FAULKNER Die Räuber
Es kommt der Tag«, siniierte William Faulkner 1958 vor amerikanischen Studenten, an dem jeder Schriftsteller 'durch das dunkle Tor gehen muß, und er hat den Wunsch, vorher noch seinen Namen in die Mauer einzukratzen - ,Kilroy war hier' -, damit es jemand hundert oder tausend Jahre später sieht«.
Einen Monat bevor, am 6. Juli 1962 für Faulkner dieser Tag kam, hat er seinen zahlreichen Kratzern auf der Mauer des Nachruhms einen letzten hinzugefügt. Als Abschluß von 38 Jahren Schreibarbeit erschien vor wenigen Wochen in den Vereinigten Staaten sein Roman »The Reivers« (deutsch: »Die Räuber"), dessen altertümelnder Titel - vom Klappentext des Buches in zeitgenössischem Englisch erläutert -Faulkners Abneigung gegen Modernismen noch einmal stilgerecht etikettiert*.
Der Literatur-Nobelpreisträger von 1950, der kein Literat sein wollte (Faulkner: »Ich bin Farmer") und der als »Traditionalist in einer antitraditionellen Welt« (Kritiker O'Donnel) den nicht eben traditionsfreudigen Roman der Gegenwart mit neuen Erzähltechniken versorgte, hat seine Vorliebe für antiquierte und rustikale Lebensformen auch in dieser letzten »Reminiszenz« (so der Untertitel) gepflegt.
Die Reminiszenz gilt, wie fast alle der insgesamt achtzehn vorangegangenen Romane Faulkners und wie die Mehrzahl seiner rund hundert Erzählungen, dem provinziellen, vom 20. Jahrhundert nahezu unberührten Milieu der amerikanischen Südstaaten und vor allem jenem fiktiven Bezirk, zu dem Faulkner seine Heimat Lafayette County und deren Kreisstadt Oxford als Modell nutzte: der Stadt Jefferson und dem Kreis mit dem indianischen Namen Yoknapatawpha County.
Europäischen Bücherlesern ist das Yoknapatawpha-Land längst ebenso vertraut geworden wie Joyces Dublin, wie das Combray Prousts und das Prag Kafkas. Doch während europäische Literaturkritiker Faulkners wortgewaltige Recherchen in einer labyrinthischen Vergangenheit lobten und im Wörterdickicht seiner Romane Symbole zu entschlüsseln versuchten, blieben manche amerikanische Rezensenten und Leser mißtrauischer gegenüber der Erzählkunst ihres Landsmannes aus Mississippi und gegenüber der Symbolik in seinen wild verschlungenen Fabeln. (Cousine Sallie zu ihrem Vetter William Faulkner: »Bill, wenn du solche Sachen schreibst - trinkst du eigentlich?« Faulkner: »Nicht immer.")
1945 war in den Vereinigten Staaten nicht ein einziges Buch Faulkners mehr in Druck, und erst kürzlich rügte die »New York Times Book Review« wieder: »Während der letzten zehn oder fünfzehn Jahre war William Faulkner von einer Aura der Feierlichkeit umgeben, die weder seinen Romanen noch
ihm selbst sonderlich gut bat... In einigen seiner letzten Romane gab sich Faulkner so gewichtig, als sei er überwältigt vom Gedanken an seine eigene Weisheit.«
Bevor jedoch Faulkner im vergangenen Monat, 64jährig, starb, bewies er seinen Kritikern noch, daß er als Erzähler sehr wohl auf Feierlichkeit verzichten und daß er auch in chronologischer Folge erzählen konnte. Sein Räuber«-Roman, eine Art Satyrspiel nach der düster-tragischen Yoknapatawpha-Saga, ist von allen seinen Büchern vielleicht das am besten verständliche und gewiß das witzigste.
