FOTOGRAFIE Die Picassos der Kamera
Der Mann, der in der Untergrundbahn sitzt, ist eine attraktive Mischung aus Rudolph Valentino und Errol Flynn, ein gelangweilter Schönling mit Schnauzbart-Profil. Seinen Hut hat er tief ins Gesicht gezogen, den Mantelkragen hochgeschlagen. Nur eines passt nicht zum Star-Look: Die pausbäckige Frau an seiner Seite erinnert, trotz Klunker an den Ohren und protzigem Pelz, wenig an Hollywood.
Ein Foto, das zum Spekulieren reizt. Weshalb wendet er sich ab? Warum blickt sie frustiert ins Leere? Hatten sie einen Ehezoff, oder kennen die sich gar nicht?
Sicher ist: Man wird es nie erfahren. Beide sind zwei von vielen Unbekannten, die der Fotograf Walker Evans zwischen 1938 und 1941 heimlich in der New Yorker U-Bahn ablichtete; die Kamera hatte er unter seinem Mantel versteckt.
Heute gelten seine »Subway Portraits«, Bestandsaufnahmen der anonymen Großstadtgesellschaft, als Inkunabeln der amerikanischen Fotografiegeschichte. Eine Auswahl ist jetzt in der Fotoschau »How you look at it« im Sprengel Museum in Hannover zu sehen**. Und weil in der niedersächsischen Hauptstadt Expo-bedingt gerade alles um einige Spuren gigantischer ausfällt als üblich, handelt es sich um die bislang größte deutsche Fotoausstellung.
Immerhin 500 Aufnahmen aus dem vergangenen Jahrhundert wurden von den Kuratoren Heinz Liesbrock und Thomas Weski, beide Jahrgang 1953, für die knapp zwei Millionen Mark teure Schau ausgewählt. Etwa ein Viertel der Bilder, so viel Exklusivität muss sein, war zuvor noch nie im Original in Deutschland zu sehen.
Auf das Werk von Walker Evans, in Amerika ein früh bewundertes Genie des nüchtern offenbarenden Blicks, konnten
sie dabei nicht verzichten. Ebenso wenig auf die berühmten Paris-Ansichten von Eugène Atget oder die eindringlichen Porträts des Kölners August Sander.
Atget, Sander und Evans sind Klassiker - drei von vielen in der Ausstellung; auch lebende Fotopromis wie Jeff Wall oder Cindy Sherman wurden nicht ausgelassen. Denn Liesbrock und Weski geht es, wie sie sagen, ja weniger um beliebige Masse als um die »Höhepunkte der Fotografie im 20. Jahrhundert«, kurz: um eine Schau mit »Premierencharakter« und um »eine Weltausstellung der Fotografie«. Luftige Worte für ein ehrgeiziges Namedropping - das so allumfassend nicht ausfällt. Weski und Liesbrock präsentieren Fotografen, deren Arbeit erstens an der sichtbaren Wirklichkeit orientiert, zweitens Teil größerer Serien ist und die damit - drittens - ihrer Meinung nach wegweisend für das 20. Jahrhundert war.
So fallen abstrakte Fotogramme und exzentrische Selbstinszenierungen weitgehend weg. Im Sprengel Museum kreist alles um eine dokumentierende und essayistische Fotografie - Begriffe, die bisher nur nirgends endgültig definiert wurden. Auch nicht in Hannover.
Stattdessen haben sich die Kuratoren ein »streitbares Konzept« ausgedacht: Zu jeder Fotoeinheit hängten sie allseits anerkannte Werke der bildenden Kunst. Die Industriebilder des Düsseldorfer Ehepaares Bernd und Hilla Becher werden durch ein Schwarzweißgemälde des Amerikaners Franz Kline ergänzt. Eine gute Idee, spiegelt sich in seinen rauschhaften und zugleich strukturierten Pinselstrichen doch die Koloss-Monstrosität der Hochöfen wider.
Der Grund des Crossovers: Viele kunstwertige Fotografen, ärgert sich Liesbrock, seien dem breiten Publikum nicht so geläufig wie die zeitgleichen Maler und Bildhauer von Picasso bis Beuys.
Auf dem Kunstmarkt sind die Preise für Fotografien über die Millionen-Mark-Grenze gestiegen. Doch ihre Macher, mäkelt Liesbrock, werden selten in der Kunstgeschichte erwähnt. Ein Dilemma, das die Schau beheben will. Sie soll die Fotografen auf den Kunstolymp katapultieren.
Wessen Werk allerdings das Prädikat »Meilenstein« verdient, wurde aus dem Bauch entschieden. Die Fotoexperten Weski und Liesbrock mögen den »Kanon« der hohen Fotografie angekündigt haben. Sie geben aber zu, dass bei der Zusammenstellung des »Basisprogramms« ihre »persönliche Gewichtung« maßgeblich war.
