinen. Aber diesem Helden schlägt die Stunde nicht in diesem Weltbürgerkrieg*. Ihm blüht ein anderes Geschick. Er war sich, so sein Dichter, »höherer Zwecke und Kräfte bewußt, als alle harten Seelen ihm streitig machen wollten; aus dem hellen, freien Ätherkreise des ewigen Guten ließ er sieh nicht herabziehen in die schmutzige Landenge des gemeinen Seins. Ein höheres Reich, als was ein metallener Szepter regiert, eines, das der Mensch erst erschafft, um es zu beherrschen, tat sieh ihm auf (weil er Fürst wird -- R. A.). Im kleinen und in jedem Ländchen war etwas Großes, nicht die Volksmenge, sondern das Volksglück«.

Albano ist als ein »in allem gutes, idealisches Genie« (Jean Paul) konzipiert, aber, wie sogar Harich fürchtet, als ein »bloß in den Kommentaren seines Autors deklariertes Genie«. Der Roman erschien zehn Jahre zu spät. 1803 gab es ja schon einen wirklichen Heros, den Vollstrecker der bürgerlichen Revolution, der mit der deutschen Misere auf seine Weise Schluß machte.

Jean Paul widmete das Buch »den vier schönen und edeln Schwestern auf dem Thron«, nämlich der Herzogin Charlotte von Hildburghausen, der Prinzessin Friederike zu Solms, später Königin von Hannover, der Fürstin Therese von Thurn und Taxis, und, last not least, der Königin Luise von Preußen. Sie hat es sich, so Harich, »nicht nehmen« lassen, mit ihrem Lieblingsdichter in Potsdam zu speisen. Warum sollte er, wie er meinte, »Springstäbe und Steigeisen des Fortkommens« mutwillig wegwerfen? (Pension freilich bekam er nicht in Berlin und auch nicht in Hildburghausen, wo er Legationsrat wurde, sondern in Mainz vom Fürstprimas des Rheinbunds, Dalberg; nichts gegen Pensionen, nichts gegen den Rheinbund, nichts gegen Dalberg).

Dank Harich entdecken wir Jean Paul neu, einen Dichter, von dem wir

* Harich sieht hier schon eine »poetische Antizipation des Typs, der später in Preußen Scharnhorst oder Gneisenau heißen wird« -- wohl etwas viel Pflege des Ahnenerbes.

trotz Fürstinnen-Koketterie für gegeben halten dürfen, daß kaum ein Deutscher außer Hegel das Scheitern der Französischen Revolution schwerer verwunden hat als gerade er. Aber wir erleben auch einen, dem es, nehmen wir an, er hätte es gewollt, gewiß nicht gelingen würde, »Revolutionsdichtung« hinzuschleudern.

Wie konnte Harich, der akribische Literaturabklopfer, sich versteigen wie Kaiser Maximilian in der Martinswand? Er weiß ja, die politische Lösung, die Jean Paul seinen Zeitgenossen anbietet, ist »im Prinzip illusorisch, weit es das nicht gibt, daß eine Herrenkaste aus freien Stücken auf ihre Vorrechte verzichtet«. Die Königin Luise hat gut verzichten, auf Kosten ihrer Kaste nämlich. Das, wie Harich sagt, »irgend erreichbare Maximum an reformerischer Initiative« wollte nicht nur Jean Paul, das will Helmut Schmidt auch.

1804, exakt, schrieb Jean Paul in einem Brief: »Goethe war weitsichtiger als die ganze Welt, da er schon den Anfang der Revolution so verachtete wie wir das Ende.« So wundert es einen nicht, daß Marx und Engels den Jean Paul einen »literarischen Apotheker« hießen, darin Hegel folgend, der die Gepflogenheit des Dichters verspottete, zur Veranschaulichung eines Sachverhalts Gleichnisse aus den entferntesten Lebensbereichen zusammenzutragen und sie so zu vermengen, wie das die Apotheker mit den Ingredienzen ihrer Medikamente tun.

Lukacs, der unter Marxisten anerkannteste Literaturkritiker, konnte den ganzen Jean Paul nur als »kleinbürgerlich« empfinden. Daß Jean Paul nirgends so zu Hause war »wie in der winkeligen, kümmerlichen Welt seiner Glückspilze«, gibt Lukács-Schüler Harich zu. Aber was ist das, »kleinbürgerlich«? Kleinbürger waren, laut Harich, auch die Bürger Schiller, Rousseau, Robespierre, Kant; sollen wir also Jean Paul als den Typus des »revolutionären Kleinbürgers« begreifen, wie charakterisieren wir Georg Lukács?

Damit bin ich wieder bei dem Kleinbürger Walser. Ihm, und nicht Harich, verdanke ich ein Zitat aus dem »Hesperus«, das ich sonst womöglich übersehen hätte. Der Ich-Erzähler Jean Paul bekommt da in einem Kürbis, den ein Spitz ihm zuträgt wie ein Bernhardiner sein Fäßchen (weshalb das Buch, statt in Kapitel, in »Hundsposttage« eingeteilt ist), das Material für seinen Roman, und er schreibt dem unbekannten Absender zurück, per Kürbis-Hundspost, daß er den Auftrag annimmt, aber: »Ich finde die beste Welt bloß im Mikrokosmos ansässig, und mein Arkadien langt nicht über die vier Gehirnkammern hinaus; die Gegenwart ist für nichts als den Magen des Menschen gemacht; die Vergangenheit besteht aus der Geschichte, die wieder eine zusammengeschobene, von Ermordeten bewohnte Gegenwart (ist) ... Es bleibt also dem Menschen, der in sich glücklicher als außer sieh sein will, nichts übrig als die Zukunft oder Phantasie, d. h. der Roman.«

Walser meint dazu: »Der Kleinbürger also flüchtet, um seine Menschenwürde zu retten, nach innen. Da ist er selber Herr, hofft er ... Da drin ist er dann so frei wie die Maus im Loch, vor dem die Katze sitzt. Er verachtet das Draußen und schreibt Satiren gegen die Katze.«

Ist es Zufall, daß ein DDR-Autor »klassisch« über das Kleinbürgertum urteilt, statisch mit Goethe, dynamisch mit Marx, und ein Autor der Bundesrepublik subjektivistisch? Woher nimmt Wolfgang Harich seine Sicherheit, daß Jean Paul heute (ä la Kästners »Wenn unser Herr Jesus noch unter uns weilte") die Sache der Arbeiterbewegung im Sinne der Regierung der DDR vertreten würde? Fragen darf man. Harich wird nirgends penetrant. Die »erste deutsche demokratische Republik«, die des Jahres 1793 in Mainz, schreibt er klein.

Den ganzen Reichtum Jean Pauls läßt Harichs Buch ahnen, den Reichtum Harichscher Gedanken- und Ideengeschichte diese Besprechung nicht. Ob Harich ein Buch für Kleinbürger geschrieben hat, das weiß ich nicht. Aber es scheint, er hat ein Buch für Leute geschrieben, die es laut Klappentext seines westdeutschen Rowohlt-Verlegers und auch wohl nach seiner eigenen Überzeugung nicht mehr oder doch immer weniger geben sollte: für Bildungsbürger.

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