Die Penna - DER SPIEGEL
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BERLIN-ROMAN Die Penna

• aus DER SPIEGEL 4/1965
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Dem Besucher bleibt nichts übrig, als achtungsvoll den Hut zu ziehen«, lobte der Kunst-, Lokal- und Künstlerlokal-Reporter Hellmut Kotschenreuther in der »Berliner Morgenpost«, als 1959 zwei dicke Männer und deren Trabanten im Berliner Bezirk Kreuzberg eine »galerie im hinterhof« eröffneten: die »zinke«.

Mitten im Kreuzberger Müll-Milieu, wo Zille spukt und Döblin geistert, hatten die Maler-Poeten Robert Wolfgang Schnell und Günter Bruno Fuchs ein Miniatur-Montmartre gegründet. Und ein dritter dicker Mann, ein malender. Schweinemäster aus Klein - Ziescht namens Curt Mühlenhaupt, wurde zum Meister-Maler und Monopolherren der Kreuzberger schönen Künste: Mühlenhaupt errichtete im Hof seiner Altwarenhandlung einen sonnabendlichen »Bildermärkt« und in seiner Kneipe zum »Leierkasten« einen allabendlichen Kommers für Voll-, Halb- und Viertelkünstler und solche Bierschaumschlägertypen, die sich dem Boykott gegen Bürgertum, »badedas« und Bügelfalten verschrieben haben.

1962 machte die »zinke« wieder zu. Aber erst jetzt ist ihr Nachruf erschienen: Unter dem Titel »Geisterbahn« bietet der Luchterhand-Verlag einen »Nachschlüssel zum Berliner Leben« aus Kreuzberger Sicht, der von berufener Hand gefeilt wurde: Autor des Nachschlüssel-Romans ist »zinke«-Gründer Robert Wolfgang Schnell, 48**.

Der Charlottenburger Familienvater Schnell, der sich bisweilen auch als Regisseur und Schauspieler erprobt, hat die lebensnahen Kreuzberger Säuferknaben seines Romans recht deutlich gezinkt. So läßt er etwa einen Journalisten und treuen Kneipenhocker, einen gewissen Karlheinz Kuhbier, auftreten, der »schon eine Menge Geld verdient (hatte) mit Stimmungsbildern aus dem ,Gully"' und der »immer wieder dasselbe in dürrer Sprache für saftiges Honorar« schreibt - gemeint ist offenbar Kotschenreuther.

Der Graphiker, Schriftsteller und »zinke«-Mitbegründer Günter Bruno Fuchs ("Brevier eines Degenschluckers«, »Krümelnehmer«, »Trinkermeditationen") gedieh unter Schnells Feder zu Kuno Wolf, einem bierverspritzenden Zwei-Zentner-Saufaus »mit Grübchen und verschlagenen grünen Augen«, dessen »Suckelmündchen den Flaschenhals« immer wieder mit großer Beharrlichkeit sucht.

Und über einen schwabbeligen Trödler namens Karl Rabenholz heißt es: »Ein Individuum, das man eigentlich hassen wollte, vor dem aber jeder beider Zuneigung stehen blieb, weil der Haß zu gefährlich schien.« Der gar nicht gutartige »Marktfürst« hat Mühlenhauptgetreu in seinem Trödelhof einen Bildermarkt installiert »auf dem jeder seine Werke anbieten, sich davorstellen, sie erklären oder irgendeinen Spaß dazu machen konnte«. Rabenholz: »Hier wird nichts vorgeführt, hier muß jeder selber was machen. Das ist doch kein Kino, hier soll jeder einzelne leben und toben.« Bei Rabenholz treffen sich die »Bärtigen, Langhaarigen, penibel gewichsten Lyriker, Verlotterten, Buchhändler, Annoncenakzessisten und Artisten«; dorthin kommt auch die dicke Veronika, jenes »verzwickte Luder«, und da sie gerade keine »Penunzen« mehr hat, packt sie den widerstrebenden Trödlerkönig bei seiner Mannesehre: »Die Künstler hör'n immer da uff, wo't spannend wird, det find ick doof. Ick meene, wovor is man denn Mann und Frau? Det is doch nich umsonst so.«

Rabenholz ("Ein Künstler ist immer ein bißchen impotent. Das kommt, weil er zuviel liebt") weiß seiner Veronika Dank: Er kauft ihr eine Kneipe, das »Gully«, wo Kreuzbergs Kulturschaffende fortan bei viel Bier und viel Klarem mit selbstfabrizierten Gedichten und Geschichten, mit Wirtinnen-Versen, Radau und Blödeleien ihre Zeit totschlagen. Ihr Kredo: »Die Welt kann nur durch den Unsinn genesen.«

Hinter der Theke verwundern sich inzwischen Veronika und ihre nicht minder dicke Freundin Katzenkopp, die seit Jahren als nicht anerkannter DDRFlüchtling ("Unterschlagener Schnaps war politisch noch nicht ausbaufähig") in West-Berlin lebt:

KATZENKOPP: Det sin allet Irre!

VERONIKA: Ick jloobe ooch. Un der Karl, det is ooch nich der Richtje.

KATZENKOPP: Wat willste von die Männa? Da kannste nischt valang'n, die, mit ihr'n Ding!

VERONIKA: Suffköppe un Hur'nböcke, un wo se wat schnuppa'n, da jehn sec hintaher... Da sacht eena, ick spüle nich richtich, er hat Lipp'nstift an't Jlas gefunden. Na, sare ick, wenn det Zeuch an de Lipp'n hängt, denn schmeckt et, wa? Die Penna!

»Die hier«, so erkennt Schnells positiver - und recht sentimentaler - Held Wilhelm Gratoboczinski, der als naiver Dichter und Maler Rabenholzens Markt und Veronikas Kneipe frequentiert, »fielen plump ins Dreckfest mitten hinein, fühlten sich sofort wohl wie die Nilpferde.«

So ausgiebig sich Schnells Penner, Quassler und Gammler aber auch zur Schau stellen - über das Berliner Leben von heute schweigen sie sich beharrlich aus. Sie wirken wie Proletkult-Fossilien, wie expressionistische Asphalt-Wilde im allerletzten Reservat, sie spinnen im romantisch-luftleeren Raum, und der Kurfürstendamm ist für sie so weltfern wie die Karl-Marx-Allee.

Als Schnell 1963 sein Autoren-Debüt gab, nannte er seinen ersten Band Erzählungen schlicht »Mief« und entdeckte, als die Leser dann ausblieben: »Die Leute wollen keinen Mief.«

Aber Schnell resignierte nicht, im Gegenteil: Die Atmosphäre, die sein »Nachschlüssel« zur »Gully«-Existenz seifenfeindlicher Bohemiens erschließt, ist muffiger denn je.

Dennoch entdeckte die »Frankfurter Allgemeine« Immerhin einen Vorzug seines Kreuzberg-Romans: »Ein Berlin-Buch, in dem die Mauer nicht vorkommt ... das ist dem Autor nicht hoch genug anzurechnen.«

** Robert Wolfgang Schnell: »Geisterbahn. Ein Nachschlüssel zum Berliner Leben«. Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; 350 Seiten; 19 Mark.

Autor Schnell (2. v. r.), Freunde beim Kreuzberger »Bildermarkt": Radau im Gully

* Maler-Wirt Mühlenhaupt (3. v. l.), Graphiker-Schriftsteller Fuchs (1. v. r.).

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