AUTOREN Die Koboldfrau
Anne Enright legt zwei neue Briketts in den Kamin ihres grüngestrichenen Arbeitszimmers. »Die heizen besser als Holz«, sagt sie. Nebenan schaut ihr Mann Fußball, oben schlafen die beiden Kinder. Enright aber nimmt sich einen weiteren Abend Zeit, um über ihren Roman »Das Familientreffen« zu sprechen. Vor einem Jahr erhielt sie für das Buch die wichtigste britische Literaturauszeichnung, den Booker Prize. Es war ein anstrengendes Jahr.
Enright war in Shanghai und Houston, in Mailand und Sydney, um aus ihrem Buch vorzulesen. Erfolg ist ein gefräßiges Tier, das gefüttert werden will. Sie reiste immer wieder hin und her, von Bray, der Kleinstadt an der irischen Ostküste, hinaus in die Welt und zurück, zu ihren Kindern, ans Meer, in die Abgeschiedenheit.
»Im nächsten Jahr werde ich das Haus für keine Lesung mehr verlassen«, sagt Enright, 46, und lacht ein raues Lachen. Sie trägt einen weit schwingenden Rock, steht mit strammen Beinen fest auf dem Boden und wirkt mit ihrem kurzen Haar und dem klaren, verschmitzten Blick wie eine Koboldfrau.
»Das Familientreffen«, vor kurzem auf Deutsch erschienen, erzählt, wie das Leben der fast 40-jährigen Veronica Hegarty ins Schlingern gerät, nachdem ihr Bruder Liam sich das Leben genommen hat*. Liam war ihr Lieblingsbruder in einer Familie mit zwölf Kindern. Sein Tod bringt Veronica dazu, an die gemeinsame Kindheit zurückzudenken, an verdrängte, kaum noch erinnerte Schrecken. So handelt der Roman eindrucksvoll davon, wie die Vergangenheit auch mit viel Anstrengung
nicht ruhigzustellen ist. Wie schwer es sein kann, sich mit der eigenen Lebensgeschichte zu versöhnen.
»Wenn Sie einen Roman schreiben wollen, erfinden Sie besser einen Charakter, der einiges draufhat«, sagt sie, »schließlich müssen Sie etwa drei Jahre mit dieser Figur verbringen.« Wieder erklingt ihr raues Lachen.
Mit Mitte zwanzig hatte Anne Enright ihren Beruf als Fernsehredakteurin gegen die Ungewissheit eines Schriftstellerlebens eingetauscht. Fast zwei Jahrzehnte lang lebte sie dann unbehelligt als ewiges Talent, hatte sich einen kleineren Kreis von Leuten geschaffen, die ihre Romane und Erzählungen für sich entdeckten. Dann kam der Booker Prize. Nun gehört sie plötzlich zu den großen irischen Schriftstellern. Das freut sie. Aber es verändert nichts. Die Unruhe vor dem nächsten Buch ist deshalb nicht geringer. »Es ist ja nicht so«, sagt sie und schlägt auf dem Sofa die Beine unter, »dass der nächste Roman nun auf meinem Kopf landen würde, wie vom Baum gefallen.«
Nein, man müsse warten können. Bis die Idee für ein Buch einen herausfordere. Andersherum funktioniere es nicht. »Das ist wie beim Segeln«, sagt Enright, »der Wind muss nach dem Segel greifen.« Etwa 15 schlechte Bücher würde sie schreiben, sie immer wieder neu zusammenstellen, bevor sie das 16., nicht so schlechte Buch anderen Leuten zu lesen gibt.
Das 16. Buch also. Auf Englisch heißt der Roman »The Gathering«, und zum Ende hin gibt es tatsächlich ein großes Familientreffen, als zur Beerdigung von Liam alle Geschwister im Haus der Mutter zusammenkommen. Abwechselnd hält jeder von ihnen die Totenwache, während die anderen in der Küche trinken und reden. Eine große Selbstverständlichkeit umgibt dieses Kapitel, da ist nichts an der Szene, was irgendwie erfunden wirkt, vielmehr denkt man beim Lesen, so ist es, wenn Familien zusammen sind, die vielen leeren Sätze, die unausgesprochenen Gefühle, die sich in kleinen Gesten zeigen, die Vertrautheit, der Trost, zusammenzugehören, und zugleich die Tristesse, weil das ausweglos immer so sein wird.