Faulkner-Kenner werden allerdings auch in der verhältnismäßig einfachen Fabel der »Reivers« Symbolik zu entdecken wissen - beispielsweise darin, daß die Titelhelden des Romans für ein Auto ein Pferd einhandeln und so deutlich genug Faulkners Aversion gegen das mechanisierte, das motorisierte, das unausweichliche Schicksal Amerikas« demonstrieren.
Zur Zeit der Romanhandlung war dieses Schicksal noch einigermaßen weit entfernt. Die Kindheits-»Reminiszenz«, vom mittlerweile großväterlichen Erzähler Lucius Priest in einem ununterbrochenen 300-Seiten-Monolog dargeboten, vergegenwärtigt einige Maitage des Jahres 1905, in denen der damals 11jährige Lucius zum erstenmal in seinem Leben »Nicht-Tugend« praktizierte.
Ähnlich dem Kind-Helden Huckleberry Finn des amerikanischen Literatur-Pioniers Mark Twain (Faulkner: »Natürlich ist Mark Twain unser aller Großvater") entflieht Lucius Priest vorübergehend dem bürgerlich-respektablen Leben im Elternhaus. Die Gefährten seines unkindlichen Abenteuers sind der Neger Onkel Ned und das indianische Halbblut Boon Hogganbeck, beide Angestellte der Familie Priest, die in Jefferson eine Bank und - wie einst der Vater des Romanciers Faulkner - einen Mietstall besitzt.
Nicht nur das Geschäft der Priests, sondern auch den grotesken Boon
Hogganbeck hat Faulkner einer autobiographischen Reminiszenz nachgebildet. »Ich erinnere mich noch«, erzählte Faulkner über seine Kindheit, »an einen großen Kerl, der sechs und einen halben Fuß maß und zweihundert Pfund wog, aber nur soviel Verstand wie ein Zehnjähriger hatte.« Lucius Priest über Boon Hogganbeck: »Er war zäh, treu, tapfer und vollkommen unzuverlässig; er war ein Meter dreiundneunzig groß und wog 220 Pfund und hatte die Mentalität eines Kindes.«
Während die Eltern und Großeltern des Jungen zu einem Begräbnis über Land sind, stehlen Boon, Ned und Lucius aus dem Schuppen des Bankiers Priest einen jener neuartigen Apparate, die Automobile heißen - es ist das dritte in Jefferson - und machen einen Ausflug nach Memphis. Ihr Ziel, zumindest das Ziel Boons, ist ein Haus, das den Lesern des Faulkner-Romans, »Freistatt« bereits ebenso bekannt ist wie Boon Hogganbeck den Lesern der Erzählung »Der Bär": das Bordell der Miss Reba.
So bereitwillig die energische Miss Reba ihren Stammgast Boon auch aufnimmt - die Anwesenheit des e]fjährigen Lucius mißfällt ihr, um so mehr, als schon Corrie, eine der Hausbewohnerinnen, ihren Neffen Otis zu sich geholt hat. Der zwergenhafte 15jährige Bauernjunge Otis aus Arkansas soll im Umgang mit den Damen feinere Manieren erlernen.
»Sie kommen sowieso schnell genug hier rein«, klagt die attraktive Hausmutter über die Jungen, »wozu sie dann noch antreiben, ehe sie nicht wenigstens ein bißchen Zaster haben und in der Lage sind, ihn auszugeben. Von den Kunden ganz abgesehen, die hier ihr Geschäft machen wollen und statt dessen rausfinden, daß wir 'nen verdammten Kindergarten unterhalten.«
Lucius, dem Autodiebstahl und Überlandfahrt inzwischen Gewissensbisse machen, kommt nur mühsam mit seinen neuen Eindrücken zurecht: »Plötzlich wollte ich zu meiner Mutter; ich wollte das Ganze nicht mehr, keinen freien Willen mehr.«
Aber das Abenteuer geht, von Faulkner virtuos dirigiert, weiter, es wird immer verwickelter und alptraumhafter und wächst schließlich auch Boon und dem schwarzen Onkel Ned über den Kopf. Bevor sich nämlich Lucius und Boon im Bordell von Memphis installieren können, hat Onkel Ned Großvater Priests Automobil gegen ein Rennpferd getauscht; und das Pferd ist gestohlen worden.