Solch Widerspruch wirkt wie ein prophylaktisches Ausweichmanöver für den Fall, dass ihnen Einseitigkeit vorgeworfen wird. Zu sehen ist betont viel US-Fotografie: meterweise einsame Landschaften, viele verlassene Tankstellen. Favorisiert wird eine spröde Ästhetik. Was dagegen verspielt und knallebunt ausfällt, hatte wegen Banal-Verdacht und möglicher Ähnlichkeit mit bloßer Knipserei keine Chance.
Fotokunst kann demnach nur sein, was kühl puristisch wirkt wie Paul Strands Architekturstücke vom Anfang des Jahrhunderts, sozialkritisch wie Larry Clarks Fixerporträts aus den sechziger Jahren oder melancholisch wie die resignierten Mienen der »Vietnam-Veteranen« von Judith Ross.
Manchmal darf es abgedreht sein, wie die verdreckten Öfen und gelackten Damen des Südstaaten Fotografen William Eggleston oder die großartigen Bilder der Ex-Modefotografin Diane Arbus, die in den sechziger Jahren fette Familien in Nudistencamps oder Transvestiten vor die Kamera holte - auch Arbus, die sich 1971 mit 48 Jahren das Leben nahm, ist bekannt für ihre Begabung, die trüben Facetten hinter dem vordergründig Spleenigen einzufangen.
Auffällig in Hannover ist aber auch der Mut zur Lücke. Das Bauhaus, ein Experimentierkasten auch in der Fotografie, wird nicht erwähnt, Asien bis auf den Japaner Shomei Tomatsu salopp übersprungen.
Selbst die größten Ausstellungen können nicht alles zeigen. Beschränkungen machen meistens Sinn. Nur klingt das Pauschalargument für die hiesigen Auslassungen dürftig: »Das hat uns nicht überzeugt.«
Das Gegenangebot: Wichtige Entwicklungslinien, die zudem genehm sind, werden über Generationen nachvollzogen. So sind auch die Amerikaner Robert Frank und Stephen Shore, die dem Idol Walker Evans in den fünfziger und in den siebziger Jahren durchaus gelungen nachfotografierten, in aller Ausgiebigkeit präsent.
Immerhin 2000 Quadratmeter stellte das Museum für die Schau mit dem gummiartig ultimativen Anspruch bereit. Auf der gesamten Fläche wird, so viel ist klar, exquisites Material geboten. Zum Beispiel die Gruppenporträts, die der Amerikaner Nicholas Nixon seit 1975 Jahr für Jahr von seiner Frau und ihren drei Schwestern macht, verfolgen eindrucksvoll, wie sich die Sorgenfalten langsam ins Gesicht schleichen. Der deutsche Fotograf Andreas Gursky hat eine Aufnahme von der Börse in Chicago 1999 so zurechtmanipuliert, bis die kapitalistische Weihestätte mit ihrer wuseligen Menschenmasse als unübersichtlicher Chaoshaufen erscheint.
Gursky gehört längst zum Establishment, auf Auktionen sind seine Monumentalfotos für sechsstellige Gebote gut.
Selbst die Niederländerin Rineke Dijkstra und der ukrainische Pennerfotograf Boris Michailow, beide in Hannover zu sehen, hatten sich schon vor der Jahrtausendwende durchgesetzt. Weshalb sie gezeigt werden, die Amerikanerin Nan Goldin und der Brite Paul Graham aber nicht ins Kuratoren-Raster passten, bleibt eines der vielen Rätsel: Beide sind durchaus Freunde vom dokumentierenden Ansatz.
Aufregend Neues oder risikofreudige Nischenkünstler sind in Hannover, auch das ist programmatisch, nicht zu entdecken. Die Schau geht, bis auf ein wenig strategische Willkür, kein Risiko ein.
Den Segen des Feuilletons haben sich die Kuratoren aber sowieso schon im Vorfeld gesichert. »FAZ«-Redakteur Thomas Wagner schrieb einen Beitrag zum Katalog. Groß ist vor allem die Hoffnung, dass etliche Expo-Pilger einen Abstecher ins Museum einplanen.
Doch Vorsicht: Der Titel »How you look at it« kann auch als Warnung gelten. »Wie du es betrachtest« - diese Zeile droht mit einem Schnellkurs für den richtigen Blick und Geschmack in Liesbrocks und Weskis Sinn, ein Nachhilfeunterricht in Sachen dogmatisch humorferner Fotografie.
Der Bildungsauftrag, dem die Expo in Hannover mit ihren krachenden Sensationen nicht wirklich nachkommen will - im Sprengel Museum wird er ernst genommen. Allzu ernst. ULRIKE KNÖFEL
* Aus einem Zyklus, der zwischen 1938 und 1941 entstand. ** Bis6. August. Ab 23. August im Städel in Frankfurt/Main. Katalog imOktagon Verlag, Köln; 532 Seiten; 48 Mark.