FILMGESCHÄFT Die Rächer von Manhattan
Die Luft war warm und die Oscars vergeben, als Harvey Weinstein, Chef der New Yorker Filmfirma Miramax, kurz nach Mitternacht aus seiner Limousine stieg. Den ganzen Abend hatte er versucht, die Mundwinkel oben zu halten - trotz des miesen Abschneidens seines Ladens, der nur eine der goldenen Trophäen abbekam: die für den besten Nebendarsteller in »Iris«, einem Film über die britische Schriftstellerin Iris Murdoch, die an Alzheimer erkrankt.
Weinstein hatte der Schmach ein staatsmännisches Lächeln entgegengestemmt. Doch als jetzt seine Limousine, die des großen Studiotycoons, auf dem Weg zur großen Party der Zeitschrift »Vanity Fair« ebenso gecheckt wurde wie die aller anderen, schwoll der Hals des 240-Pfund-Mannes an wie ein Feuerwehrschlauch. Schließlich spuckte er seine Wut aus und rief: »Das alles ist lächerlich!«
In diesem Moment der Schande tröstete es ihn, dass er es in den nächsten Monaten doch noch all den Neidern und Schwätzern zeigen würde, die in letzter Zeit behauptet hatten, sein Laden zöge nur noch in eine Richtung - nach unten. Seine Rache würde fürchterlich sein, sie würde die Kritiker zum Jubeln und die Konkurrenten zum Schweigen bringen, und sie würde die Zuschauer in Scharen in die Kinosäle spülen, denn seine Rache würde aus Zelluloid sein. Ein Film, gewaltig wie »Ben Hur«, episch wie »Der Pate«, bohrend wie »Rosemaries Baby«, wichtig wie »Apocalypse Now«; ein Film für die Ruhmeshalle des Kinos. Sein Titel: »Gangs of New York«.
Manche Kritiker, sagt Harvey Weinstein, verfolgten ihn und seine Firma, als hantierten sie mit Kettensägen und geladenen Gewehren. »Sie schossen auf uns und behaupteten, dass wir, die coole Firma Miramax, am Ende seien. Aber das stimmt nicht, allein die ersten fünf Minuten von Marty Scorseses Film ,Gangs of New York' werden zeigen, dass unsere Klingen schärfer sind als jemals zuvor.«
Es gibt im Hollywood der Anwälte und Kaufleute nicht mehr viele Bosse, die daher reden, als sei jeden Tag D-Day. Genau genommen ist Weinstein nicht nur der lauteste, er ist auch der einzige. Er ist der letzte Studiochef, der seinen Beruf gleich einer Filmrolle interpretiert und als eine gewaltige Inszenierung einem Publikum darbietet, welches dankbar seinen Abenteuern und Streichen folgt. Auch zu Harveys Vergeltungsfeldzug gegen die Kritiker mit den Kettensägen hätte kaum jemand ernsthaft etwas einzuwenden gehabt. Dumm ist nur, dass aus dem Gegenschlag erst mal nichts wird.
Denn ob »Gangs of New York«, dessen Start oft verschoben wurde und jetzt als Sensation für die Filmfestspiele in Cannes angekündigt war, jemals groß und gewaltig über die Welt herfallen wird, wissen derzeit die Filmgötter allein. In Cannes wird allenfalls ein Trailer zu sehen sein. Ansonsten steht vorläufig allein fest, dass die Opfer des Projekts die Beteiligten selbst sind.
Natürlich zählt zunächst einmal das Geld. Ursprünglich für rund 80 Millionen Dollar geplant, hat der Film bis jetzt 103 Millionen Dollar verschlungen - bei weitem das höchste Budget in der 22-jährigen Firmengeschichte von Miramax.
Dann sind da die Stars. Robert De Niro und Willem Dafoe kamen und gingen, Daniel Day-Lewis, Cameron Diaz und Leonardo DiCaprio blieben. Letzterer ist gar so heftig bei den »Gangs of New York« engagiert, dass er einige Millionen aus seinem Privatvermögen vorstreckte.
