Die rote Wundertüte - DER SPIEGEL
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AUSSTELLUNGEN Die rote Wundertüte

Die Neue Nationalgalerie in Berlin feiert die lange verschmähte Kunst der DDR - in einem groß angelegten Überblick, wie es ihn bisher nicht gegeben hat. Eine faszinierende Schau, die aber auch Ärgernis erregen wird, weil die umstrittensten Bilder einfach weggelassen werden.
• aus DER SPIEGEL 30/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Erich Honecker wirkt ein wenig ratlos, jedenfalls auf diesem Foto aus dem Jahr 1982. Mit geöffnetem Mund und fragend starren Augen steht der Staatschef der DDR vor einer Wand voller Gemälde und lauscht, was ihm seine Begleitung, der Künstler Willi Sitte, so zu sagen hat. Ehefrau Margot Honecker betrachtet die Bilder dagegen mit Kennermiene. Wie ein strenger Laserstrahl fixiert ihr Blick die Kunst.

Die Aufnahme zeigt die Honeckers beim Rundgang durch eine der Kunstausstellungen der DDR in Dresden. Beide erwecken nicht gerade den Eindruck, als machte ihnen der Pflichttermin Spaß. Das Beste, was die sozialistische Kunstfabrik zu bieten hatte, ist ihnen ohnehin entgangen - das unterstellt jedenfalls eine Ausstellung mit dem Titel »Kunst in der DDR«, die am kommenden Donnerstag in der Neuen Nationalgalerie in Berlin eröffnet wird.

Schon jetzt ist klar, dass diese Schau für Aufsehen sorgen wird. Und das bestimmt nicht nur, weil seit dem Kino-Erfolg »Good Bye, Lenin!« der Osten »wieder in der Luft liegt«, wie Roland März, einer der Ausstellungsmacher, schwärmt*.

Wenn''s bloß so harmlos wäre. In der Nachwendezeit sorgten so ziemlich alle Bilanzen zur Kunst der DDR oder zu einzelnen Ostkünstlern für bundesweite Hysterisierung: Die einen regten sich über die »Diffamierung« des Kunsterbes auf, die anderen über dessen »Verharmlosung«. Die postumen Auftritte der DDR-Kunst endeten vorzeitig (1999 in Weimar) oder wurden gar nicht erst eröffnet (2001 in Nürnberg). Es kam auch vor, dass sich Museen im letzten Moment aus Kooperationsprojekten zurückzogen - wie die Berliner Neue Nationalgalerie, die 2002 die Kollegen vom Museum der bildenden Künste in Leipzig vor den Kopf stieß. Deren viel gelobte Ausstellung »Klopfzeichen« zur Kultur im Deutschland der achtziger Jahre galt den Berlinern plötzlich als zu oberflächlich.

Jetzt setzt die Nationalgalerie auf eine hausgemachte Schau, und die hat schon deshalb gute Chancen auf den Skandal-Wanderpokal, weil sie sich besonders größenwahnsinnig gibt. »Erstmals« will sie einen »repräsentativen« Überblick über »Kunst in der DDR« liefern. Eine »Re-Vision« wird versprochen, eine neue Sicht auf die »Energiefülle« von 40 Jahren DDR-Kunst. Die Veranstalter verheißen sogar noch mehr. Diese Retrospektive »legt, mehr als alle Geschichtsbücher vermögen, ein sinnlich bewegtes Zeugnis ab, wie in der DDR wirklich gelebt und gelitten wurde«.

Mehr geht nicht. Die Kuratoren Roland März und Eugen Blume, in dieser Funktion selbst DDR-erprobt, wollen die ostdeutsche Kunstszene verstanden wissen, und zwar richtig. Was nicht passt, kommt ihnen nicht in die Wundertüte. Zum Beispiel »die ideologisch gefärbte, formal schwache Massenkunst«.