Die große Eigenheit Anne Enrights liegt in der gnadenlosen Aufrichtigkeit, mit der sie ihren Figuren zu Leibe rückt.
Als Veronica erfährt, dass Liam sich Steine in die Hosentaschen gepackt hat und ins Meer gegangen ist, holen sie Bilder ein aus jener Zeit, als Liam und sie neun und acht Jahre alt waren und vorübergehend bei ihrer Großmutter Ada lebten. Ada hatte einen Freund namens Lambert Nugent, der oft vorbeikam, und da gibt es manche Erinnerung, um die Veronica lange herumstreicht, weil sie so schwer zu ertragen ist. Etwa wie sie einmal die Tür zu Adas guter Stube öffnete und sah, dass ihr Bruder Nugents Penis in der Hand hielt. Noch viel schwerer zu ertragen aber ist die Erinnerung an Nugents Gesichtsausdruck.
Doch der Roman liefert mit dieser Szene keine Erklärung, die alles lösen, die den Selbstmord Liams deuten würde. Er erzählt in Fragmenten, in Schlaglichtern, er trägt die Puzzleteile zusammen, die alle miteinander Leben heißen. Und er riskiert sämtliche Ungereimtheiten, die dazugehören. Das ist ein gewagtes Unterfangen, weil es jedes lineare Erzählen verweigert und dem Leser viele offene Fragen zumutet. Auf diese Weise aber gelangt Anne Enright zu einer erzählerischen Wahrhaftigkeit, die einen tief berührt.
Im Laufe des Gesprächs springt die Schriftstellerin immer wieder auf, einmal holt sie das Telefonbuch von Dublin, um nachzusehen, wie häufig der Name Nugent in der Stadt ist, »das interessiert mich jetzt«. Dann schleppt sie die gesammelten Werke des irischen Literatur-Nobelpreisträgers Seamus Heaney herbei. Wir dürften nicht vergessen, dass die Familie auch ein einsamer Ort sei, habe der Dichter gesagt. Dieser Satz war wichtig für ihren Roman.
Vor allem Frauen haben Enright nach Lesungen immer wieder gefragt, warum sie so ein pessimistisches Buch geschrieben habe. »Das waren meist junge Frauen«, sagt die Autorin, »in ihrem Alter bietet sich das Leben noch dar, die große Liebe, Reichtum, ein Besuch in der Oper oder ein eigenes Kind, man glaubt, es gebe Dinge, die würden das Leben besser machen. Aber ich bin zu alt für solche Phantasien. Sein eigenes Leben zu besitzen, das ist schon ein ganze Menge.«
Es ist diese illusionslose Sicht, die auch aus dem »Familientreffen« spricht. Dabei kommt Enright ganz ohne Bitterkeit aus, weil sie sich Menschen und Momenten erwartungslos widmet. Das ist vielleicht das Erstaunlichste an dieser Schriftstellerin: gleichzeitig so abgeklärt und so munter sein zu können. »Ich kann mich natürlich irren in allem, was ich sage«, bemerkt sie unverhofft mitten im Gespräch. »Es ist ja ohnehin viel interessanter, sich zu irren.« Daraufhin lacht sie wieder ihr raues Lachen, und man fragt sich, wodurch diese Frau wohl zu beeindrucken ist.
Am Ende des Abends fällt ihr ein, dass es da doch diese deutsche Autorin gibt, die auch mal Fernsehjournalistin war und die dieses Buch geschrieben hat, das so eklig sein soll. »Ekel interessiert mich«, sagt Enright. Sie setzt sich an ihren Computer, findet eine englische Übersetzung von Charlotte Roches Roman »Feuchtgebiete« und bestellt es. »'Wetlands', guter Titel«, sagt sie. CLAUDIA VOIGT
* Anne Enright: »Das Familientreffen«. Aus dem Englischen vonHans-Christian Oeser. Deutsche Verlags-Anstalt, München; 352Seiten; 19,95 Euro.