Und dann waren da noch die Bauten. Es ist nicht so, dass die Slums und Ghettos, welche Downtown Manhattan um das Jahr 1850 prägten, irgendwo unbenutzt herumstehen. Also mussten sie nachgebildet werden, und weil so viel Elend teuer werden kann, entschieden sich Scorsese und Weinstein, das New Yorker Armenviertel im römischen Cinecittà aufbauen zu lassen, jenem sagenumwobenen Ort, welcher schon die Sets zu Hollywood-Produktionen wie »Cleopatra« oder »Ben Hur« beherbergte.
Harvey Weinstein ließ die Gossen, Kneipen und Bordelle des vorletzten Jahrhunderts auf zwei Meilen Länge zimmern, und als er fertig war, war Scorsese immer noch nicht zufrieden. Er wollte noch eine Kathedrale. Weinstein weigerte sich - bis Tom Cruise anreiste und ein Wort für Scorsese und die Kirche einlegte. Weinstein schrieb noch einen Millionenscheck. Seitdem hieß das Gotteshaus auf dem Set »St. Thomas«.
Stars, Budgets und Bauten treiben auch bei anderen Filmen die Verantwortlichen bisweilen an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Das Besondere an »Gangs of New York« ist, dass der Kern des Konflikts im Gespann der Verantwortlichen liegt, die diesen Film erst möglich gemacht haben.
Auf der einen Seite Scorsese, der charmante Eigenbrötler aus Little Italy, der zwar als König des Mafia-Films gilt, aber seit einer Reihe von Flops nicht mehr unbedingt das Zutrauen der großen Studios genießt. Ein Besessener, der jeden Film, der jemals gedreht wurde, nicht nur gesehen hat, sondern sich auch gern daran erinnert; einer, der einen Haufen dieser Filme in seinem New Yorker Büro auf Zelluloid hortet und von dem viele in Hollywood sagen: »Marty ist in seinem eigenen Kopf eingeschlossen. Er kann keine Anregungen von außen verarbeiten, und dazu ist er unglaublich langsam. Es mag ja wahr sein, dass er sich selbst stets treu bleibt. Aber, bei Gott, vor allem ist er ein 'pain in the ass'.«
Auf der anderen Seite Harvey Weinstein, ein Mann, der zusammen mit seinem Bruder Bob die Firma Miramax aus dem Nichts erschaffen hat; der mit unabhängig produzierten und gewagten Filmen wie »Sex, Lügen und Video«, »Pulp Fiction«, »Der englische Patient« und »Good Will Hunting« den Kinomarkt weltweit revolutionierte; dessen Produktionen für insgesamt 159 Oscars nominiert waren und 42 davon gewannen; der im Weißen Haus der Clinton-Ära Dauergast war; der für seine tyrannischen Schreianfälle in der eigenen Firma so bekannt ist, dass seine Mitarbeiter ihn mit Frankenstein vergleichen, und der im eigenen Besprechungszimmer Filmplakate mit den Worten ze rreißt: »Die taugen allesamt nichts, und ihr seid nichts weiter als ein Haufen Zurückgebliebener, dass ihr mit so etwas überhaupt ankommt«; der Filme von Regisseuren, die ihm nicht passten, einfach umschnitt, was ihm den Spitznamen »Harvey Scissorhands« eintrug; der in New York über so viel gesellschaftliche und politische Macht verfügt, dass das Magazin »New York« über ihn schrieb: »Bevor es den Ground Zero gab, war Harvey Weinstein der Ground Zero.«
Weinstein ist der Pate der New Yorker Glitzokratie. Vor nicht allzu langer Zeit nahm er einen Journalisten, der es gewagt hatte, ihn zu kritisieren, auf einer Party in den Schwitzkasten und rief: »Findest du nicht auch, dass diese verdammte gesetzlose Drecksstadt New York einen verdammten Sheriff wie mich braucht?«
Nicht wirklich erstaunlich also, dass es Ärger geben musste zwischen Marty und Harvey. Denn einerseits sehen sich beide als geniale Außenseiter, die auf die bestehenden Regeln spucken und nur das gelten lassen, was sie selbst erfunden haben. Eine Seelenverwandtschaft, die sie zu einer Art Straßenkämpfer des Showgeschäfts werden lässt. Marty und Harvey - the Gang of New York.