Aber galt die ideologische Färbung nicht als erste ästhetische Pflicht? Gehört nicht die Massenkunst (an der in regelmäßigen Leistungsschauen die Ulbrichts, Honeckers ebenso wie unzählige Brigaden und Schulklassen vorbeigeschleust wurden) zu einem umfassenden Überblick dazu?

Solche Spitzfindigkeiten bringen die Initiatoren kaum in Erklärungsnöte: Es gehe nicht um »Kunst der DDR«, also um offizielle Staatskunst, sondern um »Kunst in der DDR«, um Kunst, die »trotz alledem« geschaffen wurde. Um ein »Best of DDR«.

Weggelassen werden darf, dem Wörtchen »in« sei Dank, alles, was einst omnipräsent war und den Ostkunstgeschmack prägen sollte, all die legendären Bild-Hymnen auf Rübenhackerinnen, Schweißer und Chemiearbeiter. Die Proletariatsästhetik und die Schwülstigkeit der offiziellen »antifaschistischen« Denkmäler kommen höchstens als Randerscheinungen vor.

Schwamm drüber. Viel wird in der Berliner Schau dennoch zu sehen sein - immerhin 400 Werke von über 130 Künstlern. Jede Menge Abstraktes wurde hervorgezaubert - und auch sonst viele Werke, die

zu DDR-Zeiten in aller Heimlichkeit geschaffen wurden. Die Besucher können staunen: über sächsische Pop-Art und Ost-Berliner Op-Art, über einen vieldeutigen Symbolismus, bei dem, pikantes Detail, schon mal Walter Ulbricht ins Fegefeuer geschickt wird, über kühl Konstruktivistisches und Porträts junger Punks.

Die Kunst aus der DDR wirkt in dieser Schau streckenweise (bis auf manches Brigadebild) ziemlich westlich. Man war den Kollegen in Düsseldorf oder New York nicht voraus, aber es gibt, obzwar zeitlich verzögert, verblüffende Parallelen. Bisher lautete das, westliche, Kampfklischee: Die Nachkriegskunst des Westens steht für permanente Erneuerung, die des Ostens für staatstragende Biederkeit. Die junge Bundesrepublik hatte gegen jede gegenständliche Kunst polemisiert, weil diese angeblich den Naturalismus der Nazis fortsetzte. In der DDR dagegen war nur erlaubt, was im zweifelsfrei sozialistisch gepolten Realismus die »positiven Charakterzüge des einfachen Menschen« und diesen Ideal-Ossi als »nachahmenswertes Beispiel« abfeierte.

Womöglich war aber alles ganz anders und der Osten der mutigere Teil Deutschlands. Statt mit dem Diktat des Kunstmarktes mussten sich die Künstler mit einer Diktatur herumschlagen, die sie durch Zensur, Bespitzelung und Privilegierung auf Parteilinie zu trimmen versuchte.

»Es gab viele individuelle Wege, der Zwangsjacke von Ideologie und Kunst zu entgehen«, meinen die Kuratoren. Stimmt das? Oder wird jetzt, wie der Künstler Via Lewandowsky glaubt, eine experimentelle Nische »nachträglich mit einer Bedeutung aufgepumpt, die sie nie hatte«. Die DDR-Kunst, sagt er, sei »vermufft« gewesen (siehe Interview Seite 155).

Hofieren ließen sich Malergenossen wie Werner Tübke, Willi Sitte oder Bernhard Heisig, die ihren eigenen Historismus pflegten und auf ihren Bildern den Eindruck erweckten, die deutsche Renaissance und der Expressionismus der Vorkriegszeit hätten sich noch lange nicht erledigt. Der Ost-Berliner Hochschullehrer Herbert Behrens-Hangeler wurde 1963 entlassen, weil er »privat zu Hause abstrakt malte«.

