KINO Die Liebe der Diebe
Sie sind ein ungleiches, wenn auch sehr erfolgreiches Paar, der alte Victor und die nicht mehr ganz junge Betty. Die beiden ziehen mit einem geräumigen Wohnmobil durch Kur- und Kongreßstädte und rauben alleinreisende, liebeshungrige Männer aus.
Betty (Isabelle Huppert) macht sich routiniert an die bedürftigen Strohwitwer ran, erkundet geschickt das libidinöse und finanzielle Umfeld, heuchelt - bei passendem Beuteschema - plötzliche Lust und setzt den vorfreudig Erregten dann gezielt mit einem starken Schlummertrunk außer Gefecht. Der distinguierte Victor (Michel Serrault), der sich im Bedarfsfall auch schon mal Colonel nennen läßt, übernimmt reibungslos den Rest.
Das schlafende Opfer wird seiner Barschaft beraubt und einer seiner Schecks auf eine Tarnfirma des Diebes-Duos ausgestellt. Aber immer lassen die Langfinger so viel in der Brieftasche zurück, daß die Geprellten eher an ein alkoholbedingtes Malheur als an einen raffinierten Beutezug glauben. Gentlemen-Gangster in spe, aufgepaßt: Von Strafverfolgung wird offenbar abgesehen, wenn mehr als die Hälfte im Portemonnaie verbleibt.
Betty und Victor, ein seltsames Paar, dessen genaue Beziehung ein flirrendes Rätsel bleibt, sind die Hauptpersonen in Claude Chabrols 50. Film. Seine Gauner-Groteske »Das Leben ist ein Spiel. Rien ne va plus« wirkt allerdings wie ein elegisches, etwas müdes Nocturne des Altmeisters.
Doch die Kino-Bilanz kann sich natürlich sehen lassen. Chabrol, 67, hat in seinem produktiven und verdienstvollen Cineasten-Leben mittlerweile 26 Romane verfilmt, 14 Drehbücher verfaßt, rund 80 Morde auf die Leinwand gebracht, an die 20 Femmes fatales und rund 10 Bestien in Menschengestalt zur Kino-Existenz verholfen und sich sogar, wie der Verleih vermeldet, einen bizarren Filmtitel geleistet: »Der Tiger parfümiert sich mit Dynamit« (1965).
»Rien ne va plus« ist zwar (noch) kein Kommentar auf die künstlerische Potenz des Regisseurs, aber der etwas in die Breite gegangene Film parfümiert sich immerhin schon mit dem morbiden Duft verwelkender Fülle.
Der alte Biß, die Lust an der Demontage allzu blank polierter Lebensfassaden verkommener Bürgerexistenzen, ist sanftmütiger Resignation gewichen.
Dem Spieltrieb, dem das Werk, oberflächlich gesehen, huldigt, scheint auch Chabrol selbst verfallen. Denn was als melancholische Bourgeoisie-Komödie im besten Chabrol-Stil beginnt, kippt plötzlich um in eine Art von verwirrendem Möchtegern-Thriller.
Betty trifft im feudalen Schweizer Wintersportort Sils Maria den hübschen, aber dubiosen Geschäftsmann Maurice (François Cluzet), der für skrupellose Gangster fünf Millionen Schweizer Franken außer Landes schaffen soll.
Die junge Frau beginnt, offenbar gegen den Willen Victors, eine Affäre mit dem eleganten Geldboten und beichtet ihm auch noch ihre kriminellen Machenschaften. Maurice ist über diese Offenheit gerührt und nimmt sie zum Dank samt Geldkoffer mit auf den Flug zu der Geldwäscherinsel Guadeloupe.
Doch im Flugzeug sitzt überraschenderweise auch Colonel Victor, der sich in das Millionenspiel, das eigentlich eine Psycho-Charade ist, subtil einklinkt und den prallen Koffer einsacken will.
Wer weiß nun was? Und wer trickst hier eigentlich wen aus? Das sind die brennenden Fragen, die sich mit der Aufdringlichkeit eines Haustür-Missionars nun stellen müßten, sollte die Story wirklich auf Touren kommen.
Immerhin verliert der gutgläubige Maurice sein Geld, später (auf äußerst unschöne Art und Weise) auch sein Leben. Aber der Zuschauer ist viel schlimmer dran. Er büßt, langsam und nicht unerwartet, sogar Überblick und Interesse ein. Denn die erste Regel eines jeden wirklich packenden Thrillers - Spannung entsteht nur, wenn das Publikum mühelos begreift, was vor sich geht - hat Chabrol in fast schon souveräner Weise vernachlässigt.
So bleiben fast nur die subtile Personenregie und die überragenden Darsteller zu bewundern. Michel Serrault ("Die Phantome des Hutmachers") liefert das faszinierende, mit minimalen Mitteln gestrichelte Porträt eines alternden Mannes, der sich noch einmal beweisen will, daß er aus seiner beschaulichen Routine ausbrechen kann.
Und auch die Huppert bietet hier mehr als nur die ewig leidende Zicke. Sie zeigt manchmal sogar Humor und eine abgefeimte Abgründigkeit, die ihre Betty zu einem Rätselwesen der gehobenen Art befördert.
Am Ende hat Victor tatsächlich bewiesen, daß er selbst ausgekochte Gangster aufs Kreuz legen kann - und Betty, daß sie nicht allein auf Victors Intelligenz angewiesen ist.
Zum Schluß brummt das weiße Wohnmobil wieder friedlich durch die schneebedeckten Berge, und die beiden Glücksspieler haben wieder zueinander gefunden. Rien ne va plus? Quatsch: Laßt die Kugel rollen.
Joachim Kronsbein
* Mit Michel Serrault, Isabelle Huppert, François Cluzet.