Andererseits geht es in dieser Bande zweier Egomanen, die sich gegenseitig verehren, um die Macht - und zwar 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Beide sind tief fasziniert von der Story der »Gangs of New York« - einem Sittenbild aus Chaos, Anarchie und dem Überleben der Besessensten.
»New York um 1840«, sagt Scorsese, »war mehr ein Kessel als eine Stadt. Und deshalb hatten ernst zu nehmende Leute begriffen, dass das Schicksal der ganzen Nation auf dem Spiel stand, wenn New York nicht bald funktionieren würde.« Die Stadt war gespalten in Gangs, oft Katholiken gegen Protestanten. Gespalten bis in die Zentren der administrativen Gewalt, die Polizei, die Feuerwehr, so dass eine protestantische Feuerwehr bei einem Brand in einem katholischen Viertel einfach umdrehen und nach Hause fahren würde. »America«, dröhnt der Trailer, »was born in the streets.«
30 Jahre lang lag der Stoff, der auf einem 1928 geschriebenen Roman von Herbert Asbury basiert, in den Entwicklungsetagen Hollywoods herum; kein Studio traute sich an diesen Sumpf aus Klassenkampf und Religionskrieg; an die Monumentalsaga aus dem Bauch des Landes der Tapferen und der Freien. Klar also, dass bei diesem verspäteten Schöpfungsmythos weder Harvey noch Marty hinter den Kulissen dem anderen einfach den Part des Gangleaders überlassen kann.
Natürlich versuchten beide anfangs, den Konflikt herunterzuspielen, indem jeder dem anderen öffentlich auf die Schulter klopfte.
»Dass dieser Film auf den Weg gebracht wurde, verdanken wir vor allem Harveys Energie«, sagte Marty.
Und Harvey bedankte sich für das Kompliment mit dem Satz: »Ich bete Marty an. Es ist, als würde ich in die Filmakademie gehen. Den Final Cut hat er.«
Alles schön und gut, nur die viel beschworene Harmonie bröselte trotzdem - vor allem wegen Martys Perfektionismus und dem dazugehörigen Tempo. Er arbeitete so langsam, dass Harvey insgesamt sechsmal nach Rom flog, um ihn anzutreiben. »Marty wurde behandelt wie ein rohes Ei«, sagt einer, der dabei war. »Es gibt nicht viele Menschen, die Harvey so vorsichtig anfasst. Marty ist einer davon.«
Doch allmählich wurde Harvey des Jonglierens müde, und es sah so aus, als würde er seine Hände gern anderweitig benutzen. »Wenn sich die beiden unterhielten, wurde viel herumgefuchtelt«, berichtete der Mann vom Set. Irgendwann flog dann ein Handy durch die geschlossene Scheibe des Chefbüros.
Endgültig riss Harveys Geduldsfaden, als Marty seinen fertigen Film ein paar Eingeweihten zeigte und zwei Probleme auftauchten, die auch durch segelnde Handys nicht mehr aus der Welt zu schaffen waren. Das erste: »Gangs of New York« war drei Stunden und 40 Minuten lang - etwa doppelt so umfangreich wie das gewöhnliche Hollywood-Produkt. Das zweite: Niemand verstand die Story. »Da war so viel Schlamm zwischen den Teilen«, sagt ein Zeuge, »es war unmöglich durchzudringen.« Danach wieder Gebrüll - und Martys Ankündigung, er denke über ein völlig neues Ende nach; der Einwand von DiCaprios Agenten, dass ganze Teile neu gedreht werden müssten. Ein Showdown auf Raten.
Das Kräftemessen aber macht Harveys Laune nicht besser, zumal seine Firma auch sonst zurzeit durch eine unerfreuliche Phase geht. Einem Selfmade-Mann wie Weinstein, der noch Ende der siebziger Jahre als Konzertveranstalter Handzettel bei bitterer Kälte hinter die Scheibenwischer auf den Parkplätzen seiner Konkurrenten klemmte, dessen Firma Anfang der Neunziger für 60 Millionen Dollar von Disney gekauft wurde und der seitdem davon träumt, die Konkurrenz mit Geld zu beerdigen und ein multimediales Unternehmen zu schaffen, verursacht seine verzögerte Rache schlechte Laune.
