Die perfekte Welle
Am Ende konnte das Publikum vier tote Schwertfische bestaunen - und einen kranken Hollywood-Star. George Clooney war, schwer vergrippt, im Juli 2000 zur Europa-Premiere der »Sturm«-Verfilmung nach Hamburg gekommen, zusammen mit Regisseur Wolfgang Petersen, der nach dem »Boot« erneut ein Hochseedrama verfilmt hatte.
Doch die Premierenparty geriet zum schalen Spektakel. Am Büfett hatte man, unter anderem, vier riesige Schwertfische angerichtet, die vor Ort filetiert und gebraten wurden. »Schmeckt scheußlich«, fanden viele Gäste.
Der Film mit seinem PR-Rummel kam und ging - doch die Vorlage, auf die er sich stützt, wird bleiben: Schon heute ist Sebastian Jungers Buch über den Untergang des Fischkutters »Andrea Gail«, bei dem alle sechs Männer an Bord starben, ein Klassiker der Reportageliteratur. Jungers Schicksalschronik, 1997 unter dem Titel »The Perfect Storm« in den USA erschienen und ein Jahr später auf Deutsch veröffentlicht (nun ohne »perfekt"), überzeugt als großartiger Tatsachenroman in der Tradition von Truman Capotes Meisterwerk »Kaltblütig«.
Sebastian Junger hat die ungeheure Kraft jenes legendären Sturms selbst erlebt, allerdings - sonst hätte es das Buch möglicherweise nie gegeben - an Land. Er wohnte damals, im Herbst 1991, in Gloucester, einer 30 000-Einwohner-Stadt an der Küste von Massachusetts.
»Ich habe vier Jahre mit diesem Buch gelebt«, sagte er später. »Ich kannte die Jungs auf dem Boot besser als einige meiner Freunde.« Dabei hatte er zu Beginn der Recherche Hemmungen verspürt - Skrupel, bei seinen Gesprächspartnern alte Wunden wieder aufzureißen. Zumal er es hier mit Menschen zu tun hatte, die in der Mehrheit ohnehin keine großen Redner sind, schon gar nicht Fremden gegenüber.
Die maulfaulen Fischer waren allerdings nicht der Grund, warum »Der Sturm« seinerzeit als »Literatur der zusammengebissenen Zähne« charakterisiert wurde. Vielmehr boomte damals ein Sachbuchgenre, das vom (oft vergeblichen) Kampf des Menschen gegen die Natur erzählte. Tollkühne Abenteurer (oder deren nicht ganz so tollkühne, aber dafür am Leben gebliebene Gefährten) berichteten von ihren Expeditionen zum Polarkreis, zur Eigernordwand oder, besonders beliebt, zum Mount Everest.
Jungers Buch ist mit diesen Werken jedoch nur bedingt vergleichbar. Denn die Fischer aus dem »Sturm« sind nicht zum Spaß auf See. Sie fischen, so Junger, »weil sie pleite sind und schnell Geld brauchen«. Junger schildert ihren Job ohne jede Seefahrerromantik. Vielmehr erinnert sein Stil eher an die Lakonie eines Ernest Hemingway. »Fisch, ich bleibe bei dir, bis ich tot bin«, heißt es in dessen Erzählung »Der alte Mann und das Meer«. Immerhin: Hemingway lässt seinen alten Fischer überleben.
Diesen Gefallen konnte Junger seinem Publikum nicht tun. Als Leser sei er sich »beinahe wie ein Gerichtsmediziner« vorgekommen, schrieb der Rezensent der »New York Times Book Review«, denn das tödliche Ende der Geschichte stehe ja von Beginn an fest. Auch andere Kritiker waren gebannt von der tödlichen Präzision, mit der Junger das Schicksal der »Andrea Gail« beschreibt: »Ohne Sentimentalität, aber mit Empathie für die Personen«, lobte die »Frankfurter Allgemeine«.
Doch nicht nur der Jubel des seriösen Feuilletons machte den »Sturm« zum Bestseller; der Autor bediente auch die Erwartungen des Boulevards. Er posierte mit nacktem Oberkörper für die Zeitschrift »Entertainment Weekly«, verwahrte sich gegen allzu tiefgründige Deutungsversuche seines Werks ("Es gibt keine Botschaft. Es ist ein Buch über ein Boot, das untergeht. Das Boot ist auch keine Metapher. Es ist ein Boot.") und setzte sich auf Oprah Winfreys Talkshow-Sofa.
»Der Sturm« hat Sebastian Junger reich gemacht. Mehr als 3,5 Millionen Exemplare wurden verkauft, 1,2 Millionen Dollar kassierte er für die Taschenbuchrechte und noch einmal eine halbe Million für die Filmrechte.
Und dann? Was tut man, wenn man eigentlich alles erreicht hat als Reporter? Junger machte im Jahr 2000 in Manhattan eine Kneipe auf, »The Half King«; 2002 erschien eine Reportagensammlung ("Feuer"). Außerdem gründete er eine Stiftung mit Sitz in Gloucester, The Perfect Storm Foundation, die Kinder von Fischern unterstützt. »Wir ermutigen sie zu träumen«, verspricht die Stiftung.
Und noch eine gute Nachricht aus Gloucester: Mittlerweile gibt es einen neuen Film über die örtliche Fischerei - ohne George Clooney, ohne Spezialeffekte, aber dafür live: Im Internet (www.gloucestermaritimecenter.org) zeigt eine Webcam 24 Stunden am Tag die Hafenausfahrt von Gloucester.
Das Meer ist meistens ziemlich ruhig. MARTIN WOLF