Der Neger Ned jedoch bleibt, im Gegensatz zu seinen Genossen, zuversichtlich; er hat eigene, wenn auch nicht ganz plausible Vorstellungen, wie er das Auto zurückbekommen, das Pferd behalten und zusätzlich bei der Transaktion noch etwas Geld verdienen kann. Ned arrangiert ein Pferderennen auf dem Land und gewinnt es auch trotz aller Zwischenfälle, nachdem er den notorischen Verlierer »Blitz« mit Ölsardinen gedopt hat. Lucius fungiert als Jockey.
Ganz allerdings geht die Rechnung des pfiffigen Negers am glücklichen Ende doch nicht auf. Zwar verdient er beim Rennen das erhoffte Geld, und auch das Auto geht wohlbehalten an seinen rechtmäßigen Eigentümer zurück. Den Besitzer des Pferdes indes muß der großväterliche Bankier, der
inzwischen den drei Räubern zu Hilfe gekommen ist, mit einer Art Buße von 500 Dollar abfinden, ehe Lucius, Boon und Ned nach Jefferson zurückkehren dürfen.
Als der Junge sich nach seinem Ausflug in die »Nicht-Tugend« beichtbeflissen bei Großvater Priest anschuldigt, er habe gelogen, betrogen und Ungehorsam geübt, erklärt ihm der Bankier: »Ein Gentleman steht für seine Taten ein und trägt die Last ihrer Folgen.« Lucius erkennt: »Ich war kein Kind mehr: Unschuld und Kindheit waren für immer verloren, für immer dahin.«
Faulkner hat zur unverhofft gradlinigen Handlung seines skurrilen Romans noch viele unverhofft komische Figuren erfunden, so den bösartigen, fünfzehnjährigen Zwerg Otis, der die Biervorräte des Bordells austrinkt, dem schlafenden Negermädchen Minnie einen Goldzahn aus dem Mund stiehlt und dem wohlerzogenen Lucius Priest eine Messerwunde beibringt, als Lucius die Ehre der Bordell-Tante Corrie verteidigen will. »Elf Jahre alt«, bewundert Hogganbeck seinen Gefährten, »und schon 'nen Messerstich in 'ner Hurenhausschlägerei.«
Tante Corrie aber nimmt sich die Handlungsweise ihres Verteidigers so sehr zu Herzen, daß sie ihr Gewerbe aufgibt und zum Schluß Boon Hogganbeck heiratet - freilich erst, nachdem sie noch ein letztes Mal dem Hilfssheriff Butch willig war, um Ned aus dem Gefängnis und das sequestrierte Pferd »Blitz« aus dem Stall herauszuholen.
»Wenn du Bäume so lange gesägt hätt'st wie sie«, tröstet die Bordellmutter Miss Reba, »was zum Teufel macht dann noch ein Baum aus?« Boon allerdings ist anderer Ansicht. Er übt an Sheriff Butch seine Boxkünste und muß dreimal ins Gefängnis, bevor ihn der alte Bankier Priest nach Jefferson zurückexpediert.
Dort, in Jefferson, Yoknapatawpha County, Mississippi, bringt Corrie das letzte Kind Faulknerscher Phantasie zur Welt. »Sein Name ist Lucius Priest Hogganbeck«, erklärt Corrie Hogganbeck ihrem Besucher Lucius. Es ist der letzte Satz in William Faulkners Werk.
* William Faulkner: »The Reivers«. Random House, New York; 306 Selten; 4,95 Dollar.
Erzähler Faulkner: Das letzte Kind heißt Lucius