In einem Gewerbe, von dem der mächtige Agent Michael Ovitz einmal gesagt hat, es sei nichts weiter als High School mit jeder Menge Kohle, braucht Harvey einen großen Hit. Schließlich war außer Leidenschaft und Rücksichtslosigkeit in den letzten Jahren vor allem sein Image sein Kapital. Jenes Image eines jüdischen Kraftprotzes mit den Umgangsformen eines Gangsters, der mit seinem Erfolg den Konkurrenten so lange auf die Nerven ging, bis es zu deren Lieblingsspiel gehörte, ihn zu hassen.
Es gibt Leute, die Anerkennung friedlicher macht. Harvey gehört nicht dazu. Er braucht immer mehr. »Ihm ist es so lange so gut gegangen«, sagt Peter Bart, Chefredakteur der Branchenbibel »Variety«, »dass es für die Leute zweifellos ein Vergnügen wäre, ihn Staub fressen zu sehen.«
So weit wird es nicht kommen. Zwar hat Harveys Firma Miramax in diesem Winter 75 von 500 Mitarbeitern entlassen und mit der Einstellung des Glamourmagazins »Talk« 27 Millionen Dollar Minus auf Nimmerwiedersehen verabschiedet, aber der Laden steht mit einem Umsatz von einer Milliarde Dollar und einem Gewinn von 161 Millionen für das Jahr 2001 finanziell gesund da.
Dazu hat ihm sein Alliierter und Oberboss, der Disney-Chef Michael Eisner, den leidgeprüften Rücken gestärkt. Sein dickes Wunderkind habe eben ein bisschen herumgespielt. »Wenn Harvey mit einem Magazin oder einem Buchverlag herumexperimentieren wollte«, sagte Eisner, »dann habe ich nichts dagegen. Im Endeffekt bekommen wir dadurch einen langfristig glücklichen, gesunden Harvey.«
Schon plant Weinstein als neuesten Streich einen eigenen Miramax-Fernsehkanal, bestückt mit den 500 eigenen Filmen, Talkshows, Lifestyle-Magazinen, sogar Nachrichtensendungen, und ist dabei ganz die alte großkotzige Zuversicht. »Nachdem ich Schokoladenbonbons aufgegeben und 40 Pfund abgenommen habe«, sagt er, »schaffe ich das, ohne überhaupt ins Schwitzen zu kommen.«
Für Harveys Feinde brechen also wieder harte Zeiten an. Von Beschwerden sollte man ihnen dringend abraten.
Das letzte Mal, als ein Reporter auf die Idee kam, Harvey zu erzählen, was er doch für ein schlechter Mensch sei, fing das Monster von Miramax an zu grinsen wie ein Kind, das ein großes, buntes Eis geschenkt bekommt.
Dann erzählte Harvey von jener Szene aus dem Western »The Good, the Bad and the Ugly«, in der drei Typen durch die Tür treten, um Tuco, den Hässlichen, der in einer Badewanne sitzt, zu erledigen. »Tuco«, sagen die Männer, »du Bastard hast die Nachbarn umgebracht, unser Geld geklaut und uns auch alles andere genommen, und jetzt wirst du sterben.«
Noch während die drei nach ihren Waffen greifen, erhebt sich Tuco, der Hässliche (gespielt von Eli Wallach), aus dem Badewannenwasser und erschießt alle drei. Dann sagt er: »Wenn du redest, dann redest du; und wenn du schießt, dann schießt du.«
Für Harvey rettete diese Geschichte den Tag. Während seine Hände zwei Pistolen formten und er auf sein Gegenüber schoss, sprach er: »Die anderen Jungs stehen herum wie alte Weiber und rätseln darüber, was ich als Nächstes unternehme. Und während sie reden, schieße ich.«