In der Berliner Schau sind sie alle vertreten, die einst unterdrückten Außenseiter ebenso wie die Ex-Vorzeigekünstler - die aber nicht mit ihren (heute) umstrittensten Werken. Fehlen dürfen die Repräsentanten des offiziellen Geschmacks auf keinen Fall. Sonst wäre die kleine, aber prominente Riege der eingefleischten Ostkunstbewunderer im Westen düpiert, die sich früh für die Realo-Tradition des Ostens eingesetzt hat: In der DDR würde deutscher gemalt, lobte etwa Günter Grass Anfang der achtziger Jahre. 1986 bestellte der Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt für die Ahnengalerie im Kanzleramt ein Porträt beim Ostmaler Heisig.

Dass viele, längst nicht alle, Künstler auch in ihren gegenständlichen Werken nagende Zwischentöne fanden, ist bekannt. Wie Manfred Böttcher auf seinem Gemälde »Die Serviererin« aus dem Jahr 1957; eine junge Frau, durch ihre Schürze als DDR-kompatibles Mitglied der Arbeiterklasse ausgewiesen, sitzt im düsteren Raum und verkörpert vor allem eines: müde Einsamkeit. Wie ideologiefern viele andere Werke waren, bleibt ein gut gehütetes Geheimnis. Was ist zum Beispiel mit Wolfgang Mattheuers Gemälde »Die Flucht des Sisyphos« aus dem Jahr 1972, von dem der Künstler einst behauptete, es verurteile das »Ahumane der kapitalistischen Produktionsweise«?

Auch die Berliner Interpreten helfen in vielen Zweifelsfällen nicht weiter. Von »unfreiwillig freiwilligen Hofkünstlern«, einem »Sowohl-als-auch« ist gern die Rede. Und dort, wo eindeutig im Sinne des wichtigsten Auftraggebers, des Staates, gemalt wurde? »Wahrheiten und Irrtümer zeigen sich am deutlichsten bei den großen Begabungen«, lautet die fixe Antwort. Außerdem: Man leugnet Abhängigkeiten ja nicht, und man könnte auch schwer verdrängen, dass der Maler und Kulturfunktionär Sitte auch im Zentralkomitee der SED saß. Aber die Schau will »jenseits des Moralistischen« ästhetische Endeckungen bieten. Es gab Opfer und Täter - geblieben ist die Kunst.

Auf die ausgewählten Werke selbst und darauf, was ihre jeweilige Qualität ausmacht, geht der 360 Seiten dicke Katalogwälzer seltsamerweise kaum ein. Es sei darauf verzichtet worden, die einzelnen Werke »so zu beschreiben, wie man sie heute sieht«, sagt Kurator März. Stattdessen ließ er Kommentare aus früheren Jahren nachdrucken. Man habe nicht genug Zeit gehabt, eigene Texte zu verfassen, gesteht März. So viel zur Re-Vision.

Den triumphalen Schlussstrich unter den Bilderstreit wollte man nicht länger hinauszögern. »Man muss jetzt auf die Stimmung im Land reagieren«, sagt März. Und: »Die Jahre der deutsch-deutschen Animositäten und des Messerwetzens sind vorbei.« Fast schon vergeben sind solche Äußerungen wie die des Westkünstlerstars Georg Baselitz, der 1957 die deutsch-deutsche Grenze gewechselt hatte - und der die einst im Osten verbliebenen Kollegen »Arschlöcher« nannte (und das noch 1990). Heilt der Zeitgeist alle Wunden?

Nicht ganz: »Feinde« der DDR-Kunst hätten sich seit 1989 in Boykott und Schikanen geübt, so schimpft Eduard Beaucamp, ehemaliger Kunstkritiker der »FAZ«, im Katalog.

Ganz ohne alte und neue Feindbilder geht''s eben doch nicht. ULRIKE KNÖFEL

* Bis 26. Oktober. Katalog im G + H Verlag, Berlin; 360 Seiten;22 (im Buchhandel 36) Euro.

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