KUNST Die neue Gelassenheit
Ein Mann, nackt und auf Schlittschuhen, zieht endlose Kreise auf dem weiß gefrorenen Meer. Sein zehnjähriger Sohn singt dazu mit eisheller Stimme einen altmodischen Choral.
»Vater und Sohn« heißt das Video von Jaan Toomik, 39, aus Estland, und mit seinen bestechend klaren Bildern und feierlichen Tönen setzt es, bei aller Ironie, eine beinahe hypnotische Wirkung frei.
Das eigenwillige Familienstück läuft derzeit auf dem Berliner Festival »Z 2000«, und das ortet internationale »Subkulturen": mit erstaunlichen Ergebnissen*.
Nach den Befindlichkeiten der Jugend wird auch sonst gern gefahndet, die Berliner betreiben ihre Recherche aber besonders überschwänglich: Der Veranstalter, die Akademie der Künste, präsentiert derzeit nicht weniger als 300 Nachwuchskünstler in etwa hundert Einzelveranstaltungen - von Modenschauen über Lesungen bis hin zu Kammermusikkonzerten.
Allein fünf größere Projekte kreisen um Bildende Kunst. Sie alle streben eines an: das Klischee von der ewig pubertären Love-Parade-Generation zu widerlegen.
Das sogar doppelt so umfangreiche Vorgängerfestival »X 94« hatte vor sechs Jahren selbst noch am lauten Spaßimage mitgebastelt - und immerhin knapp 60 000 Besucher angelockt. In den jetzigen Kunstschauen aber taucht die Selbstinszenierung einer pinkfarbenen, konsumfreudigen Par-
tygesellschaft gar nicht mehr und jene fast schon typische, trashige Flohmarktästhetik nur am Rande auf: Die Jugend 2000 wirkt blitzblank und aufgeräumt.
Vor allem die größte der Ausstellungen,
»Bleibe«, riskiert in der Akademie der Künste einen ruhigen Gegenentwurf zur hippen Hektik der Millenniumswelt. In spröden Betonkabinen gibt sich die Kunst mal ernst, mal ironisch, meistens aber eindringlich gelassen.
Sogar die Gesellschaftskritik kommt unaufgeregt daher. So stichelt Judith Samen, 30, mit feinem, auch fiesem Humor darüber, dass viele weibliche Rollenbilder eigentlich der Vergangenheit angehören sollten: Weshalb sie ihre Großtante in einem sackartigen Cordstoff fotografierte, der einst wohl ein Sofabezug war. Die skurrile Aufnahme hat sie in einen begehbaren Schrein gehängt, der wie eine spießige Gartenlaube aussieht. So viel Häme zum Thema Häuslichkeit.
Dichter an der Wirklichkeit bewegt sich ein litauisches Künstlerteam. Auf ihren Porträtfotos heiratswilliger Frauen wurden deren - reale - Namen und Telefonnummern notiert.
Unter den Jungen, mutmaßt der Kurator Jörg van den Berg, wachse die Sehnsucht nach Ruhe, nach überschaubaren familiären Oasen - ohne deshalb die traditionellen Familienmodelle nachleben zu wollen.
Fast alle Teilnehmer wehren sich mit ihren Arbeiten auch gegen eine verspielte Kitschkultur. Ansonsten aber beschwören sie den Individualismus: Sie entziehen sich jeglicher Gruppenetikettierung - und sind sich in diesem Trotz doch kollektiv einig.
Die Künstler wollen, ahnt Christian Kneisel, einer der Festivalleiter, nicht länger zum trendig naiven Anschauungsmaterial zusammengeschweißt werden, nur damit eine Eltern- und Großelterngeneration mit einem kurzen Blick beruhigt feststellen könne, dass sie den Nachwuchs noch lange nicht ernst nehmen muss. Ist der Jugendwahn doch bloß eine fixe Idee der Alten?
Beinahe programmatisch wirkt da die beschauliche Installation von Utta Hagen, 35. Sie ließ sich von Künstlerkollegen farbverschmierte Plastikschüsseln schenken, die sie mit Wasser gefüllt und in Reihen formiert hat: Immerhin wird der optische Gleichschritt der gescheckten Töpfe gebrochen, sobald Besucher nahen, den Boden erschüttern und so die Parade der Wasserspiegel verwackeln lassen.
Die zwangsverordnete Einheitsästhetik einer so genannten Generation, so die Botschaft des gesamten Festivals, löst sich endgültig auf. Übrig bleiben sehr individuelle und selbstbewusste Kommentare zu einer komplexen Umwelt.
Der Akademie der Künste dürfte an der neuen Vielfalt schon deshalb gelegen sein, weil sie so alle möglichen Zielgruppen streifen kann. In der Schau »Global Ghetto«, die weder vor Visionen geklonter Kleinkinder noch vor Aufnahmen von sterbenden Obdachlosen auf Moskauer Straßen zurückschreckt, ist der Zutritt sogar erst ab 18 Jahren erlaubt. Ein 13-jähriges Wunderkind darf dagegen die einzige Soloschau bebildern: Die gebürtige Russin malt, als hätte man ihr im Kindergarten zu viele Chagalls gezeigt.
Die Ausstellungsreihe, das macht sie sympathisch, verkraftet solche Kuriositäten. Graffiti werden ebenso akzeptiert wie die kühle Computeranimation des polnischen Künstlers Piotr Wyrzykowski, 32: Sie veranschaulicht diverse Sexpositionen zwischen Mensch und Maschine und empfiehlt sich als Kamasutra für künftige Cyborgs.
Auch mussten nicht alle Künstler, um sich für die Teilnahme zu qualifizieren, bislang unentdeckte Talente sein: Der Isländer Olafur Eliasson, 33, wurde mit seinen Wasserobjekten gerade für einen Kunstpreis der Berliner Nationalgalerie nominiert.
Die Neugier auf den kreativen Output des Nachwuchses ist enorm: Zur Eröffnung der ersten vier Ausstellungen kamen 5000 Besucher - das ist viel für ein Kunst-Event ohne die ganz großen Stars.
Eine weitere Bestandsaufnahme will sich die Akademie der Künste in dieser Größenordnung dennoch nicht antun. Nachdem das Festival 1997 wegen Geldmangels ausgefallen war, kamen dieses Mal zwar ein Etat von 1,2 Millionen Mark und etliche Sachspenden zusammen. Angesichts der Masse der Veranstaltungen war das Budget allerdings knapp. Die Künstler, klagen die Festivalleiter, hätten sich selbst ausgebeutet.
Den Besuchern ist der Kunst-Marathon durchaus zuzumuten. Schließlich können sie immer wieder viel versprechende Künstler entdecken.
Und wer den »Tröster«-Raum von Mark Formanek, 33, betritt, gelangt wie zur Belohnung durch die Dunkelheit in ein dämmriges Rotlicht: Sanfte Stimmen flüstern einlullende Worten auf all die gestressten Trendscouts, die verkrampft eine einheitliche Generation 2000 gesucht - und sich dabei verausgabt haben. ULRIKE KNÖFEL
* Bis 20. August in der Akademie der Künste und an weiterenOrten; Programm unter »www.z2000.de«; Katalog zu den Ausstellungen39 Mark.